Morgens beim Grauen Appell, dann ziehe ich zur Küche und mache großes Feuer, meist aus Selbsterhaltungstrieb, denn die Kälte macht sich recht bemerkbar. Dann bringt mein Bursche (wir leisten uns solchen Luxus für 50 Cts. täglich) Wasser und Waschgeräte nach oben, wo ich mich einer gründlichen Reinigung unterziehe, dann meinen Morgenkaffee wärme. Inzwischen kommen Radei und Moritz zur Menuberatung, dann Linke mit dem großen Einkaufskorb, Küchendienst. Endlich naht der Financier der Küchengesellschaft, Herr Gerson, mit seinem Notizbüchelchen und notiert, was wir ihm an Einkäufen als notwendig vorschlagen, nickt bejahend oder schüttelt mißbilligend den Kopf. Wir alle fünf gehören zu den Senioren der Gefangenen. Radei, der jüngste von uns, zählt 35 Jahre, Gerson und Moritz sind noch älter als ich, Linke geradeso alt. Nun geht es zum Einkauf. Zuerst herauf zum Fleischer, einem dicken braven Manne, der uns manch gutes Stück ausgesucht, manchen Vogel besorgt und auch manche Flasche Wein heimlich zugesteckt hat. Für 22 Personen Fleisch, also immerhin eine tüchtige Portion, denn wir haben Hunger und müssen nachholen. Dann zur Kantine, wo wir auch freundlich empfangen werden, wir sind immerhin gewichtige Gäste. Die alte Frau erzählt uns ihr altes Märchen von Guillaume, das ihr das Käseblättchen immer mit neuen Tricks mundgerecht auftischt, und die junge, deren Mann im Kriege ist, gibt aus, je nach den Nachrichten, die sie empfangen, reichlich oder weniger reichlich. Die Nachrichten müssen selten gut sein, denn sie wiegt immer knapper und steigt in Preisen. Bisweilen wird uns ein Morgenschnäpschen kredenzt, Branntwein, der Krämpfe erzeugt. Nun geht es ans Reinigen der Gemüse, des Fleisches, Aufsetzen des Wassers usw., bei dem sich mein Freund Moritz wie immer durch besondere Sorgfalt auszeichnet, bis die verschiedenen Sachen aufgesetzt sind und die Frager sich einstellen: „Was gibt es heute?“ Ihre Zahl vermindert sich zusehends, denn sie werden meist nicht eben freundlich behandelt. Sie sollten sich auch solche Fragen abgewöhnen, denn die Antwort ist doch immer die gleiche: Das weiß der Koch erst ganz bestimmt, wenn das Essen auf dem Teller liegt. — Wie oft hat es sich gerächt, wenn wir so tiefe Weisheit mißachteten und in vorschneller Prognose die Tagesplatte verraten hatten, und nachher gestehen mußten, daß eben aus dem Wunderkochtopfe zum Schlusse etwas ganz anderes hervorgegangen war, als unsere Meinung gewesen. Wenn ich nun verrate, was es bisweilen gab, und bis zu welchen Höhen sich unsere Kochkunst verstieg, so schelte man uns nicht Schlemmer, wir haben es vorher schlecht genug gehabt, und solche Perioden des Wohllebens waren immer von kurzer Dauer, wer weiß, wie wir es später haben werden? Also nach dieser entschuldigenden Vorrede zur Aufzählung der Tagesplatten, die zu den außerordentlichen gehörten: Aal grün, Aal gebacken mit Breikartoffeln (dabei half, wie auch sonst oft, der Kapitän der Elsa Köppen, Herr William, der eine wunderbare Fähigkeit besaß, die Aale durch den Essig laufen zu lassen und dann ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen), Kalbskeule mit Gemüse (hors de concours), Schweineschinken, Apfelmus, Fischsuppe mit Tomaten, Huhn mit Reis, gebratene Hühner, Rindfleisch mit Senfsauce, Bouillonkartoffeln und Sellerie, Karotten und Steinpilze mit Koteletts, frische Champignons, Kartoffelpuffer, Eierkuchen mit Obst usw. usw. Wenn man bedenkt, daß der Durchschnittspreis für die Portion 50 Cts. sein sollte, daß Herr Gerson böse Augen machte, wenn wir das Budget überschritten, daß wir keine weiteren Gewürze als Zwiebeln, Salz und Pfeffer zur Verfügung hatten, daß die Butter unerschwinglich teuer und das Schmalz ungenießbar war, so denke ich doch, daß wir das Unsere geleistet haben. Zur Kräftigung der Kasse wurde nachmittags Kaffee gekocht, an dem wir pro Tasse etwa 7 Cts. verdienten, und ein Cedratine dazu ausgeschenkt, der auch einen kleinen Ueberschuß ergab. Andernfalls wäre unser gemeinnütziges Unternehmen verkracht. Wenn nun alles sich gesättigt entfernt hatte, begann die Reinigung der Küchenräume durch eine angestellte Kraft. Später stand die Küche noch einmal den 22 Mitinhabern zur Verfügung, und manch Eierkuchen oder Kartoffelpuffer wurde darauf gebacken. Bisweilen, aber nur selten, an ganz besonders kalten Tagen, braute ich abends einen Eierpunsch, zu dem Anmeldungen zugelassen wurden. Das geschah besonders, wenn die Kasse Ebbe aufwies.

Daß ich nun doch die Küche aufgeben werde, hat verschiedene Gründe. Zuerst kann ich selber nicht essen, wenn ich koche, und nehme so viel zu wenig Nahrung zu mir. Ich werde Radei auf einige Zeit die Leitung übergeben und für einige Zeit auf Urlaub gehen. Der wird wohl auch nicht lange aushalten und Moritz auch nicht, denn sie sind beide nicht die Stärksten, und Arbeit, die zu leisten ist, ist weit größer, als der ahnt, welcher mit seinem möglichst tiefen Teller ankommt und sich seine Portion zumessen läßt. Dann aber will ich mich zurückziehen, weil die Küche zu exponiert liegt und wir das ganze Getriebe der korsischen Forestiers und Gendarmen wie auch Simeoni mit seiner Kommandostimme täglich vor Auge und Ohr haben. Ich möchte die Aussicht auf die Berge und alle Schönheiten der Natur entbehren, wenn ich einmal ein Zimmer für mich hätte, in das ich mich verschließen und ausdenken könnte, ohne immer wieder mit ansehen zu müssen, was uns Gefangenen hier täglich und stündlich von den Korsen zugefügt wird.

Gestern passierte etwas, so widerlich, wie ich lange nichts erlebt. Nach dem Essen saß ich auf der Mauer gegenüber der Küche mit Herrn Großpietsch, einem jungen Manne von 21 Jahren, der mir in der Küche geholfen hatte. Während wir uns unterhielten, sehen wir, wie ein französischer Soldat in der Küche herumschnüffelt. Ich frage: „Was will der Kerl?“ G. geht hin und fragt den Soldaten, was er da suche, worauf der sofort grob wird und G.s Namen fordert. Ein Gendarm kommt aus der anderen Küche, packt G., der sich verteidigt, und nun prügeln beide zusammen auf den einen Wehrlosen in der rohesten Weise. Dann verhaften sie sie ihn. Unterdessen war schon wieder unten ein wüstes Durcheinander entstanden. Alle, welche den Vorfall mit angesehen hatten, entrüsteten sich gegen solche Mißhandlung. Der Hauptmann kam, ein bequemer, weißhäuptiger kurzer Herr, dem der Name Schildkröte beigelegt war. Die Forestiers zogen, wie sie das so gewohnt waren, den Revolver und bedrohten jeden einzelnen, einige weitere Verhaftungen wurden vorgenommen, der Hauptmann sprach mit dem Gendarmen und bestätigte die Strafe. Da trat ich an den Hauptmann heran und bat, gehört zu werden, da ich direkt neben G. gestanden habe. Ich wurde nicht gehört, sondern mir die Antwort zuteil: „Wenn ein französischer Gendarm sagt, er habe nicht geschlagen, so gilt das mehr, als wenn 200 Deutsche beschwören, er habe geschlagen.“ Unsere Hoffnung auf Freilassung taucht täglich auf und täglich wieder unter. Unseren Nerven wird reichlich viel zugemutet. Wie lange werden wir aushalten? Welche Zustände! Wer uns hier sähe, würde sich entsetzen. Wir liegen auf Stroh am Boden, in unsere Wäsche kriechen die Läuse, die Ratten beginnen sich zu zeigen und werden uns allmählich an Zahl näherkommen. Im Zimmer steht neben den Lagern ein Kübel, der, sobald wir eingeschlossen sind, bis zum Morgen benutzt wird und fast immer besetzt ist. Wie soll da der Infektion Halt geboten werden?

Willkür und Unordnung treiben Blüten. Neulich wird Klaebisch als Sektionschef plötzlich ins Gefängnis gesteckt, weil ein Mann seiner Sektion fehlt. Wir zählen nach und finden, daß alles stimmt. Nun werden die Franzosen gerufen und zählen auch nach, dreimal, bis sie wirklich herausbekommen, daß keiner fehlt und Klaebisch wieder entlassen wird. Das Gefängnis füllt sich, der brave Arzt läßt alle ins Gefängnis stecken, welche sich krank melden und von ihm nicht als krank befunden werden. So beugt man Krankheiten vor. Wir leben im Lande der Humanität.

Dr. Bayer hat eine Karte geschrieben, darin heißt es: „Wir haben auch Nachbarn, Ratten, Wanzen, Läuse, Krankheiten und den Tod.“

Max.

Am 1. November waren neue Zivilgefangene unserm Zuchthaus zugeteilt, es waren das alles Wehrpflichtige, welche, von Spanien kommend, auf Schiffen, die meisten auf dem Federigo, abgefangen waren. Wir bedauern die Armen, die mit uns leiden sollen. Von den in Frioul zurückgelassenen drei Priestern erfahren wir, daß sie freigeworden und nach Spanien zurückgeschickt sind. Barth schreibt an Bayer folgende humoristische Karte, die wunderbarerweise durch die heute noch harmlose Zensur geht, trotzdem ihr Sinn allzu deutlich ist. Sie lautet:

18. 11. 14.

Lieber Freund!

Ich habe Deinen Brief, den Du nach Graz schicktest, gelesen, ebenso die Briefe Pressel und Klaebisch, und freue mich, daß es Euch wohlgeht. Da ich weiß, wieviel Dir an unseren Vereinen liegt, so teile ich Dir mit, daß sie, besonders unser Theater, brillant funktionieren, trotz der schlechten Zeit. Nur Franz Rebl und Peter Schwarz sind im Kriege gefallen und können nicht mehr aufstehen. Sehr schwer verwundet sind Nikolas Schnaps und Georg Nordwassermann, dagegen ist unsere Demi-Monde sehr viel beschäftigt und tritt mit uns in verschiedenen Rollen auf. Wir ernten alle sehr viel Beifall und Lorbeerkränze. Brauchst also um unsere Sache nicht besorgt zu sein. Hoffe, daß wir uns zu Ostern wiedersehn. Beste Grüße an alle Freunde, und bitte um einige Zeilen an Deinen alten Freund