Philipp.
Der brave Barth. Wenn wir ihn noch bei uns hätten! Aber wir gönnen ihm alle sein besseres Los. Wir freuen uns für jeden, der diesem Kerker entgeht, und erwarten, daß er in der Ferne für uns wirkt.
So leben wir weiter im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn wir doch schneller abstumpften gegen Kränkungen! Es ist das, was wir täglich üben müssen, es wäre die erste Phase zur Gesundung, der Sieg über uns selber, aber es geht noch nicht. Ein vielleicht krankes, gewiß nicht berechtigtes Ehrgefühl zuckt immer wieder in uns auf. Wir sagen uns, daß uns der Feind nicht kränken kann, und ärgern uns über uns selber, wenn es ihm doch immer wieder gelingt. Wir dürfen nicht aufhören, gerade in dem Sinne an uns zu arbeiten.
Verlaß ist auf nichts, und was heute gilt, wird morgen nicht gelten. Ist der Kommandant für uns, so haben wir Simeoni als Gegner oder die Forestiers. Und wer hat die Macht? Ein ganz nettes Stückchen passierte neulich. Dr. Mayne hatte irgend etwas Unbesonnenes begangen und sollte ins Gefängnis; da ging er zur Frau vom Domänenverwalter, die für uns Partei nimmt und auch gründlich die Hosen anzieht, wenn sie unter den Offizieren auftritt. Diese Frau sagt ihm, sie würde das schon regeln (und sie hat es auch geregelt), rät ihm weiter, er solle vor allem den korsischen Forestiers gehorchen; was der Kommandant sagte, wäre unwesentlich, alles hinge von den Forestiers ab. Die gute Frau hat uns auch später oft geholfen.
Der Kommandant hat uns Aerzte von jeder Arbeit befreit. Am 20. November kam ein neuer Genieoffizier, um Arbeitsverteilung vorzunehmen. Simeoni sagt ihm, als er an mich kommt, daß ich als Médecin-Major frei von Arbeit sei. Er kehrt sich nicht daran: „Gut, Landarbeiter“. Dr. Heller passiert das gleiche. Die Pfarrer sind gerade in Aleria, sonst kämen sie auch dran. So nehmen wir Spaten in Empfang und gehen als Ackersmann hinaus aufs Feld. Wir nahmen die Sache humoristisch, und es lohnte sich, sie so zu nehmen. Es war der erste Tag meiner Zwangsarbeit und einer von den wenigen, die mir gefallen haben. Ich will dabei verweilen.
Nachdem wir einem Korporal zugeteilt waren, ging es zur Feldarbeit; vor allem heraus aus dem Bau und dem Kasernenhofe! Vor uns die schneebedeckten Berge. Wir sind der Abteilung zugeteilt, in der auch Moritz und Bonitz arbeiten. Was die können, warum nicht wir auch? Bonitz hat schon Arbeit gewählt: er unterhält das Feuer, und ich helfe ihm und unterhalte ihn und wir uns gegenseitig und das Feuer. Die Landschaft ist herrlich. Der Korporal gibt meinen Spaten einem andern und fordert mich gutmütig auf, nicht zu arbeiten. Ich sehe um mich und mache die Entdeckung, daß die anderen auch mit recht wenig Arbeit auskommen. An der Zwangsarbeit wird keiner zugrunde gehen, das ist ein Trost, wenn mir auch Moritz sagt: „Du hast schön reden, guckst einmal in die Sache herein, hast Glück in der Wahl des Korporals, und nun willst du über derlei urteilen?“ Recht hat er, aber ich auch, denn ich habe auch später die Waldkolonnen und Essenträger begleitet und die verschiedenen Arbeiten gesehen. Immer fand ich, daß die Arbeit kräftigend wirkte und ein gutes Gegengift war gegen die seelische Depression.
Nachdem wir also das heilige Feuer zu schöner Glut geschürt hatten, zogen wir aus, neues Holz zum Brande zu suchen. Bonitz führte mich an einen Bach, an dessen Ufern viel trockenes Holz lag und vertrocknete Bäume standen. Wir sammelten einiges, machten aus den größeren Stämmen eine Bahre und luden das gesammelte Holz darauf. Das war das Werk von zehn Minuten, aber eine halbe Stunde arbeiteten wir dann viel schwerer an der Vertilgung unseres mitgebrachten Frühstücks und einer halben Flasche Rotwein. Die Sonne neigte sich schon. Wir genossen die herrliche Ruhe. Kein Geschrei, kein ewiges Gekeife: „Was soll’s, flott! Vorwärts, flott!“ — Wir atmeten tiefer. Dann nahmen wir unser Holz auf, brachten es zum Feuer, dessen Bewachung andere übernommen hatten, und verbrachten noch ein Viertelstündchen am Feuer mit den anderen. Der Korporal saß bei uns. Als wir nach Hause kamen, sah der Médecin-Aide-Major gerade aus dem Fenster. Es muss ein wohltuender Anblick für ihn gewesen sein. Er kam aber doch heraus, reichte uns seine kleine weiche Hand und fragte uns naiv aus, ob wir denn arbeiteten. Wir bejahten das, und Dr. Heller sagte lachend: „Wir sind leider noch nicht recht an dieses Instrument gewöhnt“, und wies auf die Hacke über seiner Schulter. Hierauf sagte er, wir möchten am nächsten Tage zu ihm kommen. Er hat uns dann freigeschrieben von aller Arbeit, aber wird uns das nützen? Vielleicht sagt schon der nächste korsische Forestier: „Ich pfeife auf den Arzt, ich bin der Arzt. Vorwärts also!“ Aus allem Elend taucht immer wieder die Hoffnung auf Befreiung. Heut heißt sie Infantin Beatriz von Spanien (die in hochherziger Weise sich um meine Befreiung bemüht hat), morgen Sister, dann Auswärtiges Amt, Genf, Bern, Repressalien, Austausch, Arzt, Militärarzt. Heut hat sie eigenartige Gestalt gewählt, sie heißt Italien. Gerüchte über Gerüchte dringen an unser Ohr, Telegramme nach Italien untersagt, Geld über Italien wird nicht ausgezahlt, Spannung zwischen Italien und Frankreich, geheimer Vertrag zwischen Italien (Bülow in Rom) und Deutschland, der Italien verpflichtete, im Anfange des Krieges neutral zu bleiben, damit die Einfuhr von Lebensmitteln leichter sei. Und durch das Labyrinth des Ohres dringen die Gerüchte tief ein ins Gehirn, klopfen an die Ganglien und legen sich fest in den Nervenzentren. Und nun beginnt die Phantasie seltsame Blüten zu treiben. Bis zum Appell steht alles auf der Terrasse und hält Ausschau nach italienischen Kriegsschiffen, die nicht erscheinen wollen. Neue Meldungen kommen. Einer hat gehört, wie einer zu einem gesagt hat, in Spanisch: „Italien hat den Krieg an Frankreich erklärt“, ein anderer, wie ein anderer einem anderen zugeflüstert hat: „Der Krieg ist erklärt.“ Und wir berauschten uns förmlich an romantischen Phantasiegebilden. Es genügt nicht, daß der Krieg entbrannt ist, wir bauen weiter. Was tut Italien, was wird der erste kriegerische Schritt sein, den es unternimmt? Natürlich die Besetzung Korsikas. Und Korsika wird sich nicht wehren können, Bastia wird fallen und Ajaccio. Die Italiener rücken ein und bringen uns Waffen. Unsere Vögte werden Kriegsgefangene, und hei! wie wir ihnen lohnen werden für all die Schmähungen und Kränkungen, mit denen sie uns überhäuft. Simeoni unser Gefangener und der hämische Arzt! Gewiß, so wird es werden, und wenn heute die Schiffe noch nicht da sind, so kommen sie morgen, und wenn morgen nicht, übermorgen. In Bereitschaft sein ist alles! Es bläst zum Appell, und wir reißen uns unwillig los vom Anblick des verheißenden Meeres, da unten weit und tief unter uns. Zum Schuppen geht es, und die Gläser füllen sich, und ein gedämpftes „Evviva Italia“ geht von Mund zu Munde. Die Erregung ist ins Ungeheure gestiegen, und manche Flasche wird geleert. Herrgott im Himmel, wenn das wahr würde! Wenn unsere Knechtschaft so schön, so romantisch schön endigen sollte! Aber endlich übermannt uns die Müdigkeit, und Wein vertragen wir auch nicht mehr. Glückselig sinken wir auf unser Strohlager und freuen uns auf den morgigen Tag. Das Wetter ist unwirsch geworden, und leiser Donner grollt in der Ferne. Plötzlich etwa nach Mitternacht werde ich aus schwerem Schlaf geweckt, auf unserer gemeinschaftlichen Matratze hat sich Bonitz erhoben, er stößt mich wieder und wieder an, es wird ihm schwer, mich wach zu bekommen. „Max, Max! Siehst du es nicht? Sieh doch da! die Scheinwerfer!“ — Ich weiß nicht mehr, ob es ihm gelungen war, mich zu überzeugen; ich weiß nur, daß in derselben Nacht auch Blitz und Wetter leuchtete und bat meinen Freund Bonitz am anderen Morgen, wenn er in der nächsten Nacht wieder Scheinwerfer sähe, so möchte er mir solches Faktum doch erst später, wenn ich ausgeschlafen sei, mitteilen. Und so vergeht die Nacht und der nächste Tag in äußerster Spannung. Einige versteckte Ferngläser werden hervorgeholt und das Meer abgesucht nach italienischer Kriegsflagge. Auch die nächste Nacht brachte keine Ruhe, die Geister spukten in unseren Köpfen. Ich wollte gerade einschlafen, als ich plötzlich eine lange Gestalt vor meinem Lager sehe. Es war ein Brasilianer, der mir mit flüsternder Stimme zuruft: „Erheben Sie sich!“ — Ich folgte dem seltsamen Befehle und setzte mich aufrecht auf mein Lager, mir den Herrn anzusehen. „Reichen Sie mir die Hand, Sie werden mich kennenlernen!“ fährt er in Geisterstimme fort. Da ich merkte, daß das Oberstübchen, ob chronisch, ob akut, nicht ganz richtig funktionierte, so lud ich ihn ein, bei mir Platz zu nehmen; aber mit Gespensterlächeln erwiderte er: „Heute nicht, heute wird Ihnen noch vieles seltsam erscheinen, aber morgen. Sie werden von mir hören.“ Dann schlich er davon, und ich sank in Schlaf oder versuchte es, denn der Mann mir gegenüber ließ mir keine rechte Ruhe. Ich war eben gerade eingenickt, als ein seltsames Fauchen mich weckte. Der Mann hatte sich, auf allen vieren schleichend, wie ein Panther vorgestreckt, ergriff mit einer Vorderpfote einen Schemel, und mit dem Rufe „Feuer, Feuer!“ schleuderte er ihn nach vorn und traf einen der Unseren recht kräftig. Es wurde zum französischen Arzt geschickt, der natürlich nicht kam. Dr. Heller holte Morphium, und er verfiel in tiefen Schlaf, den er uns nicht gönnte. Den Schemel hatte er, wie er sich am nächsten Morgen entsann, als Bombe gegen ein französisches Kriegsschiff (es war der Kübel der allgemeinen Notdurft) geschleudert. Ein Jüngling neben mir hatte sich in Todesfurcht in die äußerste Ecke des Schuppens geflüchtet, ohne auch nur eine Decke in seiner Herzensangst mitzunehmen, und da die Nacht durch gefroren. Er gehörte gottlob zu den „Nichtkombattanten“. — Und Italien griff doch nicht ein. Die Enttäuschung war bitter, schwer gewöhnten wir uns wieder an die ganz gemeine, hämische Wirklichkeit mit Gefängnis und Fußtritten und — Maurer...
Aber auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du!
Die Erregung steigt ins Ungeheure, und eine Rebellion scheint unausbleiblich. Wer die Wochen der Tragik miterlebt, dem werden sie als etwas Furchtbares ins Gedächtnis geprägt bleiben. Sie begann am 9. November, erreichte ihre schroffe Höhe am 22. Januar 1915 durch Grimms Auflehnung, wurde am 24. Januar durch den Gewaltcoup gegen Maurer vorübergehend zum Schweigen gebracht, wiederholte sich immer wieder in kleinen Szenen und lenkte, dann in ein Fahrwasser stumpfer Resignation ein und führte zum Schlusse zu einer ruhigen Regeneration, wenn ich so sagen soll, zu unserer Rettung, die wir erst dann als vollendet betrachten durften, als wir das Schreckenslager von Casabianda verlassen hatten. Und auch dann noch nicht. Aus Casabianda brachten wir schwere Krankheit und Tod mit. Einer der Unseren wurde zur Kugel verurteilt und drei vor ein Kriegsgericht gestellt. — Mir schlägt noch heute das Herz, wenn ich solche fürchterliche Erinnerungen zurückrufe, wenn ich derer gedenke, denen Casabianda Elend, Siechtum und Tod gebracht hat!
Es wird klingen, als schreibe ich einen Roman, aber ich rufe alle meine Mitgefangenen mit nur einer Ausnahme zu Zeugen auf, daß ich der Wahrheit gemäß schreibe, nicht übertreibe, eher mich mäßige. Selbst wenn ich dem gewaltigen Zorn, der mich noch heute in Erinnerung der furchtbaren Szenen in der Tragödie Casabianda packt, Zügel und Kandare anlege, was wahr ist, will ich auch niederschreiben, ohne zu verschärfen, aber auch ohne zu schonen.