Ich muß nun etwas chronologisch vorgehen und komme zurück auf das Kapitel Maurer.
Der Unwille gegen Maurer war auf das äußerste gestiegen, hier und da hörte man laute und versteckte Drohungen. Besonders die Matrosen hatten Rache geschworen, und dem Braven war wohl selber für sein Leben bange. Am 9. November kam der Matrose Grimm, ein Hüne von Gestalt, zu Maurer, um von ihm Stroh zu fordern, das der verweigerte. Ob es böse Worte gab, weiß ich nicht, im Augenblick hatte Grimm die Faust erhoben, die wuchtig auf Maurer niedersauste, dann stürzte er sich auf ihn, und wer Grimm kannte, wußte, was bevorstand. Zwei Nachbarn warfen sich dazwischen und erreichten es gerade noch, daß Maurer sich seinem Gegner entwinden konnte. Er flüchtete sich zu seinen Schützern, den Franzosen. Grimm wurde ins Gefängnis geworfen und zu dreißig Tagen verurteilt. Nun war Maurers Urteil zugleich gesprochen, denn daß die Matrosen ihren Kameraden rächen würden, war gewiß. So wählte Maurer sauren Gesichts das einzige Mittel, das ihm blieb, er machte sich zum Fürsprecher für seinen Angreifer und erreichte, daß dieser freigelassen wurde. Das Schicksal hatte ihn zu schwererer Tat und schwererer Buße aufbewahrt.
So zog diese Wolke noch vorüber. Von dem Tage an war Maurer vorsichtiger geworden und wir vorsichtiger gegen ihn, denn wir fürchteten heimtückische Rache. Aber neue Angriffe konnten nicht ausbleiben, so sehr wir sie zu verhindern suchten. Die Wut der Matrosen legte sich nicht. Am 24. desselben Monats wiederholte sich der Vorfall. Ein Matrose wandte sich drohend gegen Maurer, die anderen standen ihm zur Seite, und es drohte ein allgemeiner Ausbruch gegen den Vogt zu werden. Der Appell war vorüber, die Türen schon geschlossen. In seiner Herzensangst schlug Maurer mehrere Male gegen die geschlossene Tür, um Hilfe heischend und rief nach den Wachen. Die kamen, und der Matrose wurde von Maurer bezeichnet und abgeführt. Die Türen wurden wieder geschlossen, und als nun definitive Abrechnung erfolgen sollte, war Maurer verschwunden. Er hatte sich ins Wachtzimmer gerettet und hat es nicht gewagt, auch bei Tage nicht, zu uns zurückzukehren. Er begegnete uns nur noch, wenn Gendarmen auf dem Hofe waren, und das war gut so, es hätte leicht böse enden können.
Ereignisse folgten auf Ereignisse, fast ein jeder Tag brachte neue Aufregungen, und der Mann stand noch an seiner Stelle, die Franzosen schätzten die Dienste, welche er ihnen leistete. Das haben sie uns häufiger gesagt, und das schnitt jede Beschwerde ab. Sie hatten wohl auch Grund dazu, und sie schützten ihn recht wirksam. Wer sich dem Mann widersetzte oder ihn beleidigte, flog unerbittlich ins Gefängnis. Er nutzte diese Macht aus, nur so konnte er sich halten, und so war er den Franzosen genehm. Damals füllten das Gefängnis zwei Kategorien von Verbrechern:
- die, welche Maurer beleidigt hatten,
- die, welche sich beim Arzt krank gemeldet hatten und nicht krank befunden wurden.
So erwachte dem Würdigen damals ein Nebenbuhler, welcher den Haß der Gefangenen auf sich und von ihm ableitete, es war das der Arzt des Gefangenenlagers, der Médecin-Aide-Major Dr. Marcantoni, und eines seiner ersten Opfer war wieder ich. Darin bewies ich bewundernswürdiges Talent, das sich später noch steigerte.
Casabianda, 30. November 1914.
Meine liebe Armgard!
Und wenn man überhaupt nichts mehr glaubt und wenn alles Narretei erscheint, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Das heißt nicht etwa: „Ich bin frei“, aber ich, der noch vor wenigen Wochen fürchtete, daß die Nerven reißen und das Herz klappen werde, der gestern auf Stroh lag im Schuppen unter dauernder Aufsicht der Gendarmen und Forestiers, auf verlaustem Stroh und nachts unter dickem Mantel frierend, bewohne heute ein Zimmer mit Bett! Mit Schreibtisch! Ein Klosett zur Verfügung, auf das ich mich setzen darf! Ein Ofen im Zimmer zum Heizen und Kochen. Er prasselt lustig, während ich schreibe. Das alles kam so: