Heute morgen wollte ich, wie meist, mit der Waldkolonne ausrücken. Ich tue das gern, um dem ewigen Getöse und Nervengepauke hier zu entgehen. Da treffe ich den Burschen von Dr. Marcantoni, der mir sagt, des Doktors Bruder sei im Kriege gefallen, er selbst ginge auf Urlaub, wie lange wisse man nicht, er suchte mich, um mir seine Vertretung zu übergeben. Ich kehrte um und folgte dem Burschen zu Marcantoni. Der saß im Offizierskasino, stand natürlich nicht auf, als ich eintrat, reichte mir seine linke Hand und bat mich, seine Vertretung zu übernehmen, da er sofort reisen müsse. Ich erteilte ihm meinen Segen zur Reise und wünschte im Herzen, er käme nie wieder. So zog er ab.

Der Bursche führte mich nach oben, dort Revier zu halten. Ich weigerte mich und ging zum Kommandanten. So bekam ich im neuerbauten Hospital ein freundliches Zimmer und fühlte mich wieder einmal Mensch und Arzt. Nachmittags hielt ich Sprechstunde und machte Krankenbesuche. Mehrere der Kranken sind besorgniserregend, besonders ein junger Mensch, Ziesing. Er leidet an schwerster Dysenterie, und der Arzt hatte es bisher noch nicht für nötig gehalten, ihn zu besuchen, so oft er darum gebeten ist.

Dann gehe ich nach Aleria, einem kleinen Flecken, 20 Minuten von Casabianda entfernt, um Geräte für meinen neuen Haushalt zu besorgen, denn ich nehme an, daß ich hier bleiben werde, auch wenn Dr. Marcantoni zurückkommt. Dann bitte ich den Kommandanten, für unsere eigene Rechnung Medikamente aus Bastia verschreiben zu dürfen, was mir erlaubt wird. Ich habe mir die Lampe angesteckt, mein Tisch steht gerade vor dem großen Fenster, das auf freies Feld führt. Die Lampe leuchtet wie ein heller Scheinwerfer hinaus. Ich bewohne das Hospital, welches noch im Bau ist, ganz allein und habe mich von innen eingeschlossen. Der ganze Bau liegt am Ende der Domäne, außerhalb des Tores, das die Gefangenen abschließt. Nun bin ich also den Korsen ans Messer geliefert und kann erproben, ob sie wirklich so grimmig sind, wie Simeoni sie schildert. Ich bin weit hinaus sichtbar, das Fenster hat keinen Vorhang. In zehn Meter Entfernung stehen drei große Platanen, die gute Deckung bieten. Ein Schuß von da, und ein Boche ist weniger, der Schütze liefe nicht die geringste Gefahr, entdeckt zu werden.

Ein eigenartiges Gefühl beschleicht mich. Und wenn es so geschähe! Die Kugel schreckt mich nicht mehr, Furcht habe ich überhaupt abgelegt, aber Euch möchte ich wiedersehen nach allem Leid, Dir danken und den Kindern erzählen, was ich gelernt habe, und sie lehren.

Die Ruhe des heutigen Abends! Ich bin todmüde von allen Aufregungen, aber Krankheit und Unmut sind gewichen. Ich wollte ja nichts anderes, als meinen kleinen Anteil am Kriege gewinnen. Nun ist mir wieder zumute wie damals in Frioul, in der Glanzzeit meiner Gefangenschaft. Vielleicht kann ich hier wirken wie damals, ein Arzt tut so not. Wenn Marcantoni nur lange genug fortbleiben oder besser gar nicht wiederkommen wollte. Die tiefe Ruhe des heutigen Abends nach dem ewigen Krakeel und Geschrei da oben! Nach den sinnverwirrenden Gerüchten und Debatten! Die tiefe Ruhe des heutigen Abends wirkt so erschütternd. Ich glaubte, ich hätte das Denken verlernt und ich denke! Der heutige Abend wird mir unvergeßlich bleiben, wie eine Aussprache mit Gott. Ich hab’s besser gehabt als die anderen und war doch Tag für Tag verzweifelt. Nun will ich für andere schaffen.

2. 12. Heute, der hundertste Tag unserer Gefangenschaft, verlief ruhiger, vielleicht mehr für mich. Ich hatte die Nacht gräßlich geschlafen in meinem neuen Bette, der Ofen war ausgegangen, und ich bekam ihn nicht wieder an. So fror ich erbärmlich und sehnte mich nach meinem Ehebette mit Bonitz zurück. Auch gesundheitlich fühlte ich mich nicht wohl. Man kann alle diese Magen- und Darmkrankheiten gar nicht recht präzisieren. Sie sind bedeutungslos, wo man in seiner eigenen Behausung sich pflegen kann, und wachsen zu unendlichen Belästigungen, wo alles fehlt.

Um ½7 Uhr weckten mich die Arbeiter, welche ihr Werk begannen. Ich schloß auf und ließ sie herein. Es war gräßlich kalt. Mein Bursche, ein Soldat, machte Feuer. Ich wusch mich, kochte mir Schokolade, röstete mir Brot und aß es mit Butter dazu. Kein Lärm, kein Streit, auch morgens die köstliche Ruhe. Ich hörte kein Signal zum Appell, kein Sergeant trat herein: „Vorwärts, eilen Sie sich, flott, flott!“ Ich sah keine rote Hose und keine blaue. Ich kleidete mich wieder wie in Frioul, dem Range entsprechend. Dann ging ich um 8 Uhr durch das Tor auf den Kasernenhof. Der Lärm dort ging an meinen Ohren vorbei. Ich besuchte einige der Bekannten (Moritz und Bonitz waren ausgerückt), Schmidt und Dr. Bayer, ging dann zu den Schwerkranken, sie zu vertrösten, daß zwar noch keine Medikamente da seien, daß ich sie aber bestellt habe. Es wirkte das; die bisherige Behandlung besser zu gestalten, war keine Kunst. Sie verlangten so wenig, die armen Menschen, und dem wenigen war nicht zum zehnten Teil Genüge geschehen. Dann ließ ich den französischen Trompeter das Signal blasen „Zum Arzt“, das etwa wie ein Triumphsignal klingt, und hielt Sprechstunde. Die Leute sollten nicht, wie bei meinem humanen Kollegen, stundenlang auf dem eisigen Flur warten, darum war ich sofort zur Stelle und begann. Reichlich war doch die Krankenzahl, etwa 30 heute. Ich hatte gebeten, es möchten nicht zu viele am ersten Tage kommen, um den Unterschied nicht zu augenfällig zu machen. In den letzten Tagen hatte sich bei dem Unmenschen von Arzt kaum jemand noch gemeldet, um nicht noch die übrigbleibenden Räume des Gefängnisses auszufüllen und sich dem Zuge anzuschließen, der nachmittags bei uns vorbeigeführt wurde. Unrecht war es auch, daß viele Gesunde die günstige Konjunktur ausnutzten und so den Kranken es erschwerten, sich krank schreiben zu lassen. Die Sprechstunde beginnt mit den Herren Franzosen. Es ist doch ein anderes Bild, wenn jetzt der Mann von „Vorwärts, vorwärts! Flott, flott!“ vor mir steht, von meinem Urteil abhängig. Ich denke immer, was würde ich tun, wenn alle unsere Vögte einmal in einem Gefangenenlager von mir abhängig geworden wären, wie es unser Traum war beim geträumten Einzug der Italiener. Ich fürchte fast, wir ließen sie es doch nicht genug entgelten. Jetzt behandle ich die Kerle natürlich gut, nicht meinetwegen, sondern der anderen wegen und weil ich auch denke, es könnte mir gehen wie weiland Prinz Sigismund in Calderons „Leben ein Traum“. Da kommt so einer unserer größten Schinder und winselt mir täglich in die Ohren, ich möchte doch für ihn sprechen, daß er vierzehn Tage Urlaub erhält. Ich tu’s natürlich schon meiner Kameraden wegen, daß sie ihn für einige Zeit los sind, und hab’s auch durchgesetzt. Wenn er gehängt worden wäre, wär mir’s natürlich lieber gewesen; so war aber das doch immerhin ein Ausweg.

Danach kommen noch andere vier Franzosen ordnungsgemäß mir vorgeführt. Ich bin konziliant und schreibe sie alle dienstfrei. Dann folgen die 34 Deutschen, und ich muß meine ganze Diagnostik zu Hilfe nehmen, alle zu rubrizieren. Ein schweres Stück Arbeit. Es gelingt bei gutem Willen, und ich hätte mir eher den Finger abgehackt, ehe einer von ihnen durch mich in den Kerker käme. Wenn sie das ausnutzen, fällt das auf sie zurück, grob behandle ich manchen, aber bestrafen durch die Franzosen lasse ich ihn nicht.

Nach der Sprechstunde gehe ich nach oben, besuche meinen Freund und Nachfolger als Küchenchef Radei, dem die Arbeit auch schon über ist, dann zum Bericht beim Kommandanten, der interessiert scheint. Ich versuche sogar, Französisch mit ihm zu sprechen. Ich bitte ihn um Autorisierung meiner Unterschrift für Rezepte, die ich ausstelle und aus Bastia schicken lasse und erhalte sie. Weiter bitte ich zur Bereitung von Krankensuppen um Extrabewilligung von Reis usw. Er geht sogar selber mit mir zum Furageoffizier, der mir alles Verlangte in einen Sack füllt; da ich keine Träger beanspruchen kann, trage ich den Sack eben selber in die Küche. Nun kommt etwas weit Wichtigeres. Das Hospital hat so viele Betten unbenutzt. Da einige Kranke auf dem Strohlager nicht weiter bleiben können und das Lazarett zur Aufnahme nicht fertig ist, bitte ich, provisorisch die Betten den Schwerkranken, deren ich fünf zitiere, heraufschaffen zu können, um sie, sobald die Arbeiter fertig sind, im selben Bett wieder nach unten zu transportieren. Das wird mir nicht bewilligt. Gut denn: Der Wille genügt. Also das nächst zu Erreichende: ich hoffe, daß Dr. M. noch lange fernbleibt und möchte das Lazarett nutzbar machen. Morgen werde ich wieder vorstellig werden. Ich gehe zurück und finde von Schwägerin Else ein Paket mit Pfefferkuchen, Katharinchen, wie sie Großmutter immer nannte, und wie wir sie zu Weihnachten uns wünschten, und ein zweites mit warmen Strümpfen. Du weißt gar nicht, wie solche Gaben freuen. Es ist das Erfreulichste am Tage, wenn ich von Dir und den Geschwistern solche Geschenke erhalte. — Also ich brenne den Ofen an und röste mir die Katharinchen, verbrenne sie zum Teil, aber sie schmecken doch. Dann setze ich mich hin und schreibe an Dich, dabei bin ich noch.

Radei und Bonitz, die nachmittags hier waren, gaben mir doch den Rat, ich sollte etwas vor das Fenster hängen, denn die Verlockung für die Korsen sei zu groß. Ich tue das und hänge meinen Operationsmantel davor.