Rektor Kalb sagte mir vor einigen Tagen, daß die Gefangenschaft so sehr auf ihn gewirkt habe, daß er sich seiner Schüler nicht mehr entsinnen könne, kaum seiner Verwandten, er könne sie sich bildlich nicht mehr vorstellen. Andere versichern dasselbe. Ich zwinge mich, nicht an die Vergangenheit zu denken, weil das zu nichts führt, vor allem lasse ich die fruchtlosen Vorwürfe: Warum hast du das so gemacht und nicht so. — Fatum. — Was ich tat, mußte ich tun; daß es unglücklich ausschlug, wer will mich dafür verantwortlich machen, wo ich es selber nicht tue? Darum konzentriere ich mich auf das eine: Durch! — Dich selber erhalten! — Die Gefahr ist groß, aber vielleicht beurteilen wir die Möglichkeiten schwerer als sie sind, das habe ich in den letzten Tagen erfahren. Ich höre nicht mehr das sinnenverwirrende Stimmendurcheinander, ich spreche mit einzelnen, wie Mensch zum Menschen. Man muß sich langsam daran gewöhnen. Das Fürchterlichste war es doch: hundert Tage im Kreise schreiender, sich zankender, politisierender Massen zu leben. Es gab so viele gute Elemente, aber die schweigen mehr; und die schrien, waren meist die Gewohnheitsschreier, und sie zwangen die Ruhigen, auch zu schreien, wenn sie zu Worte kommen wollten. Das empfinde ich jetzt so tief, wo ich allein sitze. Das große Leiden bestand darin, daß wir hundert Tiere in einem Käfig waren, alle gierig nach derselben Kost, nach Freiheit, und edel genug, zusammenzustehen und keinen drinnen zu lassen, wenn der Wärter, die Käfigtür öffnen sollte. Das Massenwesen war es, was uns erdrückte, und es war uns aufoktroyiert, wir durften uns ihm nicht entziehen, wenn wir nicht Verräter werden wollten an denen, die mit gleicher Schmach von unseren gemeinsamen Feinden behandelt wurden. Aber daß das Massenwesen unsere Nerven zerreißt, das empfand ich gestern, als ich die erste ruhige Stunde nachmittags mit Radei sprach und später in Ruhe mit Bonitz über alles verhandelte. Köstliche Ruhe. Das vielköpfige Ungeheuer, die Masse, wirkt in kleinem Umfange so unerträglich. Man sagt zwar, daß die Einzelhaft weit schwerer zu ertragen sei als die Massenhaft; auf die Dauer mag beides gleich erdrückend wirken, wie alles, was dem Wechsel nicht unterlegen ist.
Der Kommandant erlaubt mir, Erholungsbedürftige, nicht Schwerkranke, ins Hospital zu nehmen, immer „auf ihre eigene Gefahr“. Schwerkranke, schon dysentrische, kommen nicht in Betracht, weil die Heizungsvorrichtung noch nicht funktioniert; eine provisorische auf unsere Kosten legen zu lassen, wird mir erst erlaubt, dann wird die Erlaubnis wieder zurückgezogen. So nehme ich Bonitz und Radei ins Hospital. Bonitz ist stark erkältet, leidet überhaupt unter niedriger Temperatur, ich lege ihn zu mir ins Zimmer, wo ordentlich geheizt wird.
5. 12. Heute ist noch Dr. Arranza hinzugekommen. Ich werde zum Hauptmann gerufen, und nun passiert etwas, was wieder, meiner Meinung nach, nur im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten geschehen kann. Vier Forestiers haben das Gesuch um Invalidisierung eingereicht, ich werde beauftragt, das ärztliche Gutachten abzugeben. Man legt mir genau das vorgedruckte Gutachten vor, wie es Dr. M. früher gezeichnet hatte. Der Hauptmann bringt mir selber die vier Leute zu, setzt sich in mein Zimmer, während ich untersuche. Unter den vieren ist der, welcher mich nicht durch den Posten ließ und mir den Revolver auf die Brust setzte. Heut sieht er bittend zu mir. Ich untersuchte, gab genaues Urteil ab, es handelte sich um echte Staatskrüppel, unterzeichnete als offiziell beauftragter Médezin, und sie sind alle vier frei geworden, ohne neue Untersuchung. Ist das bei uns möglich? Es wird hier alles auf den Kopf gestellt, vor einigen Tagen sagte mir derselbe Hauptmann, der heute bei der Untersuchung zugegen ist, daß zweihundert von solchen, wie wir, Eide leisten können, das Wort eines französischen Soldaten sei glaubwürdiger. Santa Republica! — Nun sind sie alle äußerst höflich, und die Hunde, die eben so laut bellten, wedeln. Auch den Revierdienst der französischen Soldaten halte ich regelrecht mit Eintragung in die Revierbücher und Zeichnung meines Namens ab.
Der Kommandant hat einfach gefordert, daß ich für das Lazarett volle Verantwortung nähme, auch für die, welche ich hereinlege. Das macht er gern so. Wir sitzen abends zusammen, Radei, Bonitz und ich, und sprechen über alle Ereignisse der vergangenen Tage. Wir lassen Revue passieren. Wir leben ein Narrenleben und wissen nie, was der morgige Tag bringen wird. Morgen ist Papas Todestag. Ich werde nach Hause denken. Was wir hier durchmachen, wird uns als klares Bild erst vor Augen treten, wenn der Vorhang sich darüber geschlossen hat, wenn das ewige Bildzittern, wie im Kinematographen, das schnelle Hin- und Herbewegen, wie dort, sich vor dem klareren Auge der Erinnerung zu einem vielleicht sogar folgerichtigen Bilde vereinigt. Manchmal denke ich, vielleicht ist all das, was wir erleben, gar nicht so unwichtig für uns, als könne es beitragen, Charaktere zu erziehen. Darin werde ich bestärkt, wenn ich sehe, wie der Willensschwache so widerstandslos verkümmert. Ja, wenn wir jünger wären und ein Leben vor uns hätten, das zu verwerten, was wir gelernt. Den Jüngeren mag die Schule wertvoll sein, für die Aelteren ist sie reichlich hart. Wir haben uns in unserem Alter und in unserer Stellung wie Hunde demütigen müssen, gehungert, gedarbt, uns mit Stroh, mit allerhand Ungeziefer geplagt, wir haben die zu Grabe getragen, die dem auferlegten Lose nicht gewachsen waren, andere hat die schwere Zeit für Tod oder Siechtum gezeichnet. Und ich sage mir doch, es war der Einblick in so vieles, das ich nie geahnt, politisch nicht und menschlich nicht, es war eine so romantische, gewaltig traurige Zeit, daß ich nur hoffe, ich halte sie durch, um den Kindern zu erzählen von dem, was das Leben bietet und fordert, von Recht und Unrecht, Ordnung und Unordnung, von falscher und wahrer Ehre. Ich fühle mich in der Besserung und denke, ich werde Widerstand leisten können. Wer weiß, was morgen auf mich hereinbricht. Gefaßt bin ich auf alles. Küsse die Kinder!
Max.
Herr Kommandant!
Ich erlaube mir, folgendes beschwerdeführend mitzuteilen: Am 30. November wurde mir von Herrn Dr. Marcantoni, Aide-Major, dann von Ihnen die ärztliche Vertretung des ersteren übertragen. Sie gaben mir schriftlich die Erlaubnis, in der Infirmerie Wohnung zu nehmen.
Ich übernahm den Posten und führte ihn, wie wir gelehrt sind, gemäß den Gedanken der Genfer Konvention in gleicher Behandlung der französischen Forestiers und Gendarmen, welche mir täglich zugeführt wurden und welche ich auch auf ihren Zimmern besuchte, wie der deutschen gefangenen Soldaten und Zivilisten aus. Von Ihrer Erlaubnis, Herr Kommandant, machte ich Gebrauch und legte drei Kranke, Bonitz, Radei und Dr. Arranza, provisorisch in die Infirmerie.
In der Zeit meiner Vertretung des Herrn Dr. Marcantoni wurde ich zugleich beauftragt, vier Forestiers auf Invalidität zu untersuchen, was ich tat, in der Meinung, hierin wie in der anderen Vertretung meine Pflicht getan zu haben. Gestern abend gegen 8.40 Minuten wurde gegen das Tor des Hospitals geklopft. Herr Dr. Marcantoni trat mit einigen Zivilisten und einigen Forestiers ein, Bonitz, Radei und ich waren in dem uns zur Verfügung gestellten Zimmer, welches durch den Ofen gut durchwärmt war. Dr. Arranza auf seinem Bette in der Halle. Herr Dr. Marcantoni führte aus, sein Haus sei zum Hotel und Bordell geworden, und forderte uns auf, sofort die Infirmerie zu verlassen. Als ich fragte, ob ich bleiben dürfte, sagte Herr Dr. Marcantoni: „Sie dürfen natürlich bleiben, aber besser, Sie gehen auch.“ So mußte ich schleunigst das Zimmer räumen; es wurde mir nicht erlaubt, meine Zigarrenkiste oder Eßwaren zu berühren. Als auch meine Patente als Stabsarzt von einem Zivilisten mit Beschlag belegt wurden, rief ich Herrn Dr. Marcantoni zu Hilfe, welcher mir erlaubte, meine Papiere mitzunehmen. Ich selbst wurde in einem Aufzuge, der meines Standes unwürdig war, in die Halle oben gebracht, wo ich ein Strohlager fand. Mein Einwurf, daß es sich bei den anderen um Kranke handele, begegnete einem Lachen des Herrn Dr. Marcantoni. Ich bin bereit, die Krankheiten der drei Kranken, wie ich sie notiert, wissenschaftlich zu beweisen.
Ich bitte, Herr Kommandant, Protest einlegen zu dürfen gegen eine derartig entehrende Behandlung, 1. als Arzt im Namen der Wissenschaft und Humanität, 2. als deutscher Sanitätsoffizier, in Berücksichtigung des erschwerenden Umstandes, daß ich kriegsgefangen und nicht in der Lage bin, mich gegen Beleidigung zu verteidigen, 3. als von Ihnen, Herr Kommandant, und von Herrn Dr. Marcantoni persönlich eingesetzter offizieller Stellvertreter des französischen Aide-Majors, dessen Funktionen mir übertragen sind und die ich erfüllt habe.