Die Tage schleichen so dahin, fast zählen wir die Stunden. Wir haben uns gegenseitig zu ertragen und müssen gute Miene zum bösen Spiel machen. Keiner zeigt es, wenn es ihm bisweilen schwer aufs Herz fällt, wie unwürdig doch unsere ganze Lage ist! Keiner klagt, und das ist gut, es war kein Feigling unter uns. Aber manchmal denke ich doch an Lears Worte: „Ich stürb’ vor Mitleid, säh’ ich andre so!“ Gestalten wie der alte Moor treten mir lebhaft ins Gedächtnis, wie ich als Jüngling erschauert bin, wenn der Alte von seiner Kerkerzelle seinem Raben, dem Hermann, dankte. Ich hatte damals das Gefühl, als röche man den Unrat der furchtbaren Zelle von der Bühne herauf zur Galerie, wo wir Schüler saßen. — Das Innere unseres Kerkers spottete jeder Beschreibung. Immer wieder baten wir um Stroh und wurden vertröstet; das wenige, welches uns zur Verfügung stand und welches so rücksichtsvoll geteilt wurde, hatte schon lange in der Zelle gelegen und war faul und voller Läuse. Man hatte Läusespiritus für uns aufgetrieben und uns in die Zelle geschickt, und jeden Morgen nach dem Waschen (wir mußten uns in unseren Gamellen, die auch zum Essen dienten, waschen) kam die Einreibung mit dem Spiritus und jeder hatte acht auf den anderen, daß er von dem köstlichen Stoffe nicht mehr nahm, als unumgänglich nötig war, besonders aber nichts vergeudete. Wir mußten sehr haushälterisch damit umgehen, auf neuen konnten wir nicht rechnen. So kämpften wir gegen diese furchtbare Plage, aber doch nicht mit ganzem Erfolge, wenn auch jedes Stück Wäsche nach draußen zum Auskochen gegeben wurde. Die Läuse sind das fürchterlichste Ungeziefer, das zur Plage des Menschen bestimmt ist, kein anderes kommt dem gleich, und wir vier Aussätzigen litten darunter mehr, als wir uns gestehen mochten. Aber wir kämpften gegen den Unmut mit ganzer Energie. Krieg ist Krieg, und wenn wir auch zu der verzweifelten Rolle der zwecklos Leidenden verdammt waren, auch da trat die Aufgabe an uns heran, unseren Mann zu stehen, und wir haben sie erfüllt und einen gewissen bösen Humor gepflegt, der uns über schwere Stunden hinweghalf. Ich schrieb einmal auf einem Zettel an Remer, der sich noch relativer Freiheit mit den anderen erfreute: „Uns geht es vorzüglich, wir brauchen nicht um sechs Uhr aufzustehen, wir hören kein zweistündiges Blasen zum Appell, unser Essen müssen wir uns nicht selber holen, wir sehen nur zweimal am Tage und zu genau vorbestimmter Zeit Korporale und Offiziere; und vor allem, wir leben nicht wie Ihr in der beständigen Furcht, daß wir für irgendein unbedachtes Wort in den Kerker fliegen.“ Remer hat in der Zeit rührend für mich gesorgt, was möglich war, bekam ich, und sowohl Simeoni wie Mephisto ließen alles, auch Briefe, durch. Um neun Uhr etwa ging die Zellentür auf, drinnen war es halbdunkel, nachts ganz, das ist etwa dasselbe. Wir hatten uns vorher gewaschen und gesäubert, dann kam der wachthabende Offizier mit dem Korporal, Posten und den Kerkerverpflegern. Wir bekamen Brot und Wasser und die Träger ließen hier und da einige inoffizielle Gegenstände aufs Stroh fallen. Der Kübel wurde herausgeholt und gereinigt, die Gamellen gereinigt und die Zelle selber. Dann wurde alles wieder geschlossen und wir lagen wieder im Dunkeln. Das dauerte freilich nicht lange, denn schon zündeten wir eine Kerze an und durchsuchten das Stroh nach eventuellen Nachrichten oder Eß- und Trinkwaren, besonders Käse, Eier und Wurst waren begehrt, dabei Tabak und Zigarren, Streichhölzer usw. Nun, wir fanden meist genug, besonders in dem sogenannten nahrhaften Wasser, welches meist Konserven und gekochte Eier barg. (Zwei freundliche Männer hatten den Transport unserer Lebensmittel übernommen, aber sie kamen dabei zu Schaden. Wieder verriet einer, der den Posten, bei welchem immer kleine Geldgeschenke abfielen, haben wollte, die beiden, und jeder erhielt fünfzehn Tage Kerker.) Danach wurde gefrühstückt, meist mit gutem Appetit. Um 10½ Uhr durften wir auf eine Viertelstunde draußen im Korridor spazierengehen, da ordneten und glätteten wir unseren äußeren Menschen, um nicht dem alten Moor ähnlich zu werden, und schnappten in sehr homöopathischer Dosis Luft. Danach lasen wir in der Dunkelzelle, spielten auch wohl Karten oder vertrieben uns durch Nachdenken oder Gespräche die Zeit, und sie verging auch wirklich. Manchmal schrieb ich auch einige Gedichte nieder und freute mich, daß ich dazu noch in Verfassung war. Ich will einige wiederholen: „Ich bin nicht stolz.“ „Wo warst du?“ „Sträflingen den Tod versagen.“ (Zum größten Teil verloren oder von der Zensur in Uzès verstümmelt.) Und ich schrieb auch an meine Frau, natürlich nicht von dem, was mir geschehen war, das wäre grausam gewesen; und ich bin später besonders stolz gewesen, als auf meine Briefe aus dem Kerker ihre Antwort eintraf: „Ich freue mich, daß ich aus Deinen Briefen ersehe, wieviel besser es Dir geht. Du hast nie so kräftig und zuversichtlich geschrieben.“ Und darin hat sie recht behalten, ich hatte durchaus nicht poesiert. Ich habe mich wirklich kräftig gefühlt, gerade durch diese Zeit, die die schwersten Anforderungen an unsere Energie gestellt hatte, und in der Kerkerzelle habe ich die Feigheit abgeschüttelt, als könne eine Demütigung, sei es, welche es sei, die von Feindes Seite kommt, uns erniedrigen. Damals zeigten wir stolze Mienen, weil wir vermochten, das Unerhörte gleichgültig über uns ergehen zu lassen, und ich glaube heute noch, daß wir ein Recht dazu hatten. Wie ich die Briefe geschrieben hatte, schickte ich auch ein Gedicht, das für meine Frau bestimmt war: „Streich getrost ein Jahr des Lebens.“ Wir mußten sparsam sein mit unserem Lichte, und so wurde es nachmittags wieder dunkel; wir unterhielten uns. Dann kam um vier Uhr das Essen, die Suppe. O Gott, wie schaudert mir davor! Das gräßliche Fett! Aber sagen durften wir das nicht, und ich denke noch mit herzlichem Vergnügen, wie wir, nachdem jeder einen mehr oder weniger großen Teil in den Abfalleimer gegossen hatte, mit schmunzelnder Miene einer zu dem anderen das übliche: „Nun, die Suppe war heute durchaus nicht schlecht, die ließ sich essen“, äußerten. Ja, wir waren bescheiden und durften uns nun wohl an ein Wurstbrot wagen, oder Eier nehmen, falls wir solche hatten. Auch Konservenbüchsen wurden hervorgeholt. Abends wurde meist noch ein Skat gespielt und dann zur Ruhe gegangen. — Wir schliefen, abgesehen von schweren Hautreizungen, nicht schlecht. Und so ward aus Abend und Morgen ein neuer Tag, und der neue glich dem alten aufs Haar, und gerade weil einer war wie der andere und verging wie der, weil wir keinen Wechsel hatten, so schien es uns auch, als ob die Zeit nicht gar so langsam hinginge, und wir trösteten uns mit Shakespeares Wort, daß die Zeit auch durch den rauhesten Tag geht. Neues konnten wir ja nicht erwarten, und es geschah auch nicht viel. Ulrich hatte im Namen der anderen Gefangenen eine Beschwerde über die Prügelaffäre an den Kommandanten aufgesetzt und wurde zitiert. Aber an der Strafe änderte das nichts. Das Wort zweier französischer Offiziere schlug das von tausend gefangenen boches und mit dem „Sie sind gar nicht geschlagen“ war ein so lächerlicher Zwischenfall erledigt, bis viel, viel später die sechs Gefangenen vor dem Kriegsgericht in St. Nicola ihre Aussagen nunmehr eidlich bekräftigen durften. Und daß sie später zum Eide zugelassen worden sind, gab uns zu denken. Was wir im Lager erfahren, sind ja immer nur halbe Nachrichten. Der Tag, wo uns verkündet wurde, oder vielmehr nicht verkündet, denn man nahm das als selbstverständlich, daß unsere Strafe auf dreißig Tage erhöht sei, gehörte nicht zu den angenehmsten; aber wir haben auch den in Fassung über uns ergehen lassen. Es waren nämlich auch in unseren Kerker die Gerüchte gedrungen, daß die französische Regierung den Anträgen der amerikanischen Botschaft nachgegeben habe und das Lager Casabianda noch im April räumen wolle. Das war erfreulich, aber weniger war es die Aussicht, daß wir im neuen Lager gleich wieder als Sträflinge ins Gefängnis abgeführt werden sollten. Aber was sein soll, mag sein. Schlimmer konnte es ja doch nicht werden wie hier. Und es wurde wirklich so. Die Gerüchte, daß wir nach Uzès kämen, wurden sicherer und schließlich bestimmt; der Termin, der dreißigste April, war festgesetzt. Am Tage vorher dankten wir es der Gnade Mephistos, daß wir uns einmal am ganzen Körper unter fließendem Wasser waschen durften, und das war köstlich. Ich schrieb noch am Abend in meine Blätter die erwartenden Zeilen für Uzès. Am dreißigsten April, früh sechs Uhr, kam der Schwarze und holte uns ab. Gepackt war alles, und gegen acht Uhr setzten wir uns in Bewegung. Vor dem Abmarsch fiel von Weichs in schwerem Anfall zu Boden; die Tage waren doch nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Nun kamen die Gruppenführer und baten den Kommandanten, zu gestatten, daß der Kranke auf den Transportwagen gelegt würde. Der bestimmte in rührender Humanität, daß „das Schwein da“ zu Fuß ginge, und daß der Offizier dafür zu sorgen habe, daß ihn keiner unterstütze. Das war der Abschiedsgruß des Ehrenwerten. Wir gingen an einem recht heißen Tage auf Umwegen zum Bahnhof — die freie Luft tat doch wohl — und wurden nach Bastia verladen. Die Freundlichkeiten, die wir hörten, waren schon etwas matter geworden, auch die Steinwürfe, und unser neuerwachter Freiheitsdrang erzeugte wieder die seltsamsten Gerüchte: Wir kämen zunächst nach St. Nicolas, da würden die ausgesondert, die nach Hause geschickt würden usw. usw. Derlei versagte nie seinen Eindruck. In Bastia ging’s aufs Schiff; diesmal hieß es „Galvani“ (undeutlich im Original). Bei ruhigem Meer hatten wir eine sonst gleich gräßliche Fahrt. In Marseille wurden wir wieder umgeladen auf ein anderes, kleineres Schiff, das uns nicht zum anderen Bahnhof führte, wie wir gemeint hatten, sondern in gerader Fahrt zum Ponton, also Zwischenstation. Ob das zur Erholung war, oder ob die ausgemustert werden sollten, welche zur Heimreise bestimmt waren, das erfuhren wir damals nicht, später auch nicht. Der Ponton ist ein alter, ausrangierter, schwimmender Güterschuppen. Er soll anfangs als Quarantänestation benutzt worden sein, diente nun als Gefangenenlager. Er ist etwa 20 Meter lang, 10 Meter breit, 10 Meter hoch, in drei Etagen geteilt.

Wir wollen auf ein anderes Kapitel unserer Gefangenschaft kommen, so groß, so erhaben, daß es uns über alles, was kleinlich war, hinweghalf, das uns oder die Besseren unter uns für unser großes Leiden entschädigte, das war die Verfolgung des gigantischen Feldzuges in Rußland. Damals durften wir noch, oder auch wieder, französische und englische Zeitungen lesen und kämpften in Gedanken an der Seite der Unseren, mit ihnen Siege feiernd. Das enthob uns für Stunden dem Grau des Alltags. Freilich hatten wir auch unter guten Nachrichten zu leiden, und das gab uns einen gewissen Anteil daran. Unsere Bedrücker verhehlten uns gegenüber ihre Stimmung durchaus nicht, und wir standen wehrlos ihnen gegenüber. Wir durften uns nicht glückwünschend die Hände reichen, wenn wir es auch oft verstohlen taten. Wir bekamen keine Extrablätter vom Falle Warschaus und sahen nicht Knaben und Mädchen jubelnd aus der Schule kommen, weil unser braves Heer ihnen wieder einen schulfreien Tag geschlagen hatte. Wir bekamen gute Kost so neidisch und hämisch und in so kleinen Portionen zugeteilt, daß wir hungerten. Damals waren auch noch spanische Zeitungen erlaubt, freilich nur die franzosenfreundlichen, sie wurden aber bald verboten, da Spaniens Haltung Frankreichs Mißtrauen weckte. Auf deutsche Zeitungen wurde wie auf Spione gefahndet, sie wurden aus jedem Paket herausgerissen; wo sie besonders gewandt versteckt waren, wurde der Empfänger mit Gefängnis nicht unter vier Tagen im Einzelfalle bestraft. Auch die englischen Zeitungen waren unseren Aufsichtsräten noch zu offenherzig, und so wurden sie nur durch großen Scherenschnitt verstümmelt uns ausgehändigt. Aber auch Scheren sind tückisch und schneiden oft falsch; so ließen sie oft stehen, was fort sollte, und nahmen Unwichtiges weg, wirkten auch, wie ein Vergleich ergab, oft verschieden in verschiedenen Exemplaren der Zeitungen.

Wie gesagt, pillenweise schluckten wir gute Nachrichten. So fiel Warschau etwa so:

  1. Der Traum der Deutschen: Einige übergeschnappte Phantasten in Deutschland träumen sogar von einer möglichen Einnahme Warschaus. Napoleon hatte bekanntlich 1812 ...
  2. Ein Herr, der absolut zuverlässig ist und in Amsterdam wohnt, erklärt uns, daß Warschau nie den Russen entrissen werden kann. Er erklärte unserem Korrespondenten zugleich, daß nach mathematischer Berechnung die victoire finale auf allen Fronten für die Alliierten sein müsse.
  3. Nach Nachrichten aus der Schweiz, die natürlich rosig gefärbt sind für die boches, sollen hartnäckige Kämpfe bei Warschau stattfinden.
  4. Die Russen haben bei Warschau einen großen Sieg zu verzeichnen, sie haben die Stadt in tadelloser Ordnung geräumt, der Feind ist eingezogen, und der Großfürst Nikolaus hofft, ihn nun nach sich zu ziehen, wie es ihm beliebt, denn Napoleon hatte 1812 ...
  5. Die Deutschen feiern in ihrer kindlichen Art den Fall Warschaus, der doch für Rußland so ganz bedeutungslos gewesen ist. Daß die victoire finale unseren glorreichen Alliierten nicht entrissen werden kann, erleuchtet aus einem historischen Vergleiche: Napoleon zog bekanntlich im Jahre 1812 ...

So war es ein eigenartiges und durchaus nicht leichtes Studium, uns durch alle Floskeln hindurchzulesen, aber wir lernten es; wir lernten auch, zurückzudatieren und nach dem, was nicht geschrieben oder gelogen wurde, allgemeine Stimmung herauszulesen. Wir zeichneten Karten. In allen Zimmern hingen schließlich solche aus, bis sie verboten wurden, wie auch die Zeitungen; das war im Februar 1916. Wir verfolgten das siegreiche Vordringen der Russen in ihr eigenes Land, immer uns den Weg weisend, den wir folgen sollten, jusqu’à la victoire finale. Die Tage nach Warschau, da unerwartet schnell eine Festung nach der anderen fiel, waren mit unseren diplomatischen Siegen im Balkan die schönsten, auch wenn jede Zeitung uns täglich seit mehr als einem Jahre die Schlacht an der Marne und den Rückzug der deutschen Truppen dort als Dessert vorsetzte. Eigentümliche Leser müssen die Franzosen sein, die Presse darf die frechsten Lügenkombinationen in die Zeitungen bringen, die ein deutscher Leser mitsamt dem Annoncenteil und dem Feuilleton dem Redakteur um die Ohren schlüge. Der Franzose will es so. Er mag nicht beunruhigt werden und seine patriotische Anregung mag er auch nicht vermissen, es gehe wie es gehe, nachher kommt ja doch, was unvermeidlich ist. Er ist darin, sonst durchaus nicht, dem Spanier ähnlich. Er belügt sich gern, darum müssen vor allen Dingen die Ueberschriften aufregend sein. Holland, Spanien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Amerika, alles ging in dicken Ueberschriften jede Woche mindestens zweimal mit den Alliierten in den Krieg. Was nach der Ueberschrift kam, brauchte ja niemand genauer zu lesen, auch nicht, aus welcher Quelle die erschütternde Nachricht stammte.

Wir haben genau an der Hand der Karten die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz verfolgt und uns begeistert an so mächtiger Führung, aber all das drückte den Stachel der Erkenntnis nur tiefer und schmerzhafter in unser Inneres: wir waren nur Zaungäste, wir durften nicht mithelfen, ja nicht einmal zeigen, was uns froh machte. Schwer drückt die Gefangenschaft! — Auch empfindlich macht sie und reizbar. Jede Nachricht eines Rückganges oder einer größeren Zahl von Verlusten auf unserer Seite wird natürlich gerade umgekehrt zu uns getragen. Seesieg bei Riga!

  1. Die deutsche Flotte teilweise vernichtet! Acht Torpedos, zwei große Kreuzer und der Dreadnought „Moltke“ zum Sinken gebracht! Einige Schiffe haben sich bis in den Hafen von Libau geflüchtet, wo sie bis Danzig verfolgt wurden. Der Zar hat in allen Kirchen Tedeum angeordnet, er empfängt von seiten aller Verbündeten Glückwunschtelegramme. Siegesfeier in Petersburg und allen Städten Rußlands. —
  2. Englischen Blättern zufolge ist es nicht sicher, daß der Dreadnought „Moltke“ torpediert ist, es heißt nach neueren Berichten „im Stile Moltke“. —
  3. Die lügnerische deutsche Presse dementiert unsere Berichte über die Seeschlacht von Riga, man sieht daraus, wie zuverlässig ... usw. —
  4. Die „Times“ berichtet, daß bei Riga zwei Torpedos versenkt sind, zwei andere sollen nach Libau entkommen sein. Die „Moltke“ ist in neutralen Häfen gesehen worden.

Das war der Schluß der Riesenseeschlacht bei Riga.

Als ich diese Zeilen schreibe, lese ich in der Zeitung, die Franzosen haben nördlich von Châlons in einer Front von 25 Kilometern einen großen Sieg erfochten, 20000 Gefangene gemacht und die Reihen der Feinde durchbrochen. Das letztere wird im weiteren widerrufen, es wird auch sonst vieles übertrieben sein; aber ich mag bei solchem Berichte die Zeitung schon gar nicht mehr in die Hand nehmen, viel schwerer empfinde ich das Fernsein bei Niederlagen als bei Siegen. Der Russe soll ja ein reichlich dickes Fell in politischen Fragen haben, sonst müßte das Los eines in Deutschland gefangenen Russen das kläglichste sein, das ich mir denken kann. Wenn nicht unsere Erfolge, das ganze und volle Vertrauen auf unsere Regierung, Heer und Marine uns aufrechterhielte und ein starkes Gegengewicht gegen das Elend im Lager gebildet hätte, was wäre aus uns geworden? Ich kann mir nicht denken, daß ich ein so hoffnungslos klägliches Schicksal durchgehalten hätte.