Die auf ihre Freiheit warten,
Daß sie sich können waschen rein,
Wenn sie siegreich wieder kehren heim.
Mit Gruß Luise Schnetzler, Basel.
Ich antwortete ihr umgehend.
Nachmittags um 4½ blies es „Kantine offen“, um 4¾ „Essen“, um 5½ „Kantinenschluß“, um 6 oder 7 „Aufs Zimmer“, um 6½ oder 7½ „Abendappell“, um 8½ „Lampen auslöschen“, kurz, es blies den ganzen Tag. Wenn die Lampen, die wir natürlich, wie das Petroleum dazu, selbst bezahlten, gelöscht waren, dann setzte die staatlich gespendete Zimmerbeleuchtung ein. Das war ein kleines Oellämpchen mit Schwimmer und leuchtete gewaltig durch die Räume. Man konnte es auch auslöschen, das machte keinen Unterschied. — Also unerbittlich ins Bett, um den Stumpfsinn des durchlebten Tages noch einmal in Gedanken durchzukosten. Ich bin gewohnt, abends zu arbeiten und spät zu Bett zu gehen; aber auch bei der geistigen Degeneration, der wir hier unrettbar verfallen müssen, ist es mir doch unmöglich, einigen Schlafkünstlern gleich, die es auf etwa fünfzehn Schlafstunden tags und bei Nacht bringen, mehr als sechs oder höchstens sieben Stunden zu schlafen. So denke ich nach, und das ist gefährlich. Manchmal schreibe ich auch noch einiges nieder; ich habe sogar gelernt, im Dunkeln zu schreiben. Von Stunde zu Stunde unterbricht mich ein seltsamer Ruf draußen. Ein Posten fängt an zu rufen: „Sentinelle, prenez garde a vous“. Der andere gibt es dem nächsten weiter, und so fort. Ob sie sich gegenseitig wecken, weiß ich nicht; es muß aber doch wohl nötig sein. Der ewig gleichmäßige Ruf schreckt mich nicht mehr auf und stört mich nicht. Ich genieße immerhin eine oder einige ruhige Stunden, die dem Heim, den Meinen und den... (Bricht ab.)
Ich freue mich der Einsamkeit, die ich mir dadurch künstlich herstelle, daß ich durch Decken und Mäntel mein Lager von dem der anderen abschließe. Dann bin ich so ganz für mich und denke mit Hamlet: Ich könnte in einer Nußschale eingesperrt sein und mich für den König der Könige halten, „wenn nur die bösen Träume nicht wären“. Und die bösen Träume, die mich quälten, waren den seinigen nicht so fern, die Qualen des Unfreien, gekränkter Ehrgeiz. — Wie hätte ich das erbärmliche Leben und mit welchem Stolze hätte ich es ertragen wollen, wenn die verdammte Frage „Wozu“ mir nicht immer wieder entgegengegrinst hätte. Was Selbstbetrachtung und Selbsterziehung sein sollte, artete in bösen Stunden in fressenden Neid aus auf die, die etwas einsetzen durften. In Casabianda hatte ich es gelernt, mich zu überwinden und falschen Stolz niederzuzwingen, in Uzès war ich davon ganz geheilt; aber das eine verwand ich nie, und die heiße Sehnsucht, der Traum meiner Freilassung würde doch wahr werden, wiegte mich zuletzt in ruhigen Schlaf. Ja, ich träumte oft und viel von den Meinen zu Hause, bis das Wecksignal mich herausriß in die dumpfe Resignation des neuen Tages. Man hat mich oft getröstet: Wenn Sie gar nicht daran denken, just dann wird es Ihnen gehen wie den anderen, die freikamen. Schlechter Trost! Ich denke Tag und Nacht, im Stehen und im Gehen, im Wachen und Schlafen nur das eine: die Freiheit. Im Schlafe träume ich, wie meine Frau mich in Konstanz empfängt, oder wie ich im Lazarett arbeite, wie ich heimatlichen Boden als jämmerlich Freigelassener betrete, da die Arbeit beendet ist. Wenn also meine Befreiung nur überraschend kommen kann, so werde ich wohl darauf verzichten müssen und weiter träumen. — — —
Nachspiele von Casabianda.
Wie ich schon sagte, wir waren in der ersten Zeit in Uzès weit besser aufgehoben als in Casabianda; das merkten wir drei Schwerverbrecher am meisten, als wir im Gefängnis zu Uzès die letzten neun Tage unserer Kerkerhaft abbüßten. Wir hatten es kaum schlechter als die anderen und brauchten uns um kein Signal zu kümmern. So entging uns denn auch die Entwicklung der ersten Eindrücke in Uzès. In uns hallte noch die entrüstete Erinnerung an Casabianda nach, und wir sollten die Folgen noch schwer spüren. Das erste und traurigste Nachspiel von Casabianda war Krankheit und Tod von Moritz. Ich habe Edgar Moritz aus Hamburg des öfteren erwähnt; wir waren zusammen von Barcelona auf der „Sister“ gefahren, hatten schon den ersten Abend, Moritz, Schmidt, Heller, Kratt, Bonitz und wir, die vier letzteren mit Familie, die ersten zwei ohne, einen recht vergnügten Abend in halbbanger Erwartung auf dem Schiffe verlebt. Nachher bildeten Moritz, Schmidt, Bonitz und ich engeren Zusammenhang. Ich schloß mich mehr und mehr an den vornehm denkenden, gemütvollen Mann an, der gleichaltrig mit mir auch gern von den Seinen sprach und mit tiefster Anhänglichkeit dem Hause verbunden war. Es war ein Mensch, dessen Seele zu feinen Klang hatte, und das Saitenspiel zerbrach in so rauher Wirklichkeit. Der Gefangenschaft und ihren täglichen Entbehrungen, ihren Aufregungen und Demütigungen war er nicht gewachsen, das fühlte er selber immer wieder. Aber die Gefahr suchte er, wo sie nicht drohte. In ihm lebte die Idee, er würde der Malaria zum Opfer fallen, die in Casabianda grassierte, und deren Wiederkehr im Sommer zu erwarten stand. Die französische Regierung schien geneigt, den Gesuchen des korsischen Deputierten nachzugeben und uns auch im Sommer zur Bearbeitung des Landes auf Korsika zu lassen, gleichviel, ob wir der Malaria erlagen. Die amerikanische Botschaft ist damals wohl eingeschritten und hat es erreicht, daß wir nach Uzès gebracht wurden. Wie oft sagte Moritz: „Ich wäre gerettet, wenn wir von hier fortkämen!“ Die drohende Reihe der Typhuserkrankungen, teilweise durch den Tod unterbrochen, hatte sich nicht geschlossen, und doch sprach der unregelmäßige Verlauf der letzten Fälle schon für ein Weichen der Epidemie. In der gefährlichsten Gegend unseres Schlafraumes in Casabianda lag Schmidt; die Erkrankungen an Typhus waren im unteren Schlafraume und gerade hier bei weitem die häufigsten. Schmidt aß meist mit Moritz zusammen, dann kamen Bonitz und ich. Ich büßte schweren Kerker, und vielleicht war das meine Rettung.
Während meiner Kerkerzeit erkrankte Schmidt, als wir schon glaubten, die Epidemie sei erloschen. Die Symptome traten sehr schwer auf; der Arzt (Marcantoni war lange entlassen) nahm ihn ins Hospital, diagnostizierte Typhus und behielt ihn dort bis zum Umzug nach Uzès. Ich erschrak, als ich ihn wiedersah, so war der korpulente Mensch heruntergekommen.