Hier endigen die authentischen Aufzeichnungen; was nachzutragen bleibt, ist wenig. Seit der letzten Haftstrafe, während welcher der Gefangene 30 Tage von der frischen Luft abgeschlossen blieb, fingen die Kräfte Dr. Br.s an, nachzulassen. Herr Oberleutnant Spangenberg notierte in seinem Taschenbuche: „Der Sanitätsrat fällt merklich zusammen.“ Trotzdem dachte niemand an einen tragischen Ausgang. Ein Brief aus Uzès, der zum erstenmal beunruhigende Nachrichten über Dr. Br.s Gesundheit enthalten haben soll, erreichte seine Angehörigen nicht. So kam der 8. Juli heran, ein Tag härtester Prüfung; von den Leidensgefährten Dr. Br.s wurden an diesem Tage fast alle, die ihm freundschaftlich nahestanden, von Uzès abtransportiert; einige kamen in andere Lager, die meisten nach der Schweiz. Für sich selbst hatte Dr. Br. den Gedanken, sich als erholungsbedürftig zu melden, stets abgelehnt.
Der Abschied von den Freunden bewegte ihn so tief, daß zum erstenmal in einem Briefe aus diesen Tagen eine bittere Stimmung und Verstimmung zu Worte kommt. Bald jedoch flammt die belebende Hoffnung, seine treue Begleiterin bis zur letzten Stunde, wieder auf: auch ihn trifft das Los, von Uzès zu scheiden; mit zwei Gefährten zusammen wird er für das Offizierslager von Le-Puy en Velay bestimmt, das, seiner Ueberzeugung nach, nur eine Uebergangsstation auf dem Wege nach Deutschland sein kann. In seinen Briefen fehlt jede Nachricht von der Ankündigung und Ausführung des Transports nach Le-Puy. Dagegen schreibt sein Leidensgefährte, Leutnant B.: „Nie habe ich Herrn Stabsarzt so vergnügt gesehen, als bei unserem Frühstück auf dem Bahnhof von Alais, wo wir in einem kleinen Extrastübchen speisen durften.“ Eine Zentnerlast fällt von seiner Seele, als er dem verhaßten Uzès den Rücken kehrt: Nun geht es vorwärts, zu gleichgesinnten Kameraden, zur Heimat, in die Freiheit! Noch einmal siegt der unbeugsame Geist dieses größten Optimisten, wie ihn einer seiner nächsten Jugendfreunde nannte, über alle körperlichen Leiden, über die ersten Anzeichen der Schwäche und der vernichtenden Krankheit.
Der erste Brief aus Roche Arnaud lautet:
„19. 7. 16.
Wir sind am Sonnabend, den 15., hier angelangt, und war der erste Anfang nicht gerade vielversprechend, so haben wir doch schon am nächsten Tage eingesehen, daß wir in ein gutes, geordnetes Lager gekommen sind, weit entfernt von allem, was wir bisher gehabt. Ich will hinzufügen, daß ich mich schon in den wenigen Tagen körperlich wohlfühle, und Euch weiter dahin beruhigen: 1. Wir sind hier auf einer Höhe von 700 m mit schönem Rundblick über Stadt, Wald und Berge; wir haben einen recht geräumigen Garten mit Sitzplätzen zur Verfügung, der von den bisherigen Gefangenen sehr hübsch bearbeitet ist und von Blumen strotzt. Die Luft ist — im Gegensatz zu Uzès — ganz rein, wenn auch kalt. 2. Die Verpflegung ist gut. — Wir sind etwa 100 Offiziere hier; keiner hat wohl Aehnliches durchgemacht, als ich. Der älteste ist Oberst B., der zweite im Range bin ich, wie offiziell bekanntgemacht wurde; — 3. (und das ist psychisch so besonders wertvoll): Ich lebe in sehr anständiger Gesellschaft. Was es heißt, wieder einmal in Kreisen zu leben, die einem zukommen, das könnt Ihr kaum begreifen. Der Ton, die gegenseitige Gefälligkeit, ist so tadellos, wie ich es nie, auch nicht annähernd, gekostet habe. Ich sitze am Tische neben dem Oberst, meist in netter Unterhaltung, und esse auch dabei, sogar mit Appetit. In Uzès hätte ich es auf die Dauer nicht durchgehalten. Als ich hier vom Bahnhofe zum Lager sollte, konnte ich einfach nicht mehr und Treppensteigen auch nicht. 4. Ich wohne in einem netten Zimmer mit einem Hauptmann; unser Fenster hat, wie alle, schöne Aussicht. — — Was wird aus allen Träumen, die als letzten Termin schließlich den 15. Juli festgesetzt haben? Darin bin ich ganz resigniert geworden und nur froh, daß ich hier für meine Gesundheit etwas tun kann.“ —
„Brief vom 30. 7. 16.
Wir haben heute einen herrlichen Morgen, und ich sitze hier im Garten und schreibe. Ich mache Fortschritte, wenn auch noch nicht, wie ich es möchte. Eben habe ich meinen Morgenspaziergang im Garten gemacht, der mir noch verdammt sauer wird. Ich komme mir vor wie ein schwerer Rekonvaleszent, konstatiere aber, daß die illusionistische Fähigkeit im Denken und Pläneschmieden und damit die Lust zum Leben wieder erwacht ist. Sitze ich im Freien, so fühle ich mich ganz wohl, nur zur weiteren Bewegung und Treppensteigen reicht es noch nicht.“
„1. Aug. In den Zeitungen munkelt man soviel vom Aerzteaustausch; ich weiß gar nicht, was ich von alledem denken soll, kümmere mich aber auch zurzeit nicht darum. Es geht langsam und stetig besser; die Gesichtsfarbe wird auch schon besser; ich glaube, mein Gewicht, das sehr stark abgenommen hatte, fängt auch an, sich zu mehren. — Gestern und heute köstliche Tage. Seit etwa acht bis zehn Tagen habe ich die Zuversicht: Es wird wieder! Also gute Zuversicht; ich tue alles, gesund zu werden, und werde darin von meinem Zimmerkollegen energisch unterstützt.“
„5. Aug. Mir geht es immer langsam besser, leider noch langsam; aber nun wird alles wieder gut werden. Wenn wir uns erst wiedersehen.“