„11. Aug. Ich muß erst gesund sein, ehe ich mich auf ein Wiedersehen freuen kann.“

Von da an wird die Schrift unsicher und mühsam; ausgelassene Buchstaben und Worte zeigen an, daß der Geist anfängt, seine Spannkraft zu verlieren. „Schreib, wenn die neun Pakete da sind“, sind die letzten, mit sichtlicher Anstrengung auf einer Postkarte vom 30. 8. geschriebenen Worte. Die neun Pakete mit der Zivilkleidung, darin verborgen das Tagebuch, hatten die Heimat erreicht, die der Dulder selbst nie mehr betreten sollte. — — —

Jeder Lagerwechsel brachte eine vielwöchige Unterbrechung der Korrespondenz mit sich; auch in schweren Krankheitsfällen ging die französische Verwaltung von der Vorschrift, ankommende und abgehende Post der Gefangenen erst längere Zeit in Gewahrsam zu behalten, nicht ab. Die Klagen des Leidenden, daß er seit langer Zeit von seinen Angehörigen keine Briefe erhalten — die nach seinem Tode in großer Zahl nach Deutschland zurückgeschickt wurden — sind herzzerreißend.

Ebenso erlitt die Gefangenenpost durch die Zensur oft wochenlange Verzögerung, so daß bis Anfang September nur die ersten hoffnungsvollen Berichte aus Le-Puy bei Dr. Br.s Familie eingetroffen waren. Ein von der deutschen Regierung seit Monaten vorgeschlagenes Abkommen über den Austausch des Sanitätspersonals zwischen Deutschland und Frankreich war endlich zum Abschluß gelangt: die französische Regierung hatte sich verpflichtet, unmittelbar nach dessen Ausführung auch Dr. Br. freizugeben.

Mutter und Geschwister, Frau und Kinder bereiteten sich, den sehnlichst Erwarteten für alle Entbehrungen der harten Gefangenschaft tausendfach zu entschädigen, teilnehmende Freunde beglückwünschten die Familie: das Ziel jahrelangen, heißen Bemühens war erreicht! — Die Abreise der gefangenen aktiven Militärärzte nach Lyon und von da nach Konstanz, erfolgte wirklich, am Tage nach Dr. Br.s Beerdigung.

Kameradschaftliche Treue bereitete dem Heimgegangenen eine würdige Totenfeier; Beethovens und Mozarts weihevolle Klänge grüßten ihn zum letzten Abschied, und „Wenn ich einmal soll scheiden“ klang es von deutschen Soldatenstimmen, als der Trauerzug sich vom Hofe des Lagers Roche Arnaud nach dem hochgelegenen Friedhofe in Bewegung setzte. Der rangälteste Offizier, Oberst B., widmete dem Kameraden herzliche Abschiedsworte: „Es war ihm nicht vergönnt, wie Begeisterung und Tatendrang ihn trieben, seinen Brüdern gleich seine Kräfte persönlich einzusetzen; und doch starb auch er als Held, wenn wir seines Denkens und Fühlens, wenn wir seines Sterbens uns entsinnen.“

Der stolze Sinn eines deutschen Mannes von der Begabung und Empfindung Br.s ist auch eine wuchtige Waffe gegen den Feind gewesen.


Druck von Möller & Borel G. m. b. H., Berlin SW. 63.