d.
Maria im Erzgebirge.
Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter das kärgliche tägliche Brot erwerben. Da wurde ihm einst von der reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin, der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher Lohn werden; beim Gegenteile erwartet sie dagegen Spott und bitterer Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit. Doch als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes erwehren, und sie wankte todmüde an das Bett der Mutter hin. Aber wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele. Die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Schein, und leise trat eine holde Frau ein mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen, und die Klöppel flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen war, sodaß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet dalag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin und belohnte die Arbeit so reichlich, wie nie zuvor. In dem Kleide jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.
Nach Bowitsch und Dr. Köhler.
e.
Die jetzigen Klöppelschulen.
In der Kreishauptmannschaft Zwickau bestehen 27 vom Staate beaufsichtigte und unterstützte Spitzenklöppelschulen. Die Orte, in denen sich die Schulen befinden, sind: Albernau, Aue, Bermsgrün, Breitenbrunn, Crandorf, Elterlein, Grünhain, Hammerunterwiesenthal, Haßlau (I und II), Hundshübel, Jöhstadt, Neustädtel, Oberwiesenthal, Planitz (I und II), Pöhla, Rittersgrün (I, II und III), Rothenkirchen, Schlema, Schneeberg, Schwarzenberg, Unterwiesenthal, Wilkau (Abteilung A und B ) und Zschorlau. Diese Schulen wurden im Jahre 1896 von 1303 Schülerinnen besucht. Der gesamte Arbeitsverdienst betrug 30 177 M 48 Pf, durchschnittlich 23 M 16 Pf. Die gesamten Einnahmen beliefen sich auf 22 718 M 36 Pf und die Ausgaben auf 20 717 M 51 Pf. Als Staatsbeihilfen wurden 15 580 M gewährt. Das Gesamtsparguthaben der Klöppelschülerinnen bestand am Schlusse des Jahres 1896 in 29 935 M 45 Pf. In der Kreishauptmannschaft Dresden besteht nur eine Spitzenklöppelschule, nämlich in Brand bei Freiberg. Außerdem besteht in Schneeberg die Königl. Spitzenklöppelmusterschule.
57. Der ehemalige Hausierhandel im Erzgebirge.
Zahlreiche Erzgebirger früherer Zeit wanderten in jedem Jahre monatelang gleich Zugvögeln in die Fremde, um dann wieder zur heimischen Scholle zurückzukehren, die ihnen als das schönste Erdenfleckchen erschien und darum über alles teuer war.
Die im Anschlusse an den erzgebirgischen Bergbau auf Eisen und andere Metalle betriebenen Gewerbe erzeugten eine mannigfaltige Menge von Gegenständen. Zahlreiche Bewohner fanden nicht nur unmittelbar beim Eisenbergbau, sondern auch in den Hammerwerken, Walz- und Drahtwerken, sowie bei der weiteren Bearbeitung des Eisens und Stahls zu Löffeln, Nägeln, Nadeln, Schneidewerkzeugen Beschäftigung und Brot. Neben den Waren aus verzinntem Blech wurden auch solche aus Schwarzblech gefertigt. Im Raschauer Grunde war die Nagelfabrikation ein Jahrhunderte alter Erwerbszweig.
Alle die genannten Erzeugnisse der Handarbeit unserer Erzgebirger wurden nun von zahlreichen Personen im Kleinhandel vertrieben. So bildete sich ein Wanderleben, das lange Zeit eine Eigentümlichkeit vieler Bewohner des Erzgebirges gewesen ist. Schon 1628 besuchten die Bockauer mit hölzernen und blechernen Waren die Jahrmärkte viele Meilen weit. Im 17. Jahrhunderte führten die Händler auch Eisenwaren mit sich.
Die mit Blechwaren hausierenden Schönheider nannte man »Röhrenschieber«. Mit ihnen waren es auch Bärenwalder, Bernsbacher und Beierfelder, welche auf Schiebkarren oder kleinen selbstgezogenen Wagen die schwarzen Blech- und Eisenwaren von Ort zu Ort fuhren und so lange von ihrem Dorfe fortblieben, bis sie alles verkauft hatten.