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| I. | Einleitung | [3] |
| II. | Geographische Übersicht | [8] |
| III. | Klima, Pflanzen- und Tierwelt | [26] |
| IV. | Geschichtliche Übersicht | [38] |
| V. | Bevölkerung | [51] |
| VI. | Das Unterinnthal und seine Nachbarschaft | [76] |
| VII. | Nordwesttirol | [94] |
| VIII. | Vorarlberg | [115] |
| IX. | Vintschgau | [122] |
| X. | Sillthal, Brenner und Bozen | [140] |
| XI. | Pusterthal und Tauern | [153] |
| XII. | Etschthal von Bozen bis Verona | [170] |
| XIII. | Die südlichen Thäler der Dolomitalpen | [178] |
| XIV. | Nonsberg und Judicarien | [188] |
| Litteratur | [192] | |
| Register | [193] | |
| [Karte von Tirol.] | ||
Abb. 1. Großglockner, von der Franz Josefshöhe gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Tirol.
I.
Einleitung.
Das Land Tirol!
Wer den Namen hört und die Augen schließt, dem ersteht vor dem inneren Blick ein großartiges Bild irdischer Meisterschönheit: grüne, von mächtigen, wilden Bergströmen durchrauschte Thäler mit alten Städtchen und mit friedsamen Dörfern, die sich an die Wiesenhänge lehnen; und über den Dörfern dunkele Waldung, aus deren schattigem Kranz weiße, graue und rote Felsmauern ragen; über diesen Felszinnen aber ein flimmerndes, funkelndes Dach von Eis und ewigem Schnee; ein Dach, über dessen schwindlig steile Schneiden und Hörner jahrhundertelang nur die Geister der Sage mit Elfenfüßen schritten, bis es seine Geheimnisse den kühnen Pfadfindern des XIX. Jahrhunderts erschloß.
Und in den Thälern ein Volk, schlicht und treu und heldenkühn; ein Volk, dessen Geschichte zurückreicht in die Zeit des gewaltigen römischen Kaiserreichs. Ein Volk, das in der Einsamkeit seiner Thäler lebt und stirbt, das fromm wie Kinder in seinen Dorfkirchen kniet, aber in Zeiten der Gefahr nicht bloß seine Männer, sondern auch seine Weiber und Knaben zum todbringenden Schießzeug greifen läßt für den Kampf um Heimat und Vaterland!
Ströme von Steintrümmern, Ströme von Wässern, Ströme von Eis und Ströme von Völkerschaften haben sich durch das Land ergossen, bis es zum Land Tirol von heute ward. Doch was diese Ströme auch mit sich rissen: seine große plastische Schönheit konnten sie dem Lande nicht entführen; auch nicht jene Tausende von heimlichen Winkeln und Ecken, in denen menschliches Leben und Geschichte sich eingeschmiegt haben mit ihren Häusern und Kirchen, Städtchen und Burgen.
Wir sehen das Land schon lange, ehe wir es betreten; wir sehen seine weißgrauen Felszinnen über die Voralpen emporschauen, wenn wir uns von Norden her nähern; und kommen wir von Süden, so grüßen uns auch nackte Bergmauern schon lange, während wir noch aus der lombardischen Ebene dahinrollen. Felsenthore nehmen uns auf, aus denen uns eiskalte, helle Ströme zwischen weißen Kiessäumen bergfrisch entgegenrauschen. Ein breites Thal liegt vor uns; an der Nordseite von kahlem, grauem Geschröffe vermauert, während an der Südseite grüne, bewaldete und bemattete Hänge sanfter hinansteigen. An Dörfern und Städten trägt uns das Rad auf der dröhnenden Schiene vorüber, auf Brücken den Strom übersetzend. Und bald erschließt sich in der südlichen, bald in der nördlichen Thalumwallung ein Spalt, der uns einen Einblick in irgend eine stille verträumte Nische dieser Bergwelt gestattet, wo abseits vom Lärm der großen Welt ein Häufchen Menschen lebt, das nichts kennt, als seine paar Häuser, seine weiße Kirche und die himmelhohen Berge, die seine Heimat umschließen.