Wir verlassen die Schienenstraße und wandern mittagwärts in eines jener Thäler hinein. Tiefe Einsamkeit umgibt uns bald; durch einen Erlenwald hören wir, manchmal näher, manchmal ferner, einen Bergstrom rauschen. Das erste Dorf, das in einer Thalweitung sich zeigt, ist groß und wohlhabend, von Obstgärten und Getreidefeldern umgeben. Dann verengert sich das Thal wieder; durch eine Wildnis von grauen und braunen Trümmerblöcken, die von den hohen, düster über uns starrenden Thalwänden niedergestürzt sind, windet sich ein schlechtes Sträßchen hinan, neben dem in grandioser Wildheit uns entgegenschäumenden Gletscherbach. Eine höhere Thalstufe wird erreicht; wieder breiten sich grüne Matten um uns aus, von riesenhaften Bergen überragt, über deren braune Wände Wasserfälle niederstäuben, die aus Schnee- und Eisfeldern entspringen. Hoch oben zwischen finsterem Zackengemäuer sieht man die blauen Gletscherzungen herabhängen, aus denen diese Sturzbäche kommen. Und wieder treten die Thalwände näher zusammen. Der einwärts führende Weg ist nun nicht mehr fahrbar; als steiniger Saumpfad nur zieht er sich steil empor, durch stundenlange Einöden, bald am rechten, bald am linken Ufer des tosenden Gletscherbachs, über schwankende Balkenbrücken, an schwindlig jähen Felswänden oder über wüste Schuttwälle hinweg. Dann öffnet sich das Thal noch einmal; sein letztes höchstes Dorf begrüßt uns: ein Haufen brauner Holzhäuser, zu Füßen einer schmucklosen grauen Steinkirche. Ringsum grünes Gehügel und über ihm ansteigend graue Bergflanken; wo sie etwa einen Durchblick gestatten, sieht man weiße Eismassen niedersteigen und im fernsten Hintergrunde einen in blinkendes Schneekleid gewandeten Hochgipfel aufragen. Das Dorf ist wie ausgestorben; nur ein paar Kinder, die an einem Zaune sitzen, schauen uns mit großen schwarzen Augen verwundert an.

Und weiter geht’s, wieder stundenlang, zu den letzten Thalstufen empor, durch Engen und Schluchten, an steinigen Hängen hinan. Noch einzelne Bäume zeigen sich an diesen Hängen: verwitterte seltsam geformte Zirbelkiefern, deren zähes Wurzelwerk im Felsboden sich einen rauhen Stand gesucht hat. Dann bleiben auch sie zurück; und wie der Thalgrund sich wieder öffnet, ist er zu einem riesigen Amphitheater von Fels und Eis geworden. Zwischen nackten Riffen und Hörnern, die nur am Fuße noch hier und da den Anflug spärlicher grüner Moosbekleidung zeigen, wälzen sich, von himmelblauen Spalten durchsetzt, breite Eisströme herab, deren Ursprung stundenweite Firnfelder sind. Und über diesen türmen sich noch in geisterhafter Schönheit die höchsten Zinnen und Zacken des Gebirges empor: blinkende Schneespitzen, nur an den Schultern unterbrochen von schwärzlichen Klippen oder blaugrünen Eisbrüchen. Der Boden dieses Hochthales aber ist ein Spielplatz der Gletscherbäche, die hier von allen Seiten her als weiße Fäden über die Moränenwälle und die letzten grünen Matten herabkommen. Hoch über einem dieser Moränenwälle, auf isoliertem Felshügel, schimmert noch ein kleiner Steinbau in der Abendsonne: eins von den Unterkunftshäusern, die der Alpenverein an den Enden der Hochthäler errichtet hat, dort, wo die letzten gebahnten Pfade enden, wo der Wanderer, der noch weiter will, sich den Steig durch die schreckhaften Eisgefilde selber bahnen muß.

So ist der Charakter der Landschaft in den Thälern, die zum mittelsten Eiskamm der Tiroler Alpen hinanführen, zu jenem Eiskamm, der von Westen nach Osten, nur an wenigen Stellen zu tieferen Pässen eingeschnitten, das Land durchzieht.

Abb. 2. Silvrettagruppe, vom Jamthal gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 3. Alt-Finstermünz.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Haben wir diesen Kamm überstiegen, so erschließen sich neue Gebirgsbilder. Aber sie sind von ganz anderer Art. Andere Gesteine bauen sich in abenteuerlichen Formen vor uns aus; statt des dunklen Fichtenwaldes, der auf der Mitternachtsseite der Alpen uns umrauschte, grüßen uns die saftigen Wipfel der Edelkastanie und des Weinstockes zierliches Blätterwerk in den Thälern und an den tieferen Thalwänden. Und wandern wir aus einer der großen Thalfurchen hinauf ins Gebirge, so staunen wir über die Mannigfaltigkeit der Gesteine, die dort aus den Tiefen der Erde emporgestiegen sind. Über rebenumrankte, rote Porphyrkuppen führt uns der Pfad empor; dann wieder an brüchigen Schieferwänden entlang, wo der verwitterte Steig unter den Füßen des Wanderers abglitscht. Und dann erreichen wir eine wellige grüne Hochfläche, aus der wie Trümmer fabelhafter Riesenbauwerke die weißen Kolosse der Dolomite aufragen. Türme, Hörner und Zähne von unglaublichster Gestalt. Wir wandern über die Hochfläche hin an Schlünden vorüber, die, von pechschwarzem Porphyr gebildet, wie Zugänge zur Unterwelt uns angähnen. Zwischen zwei unersteiglich scheinenden Naturburgen aus Dolomit überwandern wir ein grünes grasiges Joch und schauen jenseits in eine völlig rätselhafte Landschaft. Denn vor uns liegt eine Unzahl von einzelnen Berggruppen. bald steile Türme; dann wieder ausgedehnte breite Felsmassen; dazwischen öde steinige Gassen, die in eine ganz fremde Welt zu leiten scheinen. Hier ist alles überraschend; die Landschaftsbilder wechseln unaufhörlich. Und wenn wir, der Felsenwanderung müde, ein Gefährt besteigen, das uns ins Hauptthal zurückführen soll, rollen wir nach wenigen Stunden wieder auf prächtiger, vielfach gewundener Kunststraße thalabwärts in ein immer üppiger werdendes Gefilde, wo uralte Nußbäume und Kastanien ihren Schatten werfen, Schlinggewächs die Dächer der italienisch aussehenden Häuser überrankt und Reben über die Mauern hereinhangen. Und an den fruchtreichen Gehängen, nach der Tiefe des breiten Stromthales zu, sehen wir noch in meilenweiter Ferne Ortschaften, Kirchen und Burgen erglänzen, über denen sich rote Felsenberge mit grünen Hochflächen aufbauen. Aber selbst auf den Hochflächen, in schwindelnder Höhe über der Thalsohle, schimmern als weiße Pünktchen noch friedliche einsame Ansiedelungen, und in viel weiterer Ferne noch erscheinen wie Traumgestalten wieder die stolzen duftumflossenen Schneehäupter, die des Landes Marksteine bilden.

Abb. 4. Ortler, von der Dreisprachenspitze gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)