Abermals nimmt uns die stählern dröhnende Maschine mit, thalabwärts, in die Sonnenglut südlicher Landschaft. Sie reißt uns an heißen Bergwänden entlang durch Gartengefilde, wo aus lichtem Grün schon einzelne dunkle Cypressen ragen. Und endlich landet sie uns am Strande eines großen blauen Wassers. Fremdartige Blumenschönheit nickt uns aus dieser Landschaft entgegen; welsche Laute schlagen an unser Ohr. Über die Felsenufer, an die azurne Wellen mit wunderbarem Glanze plätschern, wandern wir nach einem Hain von Ölbäumen, durch dessen schlanke Baumgestalten trauernde Griechengötter wandeln könnten. Noch sind wir im Land Tirol; aber seine südlichsten Felsenpfeiler leuchten im Abendgolde über unserem Haupt; und noch weiter südlich, wo unser Blick an einem fernen Vorgebirge vorüberfährt, liegen vor ihm, von grauem Gewitterdunst überlagert, als weites Flachland die vielumkämpften Schlachtfelder der Lombardei.

II.
Geographische Übersicht.

Gestalt und Flächeninhalt Tirols.

Tirol ist das am meisten nach Westen vorgeschobene Land der österreichisch-ungarischen Monarchie. Und es ist zugleich dasjenige Land, welches, von deutschen Volksstämmen besiedelt, am vollendetsten als Übergang aus Deutschland nach Italien erscheint. Die Lage Tirols ist nicht österreichisch — so gut österreichisch auch das Herz des Volkes schlägt.

Gestalt und Zugänglichkeit der Grenzen mußte vom größten Einfluß auf die Berührung mit den Nachbarländern und Nachbarvölkern sein. Am offensten erscheint die Grenze immer noch nach Norden hin.

Wohl bauen sich da die nördlichen Kalkalpen als riesiger Grenzwall gegen Bayern auf; aber dieser Grenzwall hat doch eine ganze Reihe von breiten Pforten: das Rheinthal, das Lechthal, den Fernpaß, das Loisachthal, die Achenseefurche, das Innthal und das Thal der Kitzbühler Ache. Durch diese Zugänge konnten jene Volksstämme, die jeweils die Hochebene südlich der Donau inne hatten, in das Herz des Berglandes eindringen. Weniger zugänglich erscheint die nach Südosten, gegen Salzburg, Kärnten und Venetien gerichtete Grenze und die Westgrenze, die an die Schweiz und an die Lombardei stößt.

Der gesamte Flächeninhalt der „gefürsteten Grafschaft“ Tirol beträgt 26683 qkm; hierzu kommt Vorarlberg mit 2602 qkm. Beide Länder bilden zusammen eines der Kronländer von Österreich, mit zusammen 928769 Seelen, die sich auf 1002 Gemeinden in 2140 Ortschaften verteilen.

In seiner Grundform erscheint das Land Tirol als ein etwas schräges Dreieck. Die Nordseite dieses Dreiecks legt sich an die Südgrenze von Bayern. Die Westfront stößt mit ihrer Nordwestecke an den Bodensee; in sie dringen der Schweizer Kanton Graubünden und das zur Lombardei gehörige Veltlinthal tief ein. Die Südspitze des Dreiecks ist stumpf und durch den Gardasee gespalten, die nach Südosten stehende Seite lehnt sich an die italienische Provinz Venetien und weiter nördlich an die österreichischen Alpenländer, wo der Paß Strub die nordöstliche Ecke des Dreiecks bildet.

Die nördliche breite Hälfte dieses Dreiecks, zwischen deutschen Ländern gelegen, trägt durchaus deutschen Charakter, obwohl die Orts- und Bergnamen romanischen Klang haben. Die Südspitze des Ländchens dagegen, die wie ein Keil zwischen die Lombardei und Venetien eindringt, ist italienisch; italienisch ist der Charakter der Landschaft, italienisch zum größten Teil die Bevölkerung.