Abb. 5. Königsspitze mit der Schaubachhütte.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Gliederung des Landes.
Erfaßt man das Land als Grundlage des menschlichen Lebens, so läßt Tirol deutlich zwei große Furchen erkennen, in denen dieses Leben gesät ist und wächst. Die eine dieser Furchen legt sich quer durch Nordtirol; sie beginnt im Westen in der Tiefe des Rheinthales und zieht über den Arlberg und Innsbruck nach Osten, bis ihr an der Ostgrenze Tirols das Steingebirge von Lofer einen Wall entgegenschiebt. Die andere dieser Furchen zieht in nordsüdlicher Richtung von Innsbruck über den Brenner nach Bozen und weiter über Trient nach Verona. Fast nur durch das, was in diesen Furchen atmet und sich regt, ist Tirol mit der Geschichte und den übrigen Völkern in Verbindung getreten. Wer freilich des Landes Wesen und Eigenart genauer prüft, findet leicht, daß diese Furchen durch ein Geäder von Seitenthälern mit dem ganzen Lande in lebendiger Verbindung sind und durch dieses Geäder Kraft und Lebensstoff aufnehmen.
Die Alpen erfüllen Tirol vollständig. So vollständig, daß nur das Dorf Erl im Unterinnthale und Bregenz am Bodensee in flacheres Land hinausschauen, wenn auch diese beiden Ortschaften noch selber an den Fuß der Alpen sich lehnen. Und im Süden — ja, vom Hafen von Torbole am Gardasee vermag man in die lombardische Ebene zu blicken; auch dort ist eins von den wenigen Fenstern, durch die der Blick ins Flache führt.
Sonst überall Berge, Berge, Berge!
Die Ketten der Alpen, welche Tirol in ostwestlicher Richtung durchziehen, lassen deutlich einen dreifachen Wall unterscheiden. In Mitte des Landes die in einer Reihe von Gruppen auftretende Kette der Centralalpen; nördlich und südlich von ihr die durch die Innfurche, sowie durch die Thaltiefen des Vintschgau und des Pusterthales abgegrenzten nördlichen und südlichen Kalkalpen. Die Centralalpen sind nicht bloß aus anderem Gestein aufgebaut, als die Kalkalpen; sie haben auch andere Berg- und Thalformen, anderes Natur- und Menschenleben. Der stärkeren Eisbedeckung der Centralalpen entspricht ein größerer Wasserreichtum; den anders ausgebauten Gehängen eine andere Form der Ansiedelung und des Verkehrs, als wir sie bei den Kalkalpen finden.
So leicht es erscheint, einen allgemeinen Einblick in den Aufbau des Landes zu erhalten; wenn man in die Einzelheiten eingeht, wird derselbe zu einem recht verwickelten Gefüge. Denn die Natur eines Berglandes hängt ja einerseits von der Art der die Erdrinde bildenden Gesteine ab und andererseits von Thatsachen, die mit der Mischung dieser Gesteine nur zum Teil im Zusammenhange stehen. Die Gesteinsarten verleihen der Landschaft gewisse eigenartige Gesichtszüge und Einflüsse auf das Menschenleben; aber neben diesen Gesichtszügen und Einflüssen wirken auch jene, welche die Berglandschaft von unten herauf in verschiedene Höhen gehoben, sie in ihren einzelnen Teilen gefaltet, hier zusammengedrückt, dort auseinander gespannt, hier sanftere, dort steilere Böschungen geschaffen haben. Die ungeheuren Naturrevolutionen, die vor unzähligen Jahrtausenden diese Landschaft schufen, sind nicht immer von den gleichen revoltierenden Naturmächten ausgegangen; darum findet sich hier Erklärliches und Unerklärliches, Verwandtes und Fremdestes hart aneinander gerückt und durcheinander geworfen.
Abb. 6. Adamellogruppe, von der Presenaspitze gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Die Centralalpen erscheinen bei näherer Betrachtung als eine zusammenhängende Reihe von Massenerhebungen. Jede einzelne dieser Massenerhebungen weist wieder ihre besondere Gliederung auf; sie zerfällt in Unterabteilungen, bei deren Aufbau bald ein strahlenförmiges Auseinandergehen der Bergkämme von einem gemeinsamen Mittelpunkte, bald die Erscheinung eines Hauptkammes zu beobachten ist, von welchem mehr oder weniger gekrümmte Seitenzweige auslaufen. Von Westen nach Osten gerechnet, lassen die Centralalpen in Tirol folgende Hauptgruppen unterscheiden: