Die Silvrettagruppe ([Abb. 2]), an der Grenze von Tirol und Graubünden, „ein aufgerissenes Gewölbe mit steil aufgerichteten Schalenstücken, die zu auffallend wilden Graten und Felshörnern verwitterten,“ besteht aus Gneis, Glimmerschiefer und Hornblendegestein. Letzteres verleiht ihren Felsgipfeln unheimlich dunkle Färbung; sie trägt ausgedehnte Eis- und Firnbedeckung und ist daher im Inneren wild und unwegsam. Ihr höchster Tiroler Gipfel ist das Fluchthorn (3408 m); von größeren Thälern entsendet sie nach Nordwesten und Nordosten das Montafon und Paznaun, westwärts zur Schweiz das Prättigau; im Süden stürzt sie mit kurzen Thälern zur tiefen Einsenkung des Innthales. Nordwestlich schließt sich an sie die geologisch und geographisch zu ihr gehörige Samnaungruppe, ein Vorbau, der im Muttler (3299 m) kulminiert; zur nördlichen Vorlage hat sie die schöne Fervallgruppe.

Abb. 7. Brentagebirge, vom Monte Spinale gesehen.
(Originalaufnahme von Hofphotograph B. Johannes in Partenkirchen und Meran.)

Durch die tiefe Innschlucht beim Passe Finstermünz ([Abb. 3]) ist von dieser Gruppe die nächst östliche getrennt: die Ötzthaler und Stubaier Gruppe. Diese gleicht einem ins Herz des Tiroler Landes geschleuderten doppelten Eisstern, von dessen Mittelpunkten ungleich lange Strahlen nach den verschiedenen Weltrichtungen hinabziehen. Der westlichere dieser beiden Eissterne hat nicht weniger als 550 qkm Bodenfläche unter seinen Gletschern begraben; er gipfelt in der Wildspitze (3774 m). Seine einzelnen Ausstrahlungen bilden fortlaufende Eiswälle, zwischen denen die Thäler hoch hinansteigen, so daß in ihnen die letzten Ansiedelungen in Höhen über 2000 m liegen. Der Kern des Gebirges besteht hier aus Granit und Gneis, aus großen Strecken überlagert von Glimmerschiefer, der die schärfsten, stark verwitterten Zacken und Riffe über die Eisfelder aufstreben läßt. Die Thäler sind, soweit sie sanftes Gehänge haben, hoch hinauf noch wohnlich; in der Umgebung der letzten Ansiedelungen endet der Baumwuchs; aber grüne, von Gletscherbächen übersprudelte Matten ziehen sich noch bis zu den ungeheuren Moränenwällen der Gletscher empor. Ihre größten Thäler sendet die Gruppe als Kaunserthal, Pitzthal, Ötzthal und Stubai nordwärts zum Innthale, als Passeier- und Schnalserthal südlich zum Vintschgau. An sie schließt sich im Südosten, als niedriger Vorbau, die Sarnthaler Gruppe, ein nach Süden offenes Hufeisen, ohne Eisbedeckung, mit viel geringeren Erhebungen, der zugänglichste und wohnlichste Teil der Centralalpen.

Der Hauptkamm der Centralalpen.

Mitten in ihrem Zuge durch Tirol wird die Kette der Centralalpen durch die tiefe Einsattelung des Brenners unterbrochen. Ostwärts von diesem erheben sich die Zillerthaler Alpen, aus drei Gruppen bestehend, nämlich aus dem zunächst am Brenner liegenden Tuxer Kamme, dem dann der Zillerthaler Hauptkamm mit dem Hochfeiler als Kulminationspunkt (3523 m) folgt; an ihn schließt sich nordöstlich die Reichenspitzgruppe. Die Zillerthaler Alpen weisen furchtbar wilde Gipfelformen, tiefe schluchtartig eingerissene Thäler mit grimmigen Steilwänden, scharf zerfurchte Gletscher auf. Sie sind reich an mannigfaltigen Mineralien, aber unwirtlich für die menschliche Ansiedelung. Nur zwei größere wohnliche Thäler ziehen sich nach der Gruppe empor, weiter einwärts gähnen nur noch menschenleere düstere Schlünde.

Südlich vom Zillerthaler Hauptkamm erhebt sich noch die kleine Rieserfernergruppe, gleichfalls in kühnen, scharfen Formen ansteigend, bis zum Hochgall (3440 m). An sie legt sich, weit nach Osten streichend, das zahme unbegletscherte Defereggergebirge.

Der Hauptkamm der Centralalpen aber setzt sich in der mächtigen Tauernkette fort, die von der Reichenspitzgruppe durch die tiefen Einsattelungen des Krimmler Tauern und der Birnlücke getrennt ist. Von der Tauernkette stehen nur zwei Gruppen, und auch sie nur teilweise, auf Tiroler Boden: die Venediger- und die Glocknergruppe.

Die Venedigergruppe ist eine bedeutende, mit riesigen Eismassen bedeckte Erhebung, im Großvenediger bis zu 3660 m ansteigend, größtenteils aus Granit bestehend. Von der Tiroler Seite ziehen sich das Ahrnthal, das Defereggenthal, das Virgenthal mit seinen Seitenschluchten, das Froßnitzthal und das Tauernthal in die Eisgefilde der Gruppe hinan. Die meisten dieser Thäler, sowie die von Norden in die Gruppe eingerissenen Schluchten sind arm an Ansiedelungen, so daß die ganze Gruppe als eine der vom Menschenleben am wenigsten angetasteten Hochburgen jungfräulicher Naturschönheit erscheint.