Abb. 8. Schlern, vom Ritten gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Östlich von der Venedigergruppe erreicht die Tauernkette in der Glocknergruppe ihre großartigste Massenentwickelung. Als nordöstlicher Grenzpfeiler Tirols schwingt sich hier der Großglockner bis zur Höhe von 3798 m empor ([Abb. 1]). Die Felsunterlage der Gruppe ist Gneis mit Glimmerschiefer, die Bergformen scharfe, ausgesägte Schneiden und Zähne. Aus Tirol zieht nur ein einziges Thal, das Kalser Thal, in das Herz der Gruppe, welche nach Süden zu noch einen Vorbau, die Schobergruppe, angehängt hat. Mit dem Großglockner findet der Zug der Centralalpen in Tirol sein östliches Ende.

Die nördlichen Kalkalpen.

Nördlich von der Centralkette erstreckt sich durch ganz Tirol die Kette der Kalkalpen. Sie hat ein ganz anderes landschaftliches Gesicht, als die Centralalpen. Wie die Centralalpen steigen auch die Kalkalpen von Norden her allmählich an, um nach Süden zu jäh abzubrechen. Aber das Kalkgestein ist bei der Entstehung der Gebirge in ganz anderer Weise geknickt und gebogen worden, als die Gesteine der Centralalpen. In den Kalkalpen finden wir steile weißgraue Mauern und Türme, die aus grünen Wald- und Wiesenthälern jäh und unvermittelt hervorbrechen. Wir finden da nicht selten mehrfache, parallel laufende Ketten nebeneinander; und die einzelnen Ketten sind nicht bloß durch Einsattelungen, sondern durch tiefe Thäler voneinander geschieden.

Abb. 9. Rosengarten.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Den Anfang der nördlichen Kalkalpen Tirols macht im Westen der Rhätikon mit der 2967 m ansteigenden Scesaplana. Dann sehen wir die Kette durch den tiefen Einschnitt des Illthals unterbrochen, jenseits desselben aber wieder emporsteigen zu den sanfteren Gehängen des Bregenzer Waldes und den höheren, schroffen und zerzackten Formen der Lechthaler Alpen. In diesen erreicht die Parseierspitze die stolze Höhe von 3038 m, als bedeutendste Erhebung der Nordkalkalpen. Diese werden dann von der Spalte des Fernpasses durchbrochen und setzen sich hierauf in mehreren Ketten fort, indem die bayerisch-tirolische Grenze durch die Wettersteinkette mit der 2964 m hohen Zugspitze gebildet wird, während südlicher die Mieminger Gruppe sich entlang zieht mit der hohen Griesspitze (2759 m). Es folgt nun wieder eine Unterbrechung durch die kleine Hochfläche von Seefeld und den Paß der Scharnitz; dann setzen sich die Hochkalkalpen in vier zerrissenen Parallelketten fort als Karwendelgebirge, mit der Birkkarspitze (2756 m) als höchster Erhebung. Das Karwendelgebirge verliert nach Osten zu bedeutend an Höhe und sinkt zur tiefen Furche des Achensees herab. Östlich von diesem baut sich die Rofangruppe noch stattlich empor (2299 m); dann aber sinken Gipfel und Kammhöhen mehr und mehr in die Tiefe; und erst jenseits des Inndurchbruchs bei Kufstein entwickelt der Kalk wieder seine künstlerische Plastik im Kaisergebirge, dessen furchtbar wilde Formen bis ins Flachland hinaus imponieren, obgleich es in seinem Kulminationspunkt, der Elmauer Haltspitze, nur 2344 m erreicht. Den östlichen Eckpfeiler der Nordkalkalpen in Tirol bilden die Loferer Steinberge (2634 m), als Grenze Tirols gegen Salzburg.

Abb. 10. St. Maria in Wolkenstein, gegen die Sellagruppe gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Ewigen Schnee tragen die Nordtiroler Kalkalpen genug in ihren höheren Runsen und Schluchten; kleine Gletscher nur im Rhätikon, in den Lechthaler Bergen und im Wettersteingebirge, wo aber der Plattachferner und Höllenthalferner auf bayerischem Gebiete liegen.