Im Nordosten von Tirol stoßen die Kalkgebirge nicht unmittelbar an die Centralalpen. Hier hat sich zwischen beide Hauptgebirgsglieder ein drittes eingeschoben: das aus Thonschiefer und älteren Kalkformationen bestehende Übergangsgebirge. Dieses Gebirge legt sich, sanft zum Innthal abgedacht, nördlich vor die Zillerthaler Alpen und vor die Tauernkette, von letzterer durch die Salzach getrennt. Einzelne seiner Gipfel steigen bis über 2500 m an. Das ganze Gebirge macht, zwischen den Eiskämmen der Centralalpen und den grotesken Zinnen der Hochkalkalpen, einen unscheinbaren Eindruck. Alle auffallenden Formen fehlen; langgestreckt ziehen sich die Bergprofile mit geringer Neigung empor, bis zu den Gipfeln hinauf mit Gras bewachsen. Nur in Höhen über 2000 m färbt das Grün sich bräunlich; der nackte Fels kommt mehr und mehr zum Vorschein. Die wertvollen Mineralschätze, die dieses Übergangsgebirge vor Zeiten in seinem Schoße barg, sind großenteils versiegt, aber seine ergiebigen Matten hat es behalten; seine Thäler und Almen sind Hauptsitze der Tiroler Viehzucht.

Die südlichen Alpen.

Die südlich von der Centralkette gelegenen, von ihr durch das obere Etschthal und das Pusterthal geschiedenen Alpen werden durch das untere Etschthal deutlich in eine westliche und eine östliche Hälfte geschieden. Die südwestlichen Alpen Tirols aber bestehen wieder aus drei Gruppen: der Ortlergruppe, der Adamellogruppe und der Brentagruppe.

Die erstere, aus Glimmerschiefer, Granit und Kalk aufgerichtet, bildet den gigantischen Grenzbau zwischen Tirol, der Schweiz und Italien. Im Ortler ([Abb. 4]) selbst erreicht sie die höchste Erhebung der österreichischen Alpen mit 3902 m, in der Königsspitze ([Abb. 5]) eine solche von 3857 m. Bei großer Massenerhebung zeigt die Gruppe imponierende Gletschermassen und tief eingeschnittene Thäler, während die von ihr nach Osten zu ausstrahlenden Nonsberger Alpen, aus Kalk und Porphyr bestehend, keine Vergletscherung mehr haben und zu den zugänglichsten, kulturfreundlichsten Strecken Tirols gehören.

Die einsame und entlegene Adamellogruppe ([Abb. 6]) stößt an die (italienischen) Bergamasker und Brescianer Alpen. Sie legt sich als mächtiges Hufeisen um den obersten Lauf der Sarca, nach Osten zu offen. Den nördlichen Arm dieses Hufeisens bildet die wilde Presanellagruppe, den südlichen, größeren, der Adamello (3548 m) mit seinen Trabanten: eine große Eisfläche, auf schönem, weißem Hornblendegranit aufliegend, von Glimmerschiefer umlagert, mit wilden und kühnen Formen.

Die Brentagruppe ist eine schöne, charakteristische Erhebung zwischen der Adamellogruppe und der Etsch, im Norden vom Thal des Nonsberges (Val di Non), im Süden vom Sarcathale begrenzt. Aus Dolomit bestehend, zeigt sie dessen mächtig zerrissene, kühn gestaltete Felsformen in auffallender Weise, trägt aber dabei auch noch einen gewaltigen Gletschermantel zwischen ihren Zinnen und Türmen ([Abb. 7]). Sie zerfällt in eine nördliche und südliche Hälfte und steigt in ihrem Hauptgipfel, der Cima Tosa, bis zu 3176 m an.

Noch ist das letzte Gebiet der Tiroler Alpen zu betrachten: jene ausgedehnten, mannigfachen und merkwürdigen Bergmassen, welche sich im Südosten des Landes, vom Pusterthal im Norden, vom Etschthal im Westen begrenzt, erheben und nach Ost und Süd über die Landesgrenze nach Kärnten und Italien hinüberziehen. Im Munde der Reisenden heißt diese Gebirgsmasse schlechtweg die Dolomiten. Sie verdient diesen Namen aber nur deshalb, weil ihre merkwürdigsten, auffallendsten Berggestalten aus Dolomit bestehen. Thatsächlich finden wir die mannigfaltigsten Gesteinsarten in dieser Gebirgsmasse vertreten: schwarzen und roten Porphyr, Dolomit und Glimmerschiefer, Sandstein und Granit. Die stolzesten Erhebungen aber gehören dem Dolomit an.

Abb. 11. Langkofel, von Nordost gesehen.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Südliche Landschaftsbilder.