Da findet man höchst eigenartige Landschaftsbilder: in der Tiefe der Thäler ein reich mit Grün überkleidetes, oft wohlangebautes, wellenförmiges Gehügel, aus Porphyr oder, im Norden, aus Glimmerschiefer bestehend, und darüber, in den verwegensten Formen aufragend, scharfkantig und der Verwitterung trotzend, Türme, Zacken und Zinnenmauern, die wie aus der Erde hervorgestoßen erscheinen, wie lauter Reste von zertrümmerten Riesenburgen. Und diese seltsamen Gebilde erscheinen, je nachdem sie von Regen benetzt, von der Sonne beglänzt oder von Wolken überschattet sind, bald rosenrot oder silberweiß, bald braun wie Asphalt, rot wie glühendes Eisen, aschgrau, tief indigoblau oder goldgelb.
Den reichsten Wechsel bieten die Landschaften der westlichen Dolomiten, schon wegen des merkwürdigen Übergangs aus der Tiefe des üppig-schönen Etschthals zu den unwirtbaren Felswüsten. Hier erheben sich die wundersamen Berggestalten des Schlern (2565 m, [Abb. 8]), des sagenreichen Rosengarten (3002 m, Abb. 9), der mächtigen plateauartigen Sellagruppe (3152 m, [Abb. 10]), der grimmig aufgetürmten Langkofelgruppe (3178 m, [Abb. 11]) und der die ganzen südöstlichen Alpen Tirols beherrschenden Marmolata (3360 m, [Abb. 12]). Zahlreiche, großenteils gut gangbare Joche führen zwischen diesen merkwürdigen Felsgestalten hindurch, die Thäler Gröden, Gaderthal und Fassa verbindend.
Südöstlich dieser Gruppe erheben sich die Trientiner Alpen in der Pala- oder Primörgruppe zu höchst abenteuerlichen Gipfelzacken, Felshörnern und klippigen Hochebenen ([Abb. 13]). In diesem Grenzwall gegen Italien steigt der furchtbare Cimon della Pala bis zu 3186 m, während eine zweite Hochburg, die Pala di San Martino, 2996 m und die Cima di Vezzana 3194 m erreicht.
Gleich großartig, vielleicht wegen des auffallenderen Gegensatzes zu fruchtbaren Thaltiefen noch malerischer, wirken die Dolomiten von Ampezzo und Cadore, zwischen dem Pusterthale, dem Gader- und Abteithale, dem Thale von Cordevole, dem Rienz- und Piavethal. Auch hier finden sich eine Reihe von einzelnen charakteristischen Gebirgsmassen, die durch gangbare Joche untereinander zusammenhängen. Die namhaftesten darunter sind der Monte Cristallo (3199 m, [Abb. 14]), Piz Popena (3143 m), Croda Rossa (3148 m), Tofana (3241 m), Sorapiß (3229 m).
Östlicher schließen sich an diese die Dolomiten von Sexten und Lienz; ebenfalls im Norden durch das Pusterthal begrenzt, bilden sie das letzte Gebiet der Südtiroler Alpen gegen Kärnten, nach Osten an Höhe bedeutend abnehmend. Ihre berühmtesten Gipfel sind die drei Zinnen (höchste 3003 m, [Abb. 15]) und die Dreischusterspitze (3162 m); nach Osten zu gehen sie in das Gebiet der Karnischen Alpen über.
Kleinere abgeschlossene Gruppen endlich legen sich noch im äußersten Süden Tirols an die vorgenannten an. So die im Westen des Gardasees gelegene Gruppe, die, vom Val Bona, vom mittleren und unteren Sarcathal umgrenzt, nach der lombardischen Ebene sich senkt. Ferner die Gruppen zwischen dem Sarcathale, dem Gardasee und dem Etschthale, wo der lang von Nord nach Süd gestreckte Monte Baldo den Grenzpfeiler gegen Italien bildet; endlich die durch das Etschthal und das Val Sugana vom übrigen Tirol abgeschnittenen Teile der Venetianischen Alpen.
Diese kleineren Gruppen sind wie Gartenterrassen oder Veranden, die aus der eisüberdachten Zauberburg der Alpen nach den Gartengefilden Italiens vorgeschoben sind.
Zwischen den einzelnen Gruppen der Tiroler Alpen findet sich kein Platz für eigentliche Ebenen. Da und dort erweitert sich wohl einmal ein Thalboden, wie das Rheinthal bei Bregenz und Feldkirch, das Innthal an einzelnen Stellen, das Etschthal bei Bozen. Aber das sind keine Ebenen; nur Weitungen, die dem Auge gestatten, nach einem Horizont zu suchen; aber sofort stößt der Blick wieder an die Mauern, die diese kleinen Höfchen der Zauberburg allerwärts umstarren.
Abb. 12. Marmolada, von der Seiser Alp gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)