Wir betreten Vorarlberg vom Verdeck des schönen Dampfers aus, der uns bei Bregenz in den Hafen gebracht hat. Hinter uns liegt der Bodensee mit seiner nach Westen zu scheinbar uferlosen Fläche. So klein Bregenz (Abb. [107] u. [108]), zwischen dem Seeufer und den rot schimmernden Felswänden des Pfänder hingelagert, auch ist, besteht es doch aus drei Städten: einer modernen am See, wo die Schlote der Dampfer und der Lokomotiven qualmen, einer mittelalterlichen auf der Anhöhe, wo zwischen grauen Mauern und Thoren traumhafte Stille liegt, und einer uralten aus römischer Zeit, die unter dem Erdboden versunken ist und von den Römern Brigantia genannt ward.
Nach den Stürmen der Völkerwanderung erscheint die Stadt im Besitze der Grafen von Bregenz, später in dem des mächtigen Geschlechtes der Grafen von Montfort. Während des dreißigjährigen Krieges ward es von den Schweden erobert, die damals sogar eine kleine Kriegsflotte auf dem Bodensee unterhielten. Mannigfache Reste aus der Römerzeit werden im Vorarlberger Landesmuseum zu Bregenz aufbewahrt.
Abb. 121. Unser Frau (Schnalser Thal).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Bregenzer Wald.
Der schöne Pfänderberg, der sich, 1064 m hoch, unmittelbar über Bregenz erhebt, ist der nordwestliche Eckpfeiler des Bregenzer Waldes. Aus diesem strömt in viel gewundenem Laufe die Bregenzer Ache hervor und ergießt sich, eine halbe Stunde westlich von Bregenz, in den Bodensee. Der Bregenzerwald ist in seiner nördlichen, gegen das Flachland vorgeschobenen Hälfte, eine eigentümliche, mehr als ein Mittelgebirge wie als Alpengegend erscheinende Landschaft: lang gestreckte, aus Molasse, Sandstein und Kreide aufgebaute, zu Hochebenen abgeplattete Hügel, in denen die Zuflüsse der Bregenzer Ache schmale Gräben sich eingewühlt haben. Dieser Teil, auch der Vordere oder Äußere Bregenzerwald, ist dicht bevölkert und wohl angebaut. Südlicher erhebt sich die Kreideformation zu höheren, oft steil abfallenden Bergen und steigt noch südlicher als Innerer Bregenzerwald zu den Hochkalkalpen hinan. Im Äußeren Walde liegen die Ansiedelungen meist auf der Höhe der abgeplatteten Hügel, im Inneren drängen sie sich in den Thalweitungen zusammen. Den ganzen Bregenzerwald schmücken prächtige Forsten und Alpenmatten; seine thätige und wohlhabende Bevölkerung treibt eifrig Viehzucht und Holzgeschäft, daneben auch Weberei, die Weiber ([Abb. 109]) Stickerei. Der Haupteingang in den Bregenzerwald führt nicht durch das enge Thal der Ache, sondern von Schwarzach über die Bergrücken. Der letzte Ort im Thale der Ache ist das hoch gelegene „Schrecken“ (1260 m), von wo noch Jochsteige über das Gebirge nach dem bayerischen Allgäu, nach dem tirolischen Lechthal und nach der Arlbergstraße führen.
Abb. 122. Schloß Tirol.
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
Rheinthal.
Ein mächtiges, 15 km breites Delta haben sich der Rhein und die Bregenzer Ache bei ihrer Mündung in den Bodensee geschaffen. Höher aufwärts wird das Rheinthal zwar schmaler, behält aber bis Feldkirch immer noch eine Breite von 8–10 km. An den beiderseitigen Thalhängen, dem österreichischen wie dem schweizerischen, laufen Bahnlinien thaleinwärts; zwischen ihnen sucht sich der Rhein in der weiten Thalebene mit großen Windungen seinen Weg.