Ein alter Farmer „Gottlieb Bleibtreu“ schreibt in den Windhuker Nachrichten einen Aufsatz, in dem er sich über Stolz, Überhebung und Anmaßung der Herero beklagt: „Gibt es nicht soviel zu essen, daß es für Mann und Weib ausreicht, dann ist das erste, worüber geklagt wird, die Kost, und da dies ein Grund der Beschwerde ist, kann sich der Arbeitgeber beim Bezirksamtmann noch einen Nasenstüber holen, falls er Veranlassung nimmt, Gegenbeschwerde zu führen. – Wenn sich nun jetzt schon, wo die Hereros noch Kriegsgefangene sind, diese in alten Sitten und Gebräuchen wurzelnden Anmaßungen in solch brutaler Weise fühlbar machen, wie soll das werden, wenn sie wieder frei und ihr eigener Herr sind? Hier gibt es nur ein Mittel zur Abhilfe, und das heißt in bestimmten Grenzen gehaltener Arbeitszwang.“

Wenn Herr Bleibtreu Gefühlsmensch ist, der die Herero dafür, daß sie für Ausbeutung, die soweit geht, daß sogar die notwendige Nahrung ihnen nicht verabfolgt wird, kein Verständnis haben, auch noch strafen will, so ist das seine Privatsache. Wenn aber die Hamburger Nachrichten am 23. September 1906 ihm völlig beipflichten, so stimmt das doch etwas nachdenklich.

*

Im Jahre 1904 erschien eine von einem Herrn Schlettwein verfaßte Broschüre mit folgendem Passus: „Wir stehen mit der Kolonialpolitik am Scheidewege. Nach der einen Seite das Ziel: gesunder Egoismus und praktisches Kolonisieren, nach der andern Seite übertriebene Menschlichkeit, vager Idealismus, unvernünftige Gefühlsduselei. Die Hereros müssen besitzlos gemacht werden. Das Volk muß nicht nur als solches unmöglich gemacht werden, es müssen auch alle das Nationalgefühl erweckenden Faktoren beseitigt werden. Man muß die Hereros zur Arbeit zwingen, und zwar zur Arbeit ohne Entschädigung, nur gegen Beköstigung. Eine jahrelange Zwangsarbeit ist nur eine gerechte Strafe für sie und dabei die einzig richtige Erziehungsmethode. Die Gefühle des Christentums und der Nächstenliebe, mit welchen die Missionen arbeiten, müssen zunächst mit aller Energie zurückgewiesen werden.“

Den Autor dieses Kulturdokumentes berief das Kolonialamt als Vertrauensmann in die Budgetkommission, und man ließ gerade ihn im Lande herumziehen, um für diese Kolonialpolitik Propaganda zu machen.

Herr Schlettwein führte seine Theorie praktisch durch. Wie am 6. März 1907 im deutschen Reichstage festgestellt wurde, zahlte er den in seiner Viehzucht beschäftigten Männern 15 Mark im Monat, den Frauen gar nichts. Die Männer werden verköstigt – ob nach Bleibtreus Beispiel bleibe unentschieden – die Frauen erhalten „Feldkost“ bestehend in Raupen, Fröschen, Heuschrecken, Mäusen und Gras[293]!

*

Aus dem Tagebuch des Dr. Vallentin, das im Aprilheft 1894 der „Neuen deutschen Rundschau, Freie Bühne“ veröffentlicht wurde, sei folgendes entnommen: Am 13. 3. 93. Ich erfahre interessante Einzelheiten über den Bakokoaufstand. In den Berichten befinden sich zahlreiche Ungenauigkeiten. Herr Assessor Wehlau, welcher die Expedition führte, soll beim Niederbrennen der Dörfer faktisch befohlen haben, einigen alten Weibern die Hälse abzuschneiden; Männer konnte er nicht gefangen nehmen. Statt der im betreffenden Bericht erwähnten 150 Gefangenen sollen es deren nur 12–15 gewesen sein. Matt, verwundet, halb verschmachtet, zerschlagen und geschunden wurden diese – meist alte Frauen, Greise und Kinder – an Land geschafft und unter Schlägen und Stößen in Ketten zum Gefängnis geführt. Drei sollen am Fuß des Flaggenmastes, unter der wehenden, deutschen Reichsfahne, vor Hunger gestorben sein.

Am 17. 3. 93. Aus dem unter Führung des Assessors Wehlau unternommenen sogenannten „Bakokofeldzuge“ erfahre ich heute wieder verschiedene Einzelheiten. Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe („Soden“) an die Reelings derart festgeschnürt worden, daß in die blutrünstigen und aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten. Und diese Qual tagelang in der Tropenhitze und ohne jede Labung! Als dann die armen Gefangenen dem Verschmachten nahe waren, wurden sie einfach wie wilde Tiere niedergeschossen.

Am 31. 3. 93.... Wahrend meiner Krankheit ist Assessor Wehlau von seinem neuen Feldzuge heimgekehrt. Gefangene hat er nicht mitgebracht. Da sie – so äußerte er beim Essen – hier doch alle stürben, hätte er sie auf dem Schiffe totschlagen lassen (wörtlich: „habe ihnen ’n Paar auf den Kopp geben lassen“). Dann erzählte er weiter: Die Soldaten, namentlich einer, hätten es famos ’raus, den Feinden die Haut über den Schädel zu ziehen. Am Unterkiefer wurde mit dem Messer ein Schnitt gemacht, dann mit den Zähnen angepackt, und der ganze Skalp über Gesicht und Kopf herübergezogen.