Während das altgriechische „Heidentum“ sehr, wenn auch nicht absolut tolerant war, in Glaubenssachen nicht folterte, sich durch Widerruf in der Regel zufriedenstellen ließ und ein äußerst selten gefälltes Todesurteil – wie durch den Fall Sokrates hinlänglich bekannt – durch den milden Schirlingsbecher vollstreckte, loderten noch fast anderthalb Jahrtausende, nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war, überall Scheiterhaufen!

Nicht ungern wird auf den Tod Christi als Zeugnis für die römische Intoleranz hingewiesen. Aber die Tatsächlichkeit dieses welthistorischen Ereignisses vorausgesetzt, wären die Hauptschuldigen nicht die Römer, sondern die Juden gewesen, die als Erzväter der Intoleranz zu gelten haben[94]. Nun hat aber Giovanni Rosardi nachgewiesen, daß auf alle Fälle nach dem damals geltenden römischen Recht die Kreuzigung Christi einer der größten Justizmorde aller Zeiten war! Also nicht der römische Geist der Intoleranz ist schuld an dieser unerhörten Tat, sondern lediglich die Unvollkommenheit einzelner Menschen, die auch durch die besten Gesetze nicht beseitigt werden kann[95].

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Gottlob sind diese barbarischen Zeiten der Intoleranz, in denen jemand wegen seines Glaubens, seiner Überzeugung verfolgt wurde, wo man Gefahr lief, getötet oder ein Heuchler zu werden, endgültig vorbei. Es läßt sich ja wohl nicht leugnen, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der die Kirchen gegen Andersgläubige oder auch nur Verdächtige verfuhren, bei einer Religion der Liebe befremdend wirkt, um so mehr, als sie selbst gegen jeden Angriff, mag er sich auch in die mildesten Formen gehüllt haben, sehr empfindlich waren. Doch auch das ist vorbei, wenigstens in einem Kulturstaate wie Deutschland. Die Verfassung verbürgt jedermann Glaubensfreiheit, niemand leidet darunter, wenn er fortgeschrittener ist als die Konfessionen, niemand, wenn er der Rückständigsten einer ist, sofern er nur seine Pflichten als Mensch und Staatsbürger erfüllt. Mit einem Wort: Seit einem Jahrhundert leben wir als freie Bürger in einem freien Kulturstaat.

Oder etwa nicht? Gibt es wirklich im zivilisierten 20. Jahrhundert noch Leute und Parteien, die über ganz unbeweisbare religiöse und metaphysische Fragen sich in die Haare geraten, womöglich die Gesetze anrufen? Die den andern geringer schätzen, weil er Jude, Heide, Protestant, Katholik oder Mohammedaner ist? Die ihm irgendein Recht verkürzen? Wird Deutschland noch von Parteien zerrissen, von denen jede behauptet, allein den Schlüssel zum Himmelreich zu besitzen, dabei aber nicht in einen Wettkampf der Liebe, sondern in einen solchen des Hasses eintritt? Wird irgend jemand an der freien Äußerung seiner Ansichten und seines Glaubens gehindert? Gibt es noch Gewissenszwang?

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Im Jahre 1907 kandidierte der Pfarrer Korell im Wahlkreise Darmstadt-Großgerau als Kandidat der vereinigten Liberalen. Er fiel durch, und in die Stichwahl kamen ein Sozialdemokrat und ein Konservativer. Obwohl Pfarrer Korell an der Stichwahlparole seines Wahlausschusses, der die Wahl des Sozialdemokraten empfahl, ganz unbeteiligt war, auch bei der Stichwahl nicht mitstimmte, wurde er vom hessischen Oberkonsistorium mit einem Verweis bestraft, weil er die Interessen der evangelischen Kirche dadurch verletzt habe, daß durch sein Schweigen die Meinung entstehen konnte, ein Geistlicher halte die Sozialdemokratie für das kleinere Übel!

Im Jahre 1907 wurde der Pfarrer Cesar von der Reinoldigemeinde zu Dortmund einstimmig gewählt. Das Konsistorium hielt es aber für erforderlich, ihn einem Kolloquium zu unterwerfen, und versagte ihm dann die Bestätigung der Wahl wegen „Mangels an Übereinstimmung mit dem Bekenntnis der Kirche“. Der Protest der ganzen Gemeinde mit Ausschluß einer einzigen Stimme beim Oberkonsistorium führte zu keinem Resultat. Man erlaubt also trotz der vielgerühmten evangelischen Freiheit – canis a non canendo? – noch in der Gegenwart einer Gemeinde nicht die Wahl ihres Seelenhirten, bzw. zwingt sie, sich Gedanken vortragen zu lassen, mit denen die ganze Gemeinde nicht einverstanden ist. Und dann klagt man über die Gleichgültigkeit der Gebildeten der Kirche gegenüber und den geringen Besuch der Predigt!

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