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Es war im frühen Mittelalter durchaus Sitte, daß dem Heere sich Kaufleute, leichtfertige Dirnen usw. anschlossen. Selbst an den Kreuzzügen beteiligten sich Scharen dieser leichtfertigen Weiber, die militärisch organisiert, mit Keulen bewaffnet und sogar mit eigenen Fahnen versehen gewesen sein sollen. Vom 2. Kreuzzuge, auf den König Ludwig VII. von Frankreich aus guten Gründen seine etwas flotte Gattin mitgenommen hatte, heißt es: „Dies Beispiel befolgten viele andere Edelleute und nahmen ihre Gemahlinnen mit, und weil da Dienerinnen nicht fehlen konnten, so befand sich in dem christlichen Heere, das keusch sein sollte, eine Menge von Frauen.“ Auch im Heere Konrads III. fehlte es nicht an fahrenden Weibern, was dem erbaulichen Lebenswandel der christlichen Glaubensstreiter nicht eben Vorschub leistete. Deshalb wurde, als Heinrich II. und sein Sohn Richard Löwenherz 1188 den 3. Kreuzzug antreten wollten, bestimmt, daß „keiner auf die Wallfahrt irgendein Weib mitführen solle, außer einer Waschfrau zu Fuße, die unverdächtig sei.“ Wie „unverdächtig“ zu verstehen ist, wird nicht gesagt. Das kanonische Alter wird kaum Bedingung gewesen sein. Genützt hat diese Bestimmung nicht viel, wie auch der Erfolg der drakonischen Lagergesetze Friedrich Barbarossas ziemlich problematisch blieb[116].

Noch zur Zeit der Landsknechte nahmen viele Weib und Kind mit ins Feld und ins Lager. Die Ledigen litten auch nicht Mangel, denn ein beträchtlicher Troß liederlicher Weiber folgte dem Heere und unterstand der Disziplinargewalt des Troßweibels. Im Dreißigjährigen Kriege schleppte z. B. ein Regiment von dreitausend Mann zweitausend Weiber mit, gegen die die Autorität der Obersten nichts ausrichten konnte. Im Verlaufe des Krieges übertraf der Troß die Zahl der Kombattanten um das Drei- bis Vierfache. Diese Weiber mußten für die Soldaten alle Arbeiten verrichten und alle Strapazen teilen, dazu eine harte und mitleidlose Behandlung erdulden. Die „Lagerkinder“ wurden oft mit den Müttern ins Elend gestoßen. Dann konnten sie nichts anderes werden als Bettler, Diebe oder Räuber, im besten Falle Soldaten, was aber damals auf dasselbe herauskam[117].

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Sehr gemütlich war die Kriegsführung der Italiener im 15. Jahrhundert. Die Condottieri hatten „aus der Kriegsführung eine Kunst gemacht, indem sie in solchem Maße temporisierten, daß meist beide Teile verloren“. In der Schlacht bei Zagonara, „dieser in ganz Italien berühmt gewordenen Niederlage“ wurde nur ein einziger Mann getötet, aber nicht etwa durch Waffengewalt, sondern durch Sturz vom Pferde und Ersticken im Schlamm. In der einen halben Tag dauernden Schlacht bei Molinella fiel kein einziger. In der Schlacht bei Anghiari, die von Lionardo in einem berühmten, leider verloren gegangenem Karton verherrlicht wurde – Rubens entwarf in Anlehnung daran seine Reiterschlacht in der Münchner Alten Pinakothek – soll ein einziger Mann vom Pferde zertreten worden sein. Diese Machiavellis „Florentinischer Geschichte“ entnommenen Daten sind zweifellos übertrieben. Immerhin kennzeichnen sie die damalige Anschauung vom Kriegswesen, die auf den Grundton gestimmt ist „Wie gewöhnlich geschieht, siegte die Furcht“. Machiavelli faßt sein Urteil in die Worte zusammen: „Nie gab es Zeiten, in denen der im fremden Lande geführte Krieg minder gefährlich gewesen wäre, als in diesen.. Denn da alle beritten, mit Rüstung bedeckt und vor dem Tode sicher waren, wenn sie sich ergaben, so war überhaupt kein Grund vorhanden, weshalb sie sterben sollten. Beim Kämpfen schütze sie die Rüstung; konnten sie nicht mehr kämpfen, so ergaben sie sich“. „So wurde jene kriegerische Tugend, die anderwärts durch langen Frieden unterzugehen pflegt, in Italien durch die Lauheit der Kriegsführung unterdrückt.“

Die bei Caldana liegenden florentinischen Truppen hatten den Verlust von 200 Troßknechten zu beklagen, die ins feindliche, neapolitanische Lager desertierten, weil der Wein ausgegangen war! Aus diesem triftigen Grunde wurde die Belagerung auch aufgehoben[118].

König Friedrich Wilhelm I. von Preußen war bekanntlich ein leidenschaftlicher Freund und Sammler schöner großer Soldaten. Für die Art, wie er sie sich zu verschaffen wußte, ist folgende Notiz vom Jahre 1713 bezeichnend: „Die Werbungen sind sehr scharf vor sich gegangen, jedoch aber haben S. Kön. Maj. verboten, die Passagiere auf den Posten nicht mehr anzuhalten, als wie etlichemal in der ersten Hitze geschehen.“ Im übrigen machte man im ganzen Lande förmliche Jagd auf Bürger und Bauern; auf den Straßen, in den Feldern, sogar während des Gottesdienstes erfolgten die Aushebungen. Als der Prediger Gottfried Arnold im Jahre 1714 in Perleberg eben das Abendmahl austeilte, drangen Werber in die Kirche ein und nahmen junge Leute mitten aus der Kirche fort. Der Prediger alterierte sich darüber derart, daß er zehn Tage später starb. Noch im Jahre 1720 wurden in der Mark Gemeinden während des Gottesdienstes von den Werbern des Soldatenkönigs – der im übrigen viel besser als sein Ruf war – überfallen. Diese Vergewaltigungen führten endlich zu einem offenen Aufstand: gerade die Tüchtigsten flohen in Scharen vor den preußischen Werbewüterichen. Von solchen Flüchtlingen wurden die Industrien von Elberfeld und Barmen begründet[119].

Mit List, Gewalt und Geld wurde auch außer Landes der Menschenfang betrieben. Karl Julius Weber, der berühmte Verfasser des Demokrit, erzählt, daß sein Großonkel, der Theologie studiert hatte und in Nürnberg als Hauslehrer lebte, bei einem Spaziergang von preußischen Werbern plötzlich überfallen, geknebelt, in einen Wagen geworfen und so nach Potsdam entführt worden sei, weil er 6 Fuß und 3 Zoll maß. Dieser Gewaltstreich kostete ihn sein ganzes Lebensglück. Solche Fälle waren an der Tagesordnung. Man fing sogar einen langen katholischen Geistlichen, den nachher unter Friedrich dem Großen in hoher Gunst stehenden gescheiten Abbé Bastiani, aus Welschtirol, als er gerade die Messe las, ein, und selbst ein Mönch aus Rom blieb nicht verschont und wurde in die blaue Garde gesteckt. Solche Übergriffe ließen sich die Nachbarn auf die Dauer nicht gefallen. In Hessen-Cassel wurden z. B. mehrere preußische Werbeoffiziere gehenkt.

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