Übrigens hatte sich der Menschenschacher bezahlt gemacht: Als Landgraf Friedrich II. 1785 starb, soll er trotz seiner vielen Bauten und Reisen und des großen von ihm betriebenen Luxus 56 Millionen Taler hinterlassen haben[121].
Die englischen Subsidien, die Georg III. für die hannöversche Armee gegen Frankreich zahlte, berechneten die Prämie für einen toten oder drei verwundete Soldaten bei der Infanterie auf 28 Taler, bei der Kavallerie auf 11 Taler. Dagegen wurden für ein totes Pferd oder drei verwundete Pferde 90 Taler vergütet. Ein deutscher Soldat wurde also am Ende des 18. Jahrhunderts auf 11–28 Taler bewertet, also ein Achtel bis ein Drittel so hoch wie ein Pferd. Gleichzeitig schätzte der englische Nationalökonom William Petty den Wert eines Menschen auf 2888 Taler. Das waren allerdings auch Engländer![122]
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Eines schönen Tages im Herbste des Jahres 1906 begegnete ein Hauptmann auf der Landstraße in der Nähe Berlins einer vom Schießen heimkehrenden Soldatentruppe. Er hielt sie an, hieß sie umkehren und mit ihm nach Köpenick marschieren, wo er mit Unterstützung der requirierten Polizei das Rathaus umstellen ließ. Dann begab er sich mit zwei Mann zum Bürgermeister, nahm auf Grund einer gefälschten allerhöchsten Kabinettsorder eine Visitation der Stadtkasse vor, ließ sich den Betrag von 4000 Mark auszahlen, quittierte, verhaftete den Bürgermeister mit dem Kassenrendanten und ließ sie per Wagen nach Berlin transportieren.
Der Bürgermeister ist veritabler Reserveoffizier, der „Hauptmann“ seines Zeichens Schuster, der lange Jahre seines Lebens hinter Gefängnismauern zugebracht hatte. Daß eine Militärbehörde gegen einen Bürgermeister als Zivilbeamten keine Maßregeln ergreifen kann, bedenkt er nicht. Es hätte auch wenig genützt, denn wie die Soldaten bei der Gerichtsverhandlung bekunden, hätten sie auf einen Wink des „Hauptmanns“ hin den Vater der Stadt mit ihren Bajonetten durchbohrt. Niemandem war es aufgefallen, daß der „Hauptmann“ alt und schäbig aussah, niemandem, daß er unvorschriftsmäßig gekleidet war und in Mütze statt im Helm seine Visitation vornahm. Keinem der Soldaten war es eingefallen, den wildfremden Offizier nach seiner Legitimation zu befragen. Ganz Europa lachte.
Welches Ansehen muß der Militärstand in einem Lande besitzen, daß so etwas möglich ist! Daß eine Uniform allein genügt, eine ganze Stadt mitten im tiefsten Frieden zu alarmieren, die höchsten Behörden widerstandslos zu verhaften! Daß alle diese Maßnahmen ungesetzlich waren, wußte man natürlich auch in Köpenick, aber der Zauber der Uniform brachte jede Regung der Vernunft zum Schweigen.
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Wie mag die Zukunft darüber urteilen, daß die großen Militärmächte Europas durch ihre Offiziere die Armeen anderer Staaten reformieren lassen? Im Chinafeldzuge 1900 hatte der Feind unser verbessertes Gewehr System 88, das deutsche Seitengewehr vom gleichen Jahre, Prismen-Entfernungsmesser, Ferngläser usw., manöverierte nach deutschen Signalen und bewies fast deutsche Disziplin[123].