Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir aux maisons du coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et par consequent le chagrin d’aller chier dehors, ce qui me fache, parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand mon cul ne porte sur rien. Item tout le monde nous voit chier; il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort[184].
Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart: „.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous trouvez, Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées, vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte d’autruy sans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne sont que pour le chieur...“
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Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über den Dauphin: „Er hatte gern, daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte, aber es ging gar modest, denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu; ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu entretenieren“[185].
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Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt, verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen, „in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und das befremdenste Schauspiel sich darstellte. Ein Mädchen, schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette, in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfall zeigte sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit wird auch nicht harmloser durch die Gegenwart des sechzehnjährigen Kronprinzen, nachmaligen Friedrich des Großen[186]!
Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist es so wie früher geblieben.
Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König Alexander von Serbien gegebenen Hofballe ein Korsett gefunden!
In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst wird eben nicht mehr gebührend anerkannt.