Bei den Geißelungen unterschied man zwei „Disziplinen“, die „obere“ und die „untere“, letztere fand besonders bei den Frauen den meisten Beifall.

Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten Einfall, eine andere zu beißen. Dieser gefiel der Spaß, und sie biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis nach Rom[197]!

Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege sein eigenes Schiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen.

In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an, und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch – wie ja nicht anders zu erwarten – den Teufel aus den Nonnen auszutreiben[198].

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Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen.

Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende Leidenschaft: die der dogmatischen Spitzfindigkeiten. Es ist die Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte[199].

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Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber Spaniens für die Poesie ergriffen. Das ganze Volk war von der Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber eine glänzende Laufbahn zu erschließen.