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Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte, eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies dem Kinderkreuzzuge des Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden.

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Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857–1862; im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und im Jahre 1888 in Nilsiac in Finnland. Tanzseuchen grassierten im Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar und 1868–73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada, die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod.

Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“ in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne, wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter, rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich, man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung erreicht ihren Höhepunkt.

Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten[200].

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Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,.. daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine gewöhnliche Erscheinung ist, einen simplen Bauern 2000–3000 L. St. auf diese Weise anlegen zu sehen. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn[201].“ Es dürfte in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daß Bauern ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen.

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