Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559 im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten und Farbenmischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte. Man kaufte und verkaufte Tulpen auf Zeit und Entrichtung der Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen, wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637 plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge[202].
Eine ähnliche Manie knüpfte sich an die von Law im August 1717 gegründete „Mississippigesellschaft“. Die Leidenschaft für deren Aktien war so maßlos, daß binnen eines Jahres statt 500 Livres pro Stück 18000 angelegt wurden. Die Folge war Staatsbankerott und die größte Börsenkrisis, die die Welt bisher gesehen hatte[203].
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Ärztinnen – nicht etwa nur mit Hausmitteln im Bedarfsfalle aushelfende Frauen, die es zu allen Zeiten gab – existierten bereits an der medizinischen Schule in Salerno. Besonders berühmt ist Trottula, die im 11. Jahrhundert alle an Ruf überstrahlte. Im 12. Jahrhundert gab es dort eine ganze Reihe, die viele medizinische Rezepte erfanden und anwandten. Eine von ihnen, Mercuriade, soll sogar in der Chirurgie Hervorragendes geleistet haben. Vom 10. September 1321 hat sich ein Dokument erhalten, in der Francisca, Gemahlin des Matthäus de Romana, die Erlaubnis erhält, in Salerno chirurgische Praxis auszuüben, da sie „nach wohlbestandenem Examen“ ein Zeugnis der Universität Salerno besitze. Der Herzog Karl von Kalabrien sagt ausdrücklich, daß das Gesetz den Frauen die Ausübung der Medizin gestatte. Daß man im Mittelalter männliche Ärzte möglichst vom weiblichen Geschlechte fernzuhalten suchte, war dem Aufkommen der Ärztinnen günstig. Den Ärzten war es nach einem westgotischen Gesetz des 6. Jahrhunderts ausdrücklich verboten, Frauen in Abwesenheit ihrer Verwandten die Ader zu schlagen.
Bereits 1351 gab es in München eine Augenärztin. Während nach langer Pause 1807 eine Dame, Regina Josepha von Siebold, in Würzburg studieren durfte, hat man noch bis 1910, ja in einigen Staaten bis heute, trotz gleicher Vorbildung und gleicher Examina wie sie die männliche Jugend absolviert, den Frauen, mit Ausnahme von Bayern und Baden, die Immatrikulation auf den deutschen Universitäten versagt[204].
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Im ancien régime herrschte der Glaube, die Hand des Königs könne von Skrofeln befreien. Deshalb wurde 6–7 mal im Jahre in den Kirchen bekannt gegeben, daß der König „berühren“ würde. Dann fanden sich in Versailles 700–800, auch noch mehr, Kranke ein, die mit den nötigen Abständen in Reihen aufgestellt und ausgerichtet wurden. Die königlichen Ärzte untersuchten sie, ob sie auch wirklich krank waren, was nötig war, da viele Simulanten sich einschmuggelten. Da nämlich der König jedem Skrofulösen zwei Sous, den von auswärts zugereisten sogar fünf Sous einhändigen ließ, versuchte mancher ein Geschäft aus dieser heiligen Handlung zu machen. Nach der Untersuchung erschien der König, dem ein Hauptmann der Garden voranschritt, mit dem Großalmosenier und einigen Herren vom Dienst. Die Ärzte hielten dem sich auf die Knie niederlassenden Kranken, von beiden Seiten hinter ihm stehend, den Kopf, während der Gardehauptmann die Hände des Knienden zwischen die seinigen nahm, um ein Attentat zu verhüten. Dann trat der König an den Kranken heran und machte ihm mit der bloßen Hand vom Kopf zum Kinn und vom einen Ohr zum andern streichend das Zeichen des Kreuzes mit den Worten: „Der König berührt, Gott heilt dich.“ Dann wurde der Patient mit seinen Sous abgeführt, um nicht nochmals die Zeremonie und vor allem die königliche Freigebigkeit in Anspruch nehmen zu können[205].
Ob der König mit seiner appetitlichen Tätigkeit viele Heilerfolge erzielte, wird nicht berichtet.
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Der berühmte Arzt, Dr. Thomas Dover, der Erfinder der nach ihm benannten, heute noch gebräuchlichen Pulver, war ein erfolgreicher Seeräuber! Um 1660 geboren ließ er sich nach Beendigung seiner Studien in Bristol nieder, erwarb sich einiges Geld und unternahm hierauf mit einigen Kaufleuten eine privilegierte Kaperexpedition. Auf der Insel Juan Fernandez entdeckte Dover 1709 als einzigen Bewohner den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der hier vier Jahre und vier Monate zugebracht hatte. Bekanntlich ist dieser Selkirk der Urtyp der Robinson Crusoe-Geschichte geworden. Hierauf erstürmte Dover die beiden Städte von Guayaquil und kehrte mit seiner Expedition der peruanischen Küste entlang über Kalifornien und den Stillen Ozean im Jahre 1711 mit einer Beute von etwa 3½ Millionen Mark, von denen Dover einen beträchtlichen Anteil erhielt, nach England zurück. Nach einigen weiteren Reisen ließ sich Dover in London nieder, wo er u. a. „Des alten Arztes Erbe“ (The Ancient Physicans Legacy), das 1733 erschien, schrieb. Es war eine populär-medizinische Abhandlung, verfaßt, um dem Autor Praxis zu verschaffen[206].