„Es ist dort so ausgelassen, daß ich zuweilen meine, Venus sei mit allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit wiedergegeben, so daß sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabal nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug erschienen...
Öffentliche Bäder sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen Umgebung zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und jüngere Frauen nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern (etwa dreißig) sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht, so daß man zusammen trinken und sich unterhalten kann, nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen, um sich zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern, zu scherzen und sich zu erheitern, so daß man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Tür, keiner argwöhnt etwas Unsittliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so daß sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teil zu nehmen...
Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es ansahen, daß ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite. Nichts ist so schwer, das bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepaßt, wo alles gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet...
Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft. Sie beobachten genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswert: eine unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem genußreichen Leben gelegen ist. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist... Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in größerer Freiheit, als die andern, baden zuweilen mit den Frauen und schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite lassend...“ Es kann sein, daß Poggio übertrieben hat. Immerhin gibt es auch heute noch Bäder, etwa Franzensbad, die nicht ohne guten Grund im Rufe stehen, die Unfruchtbarkeit zu beseitigen, keinesfalls stets allein durch ihr Wasser.
Bezeichnend für die Volkstümlichkeit des Badens bei unsern Altvordern ist, daß man statt Trinkgeld „Badgeld“ sagte. Die Folgerung aber, daß man sich mit der äußeren Feuchtigkeit begnügte, wäre übereilt[216].
*
Die Badestuben vertraten etwa die Stelle der heutigen Kaffeehäuser, wo man sich traf, plauderte und einen großen Teil des Tages zubrachte. Im Bade selbst verweilte man mitunter vier Stunden, und in Ems erforderte die Kur, jeden Tag eine Stunde länger, bis zu zehn Stunden im Wasser zu sitzen. Man trank und sang gemeinsam, wie es auf zahlreichen Bildern dargestellt ist.
*
Daß Gatte und Gattin in derselben Wanne saßen, war ganz gewöhnlich, aber es war auch an vielen Orten Sitte, daß in größerer Gesellschaft Männlein und Weiblein zusammen badeten. Zu Baden in der Schweiz waren dabei die unteren Volksklassen ganz nackt, die Männer der höheren Stände aber waren mit einem Schurz, die Frauen mit einem weitausgeschnittenen Badelaken bekleidet. Viele Badestuben hatten auch nur ein einziges Auskleidezimmer, das von beiden Geschlechtern gleichzeitig benutzt wurde. In der Badeordnung für das Glottertal wurde – allerdings erst 1550 – vorgeschrieben, daß jeder Mann sein Beinkleid und Hemd, jede Frau oder Jungfrau ihr Hemd nicht eher als in der Badewanne selbst ablegen solle. Man scheint also diese Anstandsregel wohl nicht immer beobachtet zu haben.
Ein Blitzlicht auf die Sittlichkeit des 16. Jahrhunderts wirft auch folgende Verfügung aus der Badeordnung des Glottertals: „Item soll ain jedt wederer Bader, es seyen Manns- oder Weybspersonen, ire Heimlichkeiten zuedecken.“