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Im Jahre 1902 erließ der preußische evangelische Oberkirchenrat eine Verordnung, die eine einheitliche Regelung des Lernstoffes für den evangelischen Schul- und Konfirmandenunterricht durch die Provinzialkonsistorien unter Vereinbarung mit den Provinzialschulkollegien und den Regierungen anordnete. Sie ist jetzt in allen Provinzen durchgeführt worden. Danach müssen die Kinder folgendes auswendig lernen: 20–40 Sprüche aus dem Alten, 100–110 Sprüche aus dem Neuen Testament, 6 Psalmen, 20 Kirchenlieder und den Wortlaut der 5 Hauptstücke des lutherischen Kleinen Katechismus. Das sind in Summa mindestens 180 Bibelverse und 180 Kirchenliederstrophen, die die Kinder sich wörtlich einprägen müssen. Auf dem Lande sind es meistens noch viel mehr, da damit ja nur das Mindestmaß an geistiger Atzung fixiert ist.
Der religiöse Memorierstoff der Berliner Gemeindeschule fordert laut Lehrplan 121 Kirchenliederverse, 110 Bibelsprüche, den Wortlaut der ersten drei Hauptstücke des lutherischen Katechismus, ferner fünf Psalmen mit zusammen 45 Versen, das alles von 10–11jährigen Kindern! Diese Weisheit wird in sechs Wochenstunden, denen nur zwei Stunden für Rechnen gegenüber stehen, eingetrichtert. Wer da nicht fromm wird, dem ist einfach nicht zu helfen[267].
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Im Jahre 1885 „bekehrte“ sich der in Frankreich sehr bekannte Schriftsteller und Freidenker Leo Taxil. Der päpstliche Nuntius in Paris nahm ihn sofort unter seine besondere Obhut und forderte ihn auf, mit seiner Feder hinfort für die Kirche Gottes zu kämpfen.
Das tat er auch und seiner emsigen Feder entströmten eine Reihe von Werken, die zwar an Wahnwitz und Teufelsspuk das Tollste enthielten, was die Phantasie aushecken konnte, nichts desto weniger oder vielleicht auch deshalb den Beifall der katholischen Presse, den der Geistlichkeit, ja sogar die Zustimmung des Papstes Leo XIII., der alle las, und enorme Verbreitung fanden. Doch das genügte dem Pfiffikus nicht, und so vereinigte er sich denn mit einem Dr. Karl Hacks, um durch etwas noch Großartigeres zu beweisen, was hundert Jahre nach Kant, im Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik gläubigen Gemütern alles aufgetischt werden konnte. Unter dem Namen Dr. Bataille schrieb dieser das Buch „Le Diable au 19. siècle“, dessen erste Lieferung am 29. September 1892 erschien. Es ist ein in Romanform geschriebenes Reisewerk, worin Dr. Hacks die verschiedenen Länder, die er bereist hat, beschreibt unter dem Gesichtspunkt des Teufelskultus, der in ihnen getrieben wird.
So sieht der Verfasser z. B. beim Satanspapst Pike ein teuflisches Telephon, durch welches er den sieben großen Direktorien, Charleston, Rom, Berlin, Washington, Montevideo, Neapel und Kalkutta seine Weisungen übermittelt.
Mit Hilfe eines magischen Armbandes kann Pike den Luzifer jeden Augenblick herbeirufen. Eines Tages nahm Satan Pike sanft auf seine Arme und machte mit ihm eine Reise auf den Sirius(!). In wenigen Minuten waren über 50 Millionen Meilen zurückgelegt. Nach Besichtigung des Sternes langte Pike in den Armen Luzifers wohlbehalten wieder in seinem Arbeitszimmer in Washington an.
In London wird durch diabolische Künste ein Tisch zum Plafond gebracht und in ein Krokodil verwandelt, das sich ans Klavier setzt, fremdartige Melodien spielt und die Hausfrau durch ausdrucksvolle Blicke in Verlegenheit bringt! In diesem Stile geht es weiter.
Ein zweiter Mitarbeiter Taxils war der Italiener Margiotta, der im Jahre 1894 das Buch „Adriano Lemmi, chef supréme des Franc-Maçons“ schrieb. Er verdiente damit in wenigen Monaten 50000 Frs. und der ultramontane Verlag von Schöningh in Paderborn beeilte sich, mit diesem Erzeugnis die deutschen Katholiken zu beglücken. Er erzählt, daß der Teufelspapst Memmi im Palazzo Borghese zu Rom einen förmlichen Satansdienst eingerichtet habe. Er ließ ein Kruzifix mit nach unten hängendem Christuskopf unter dem Rufe „Ehre dem Satan“ bespeien, durchbohrte bei jedem Briefe, den er an seinem Schreibtisch schrieb, Hostien, die aus katholischen Kirchen entwendet waren, mit einer Bohrfeder, ließ bei allen Banketten der Freimaurer Satanshymnen singen und besondere Räume für Mopsschwestern (Frauenloge, deren Ritual Taxil in seinen „Dreipunktbrüdern“, Verlag der Bonifatius-Druckerei zu Paderborn, eingehend beschreibt) einrichten, mit denen die Brüder Orgien feierten. Dabei tritt Bataille die obscönsten Dinge mit Behagen breit, in dem er sich auf höhere Weisung beruft: „Wir gehorchen ohne Hintergedanken den Befehlen des Heiligen Vaters, der will, daß wir der Freimaurerei die Maske abreißen, mit der sie sich verhüllt, und sie so zeigen, wie sie ist.“