In „Aucussin und Nicolette“ läßt schon einige Jahrhunderte früher die reizende „Chantefable“ den Helden auf die Mahnung, sein Seelenheil nicht aufs Spiel zu setzen, antworten: „Was habe ich denn im Paradies zu tun? Ich will gar nicht ins Paradies, aber meine liebste Nicolette will ich. Ins Paradies gehören alte Priester und Bettler, die stets vor dem Altar herumgelegen haben, in häßlich schmutziger Kleidung, halb tot vor Hunger und Kälte; die gehören ins Paradies! Was hab ich mit ihnen zu schaffen? – Aber in die Hölle will ich, wo die Dichter sind und die Ritter, die im Turnier oder im Kriege starben, wo die schönen Frauen sind, die zwei Freunde hatten oder drei mit ihrem Eheherrn, dort glänzt Gold und Silber, dort prangen edle Pelze und Hermeline, dort sind Harfner und Spielleute und die Könige dieser Welt. Mit ihnen will ich sein und Nicolette, meine süße Freundin, bei mir haben[266].“
Heine kleidete bekanntlich denselben Gedanken in die Worte: Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.
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Im Jahre 1905 erschien in zweiter Auflage mit kirchlicher Approbation in Mainz ein Werk von Dr. Joseph Bautz, a. o. Professor der Theologie an der kgl. Universität zu Münster, „Die Hölle“ betitelt. In diesem grundgelehrten von profunder Weisheit strotzenden Buche wird eingehend Dasein, Ort und Dauer der Hölle ergründet. Er kommt dabei besonders S. 36 ff. zu dem Resultate, daß sie im Innern unserer Erde liege, aber das genügt dem kühnen Entdecker nicht, er geizt nach höheren Lorbeern. Und das ist gut so, denn nur durch diese laudum immensa cupido ist es zu erklären, daß Bautz sich das unsterbliche Verdienst erwirbt, sogar eine Topographie der Hölle festzustellen. Es gibt vier unterirdische receptacula, von denen die eigentliche Hölle am untersten liegt, während der sinus Abrahae „in höherer und würdigerer Lage sich befindet. Dafür spricht auch der Umstand, daß der reiche Prasser, um den Lazarus zu schauen, seine Augen aufhob. Der limbus puerorum liegt in der Nähe des sinus Abrahae in einiger Entfernung von der eigentlichen Hölle und wird wie letzterer von ihren Flammen nicht berührt. Das Fegefeuer aber befindet sich wohl in unmittelbarer Nähe der Gehenna, weil viele Theologen mit dem h. Thomas behaupten, das Feuer des Purgatoriums sei mit dem der Hölle ganz identisch. Dazu kommt, daß die unmittelbare Nähe der Hölle um so mehr zur Betrübnis, zur Verdemütigung und Läuterung der armen Seelen gereichen muß. Und mögen diese Seelen auch durch die Gnade den erbsündigen Kindern an Würde überlegen sein, für die Zeit ihrer Läuterung gebührt ihnen doch schärfere Züchtigung und deswegen auch ein niederer Ort.“
Der sinus Abrahae ist zur Zeit unbewohnt, nach der Auferstehung wird es auch das Fegefeuer sein. Die im limbus puerorum wohnenden Kinder werden dann eine andere Behausung zugewiesen erhalten.
Daß die Hölle etwa zu klein für unsere sündigen Seelen sein sollte, braucht uns nicht zu besorgen, denn wenn sie auch zur Zeit – trotz Freimaurerei, Liberalismus und Freigeisterei – wie der gelehrte Verfasser ermittelte, nur wenig umfangreich ist, so hat doch Lessius berechnet, „daß ein ganz geringer, verschwindender Teil des Erdinnern hinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen“.
Nicht hoch genug kann das Verdienst des Höllentopographen veranschlagt werden dafür, daß er für die Vulkane eine überzeugende und einfache Erklärung gefunden hat. Sie sind – Schlote der Hölle! So ist auch die Lösung dieses Rätsels dem 20. Jahrhundert gelungen. Zeppelin und Bautz können sich in berechtigtem Stolze die Hände reichen.
Dieses Buch kann sich, wie der Verfasser im Vorwort zur zweiten Auflage mit Genugtuung konstatiert, der Zustimmung zahlreicher Theologen, auch protestantischer, erfreuen. Ja, sogar seinen Plagiator hat Bautz gefunden!!!
Da es haarsträubenderweise „aufgeklärte Geister gibt, für welche Hölle und Teufel Märchen sind“, die sogar an Bautz’ Höllentheorie, an den „grausigen Flammen, die hart unter unseren Füßen drohend lodern“, zu kritteln wagen, muß er ihnen gegenüber Stellung nehmen. Er tut es in der vornehmen Sachlichkeit und bescheidenen Würde, die sein als Kulturkuriosum unschätzbares Werk auch sonst auszeichnen.
„Glücklicherweise gehören derartige Intelligenzen nicht zu den Quellen, aus denen der katholische Theologe zu schöpfen, auch nicht zu den Auktoritäten, deren Urteil für ihn irgend einen Wert hat.“ Ja, Bautz kann auch scharf sein, aber nur um der guten Sache willen.