Auf die Autorität des »Apostels« hin wird endlich gelehrt: im künftigen Leben werden »wir Auserwählten alle« eine Größe von 4 Ellen = 6 Fuß haben, nicht mehr und nicht weniger, denn dies sei, wie die Geschichtschreiber und Väter allenthalben berichten, die Größe Christi gewesen. Den Größeren werden – so fügt der englische Lehrer bei – der Überschuß über die Normalgröße genommen und damit die Kleinen aufgebessert werden.[18]

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Im Jahre 1726 erschien zu Würzburg ein Buch, das für uns unschätzbaren Wert besitzt. Es trug nach dem Gebrauche der Zeit folgenden etwas langatmigen Titel: LITHOGRAPHIAE WIRCEBURGENSIS, DUCENTIS LAPIDUM FIGURATORUM, A POTIORI INSECTIFORMIUM, PRODIGIOSIS IMAGINIBUS EXORNATAE SPECIMEN PRIMUM, Quod IN DISSERTATIONE INAUGURALI PHYSICO-HISTORICA, CUM ANNEXIS COROLLARIIS MEDICIS, AUTHORITATE ET CONSENSU INCLYTAE FACULTATIS MEDICAE, IN ALMA EOO-FRANCICA WIRCEBURGENSIUM UNIVERSITATE, PRAESIDE Praenobili, Clarissimo Expertissimo Viro ac Domino, D. JOANNE BARTHOLOMAEO ADAMO BERINGER, Philosophiae & Medicinae Doctore, Ejusdémque Professore Publ:Ordin:Facult:Medicae h. t. Decano & Seniore, Reverendissimi & Celsissimi PINCIPIS (sic!) Wirceburgensis Consiliario, & Archiatro, Aulae, nec non Principalis Seminarii DD. Nobilium & Clericorum, ac Magni Hospitalis Julianaei Primo loco Medico, Exantlatis de more rigidis Examinibus, PRO SUPREMA DOCTORATUS MEDICI LAUREA, annexisque Privilegiis ritè consequendis, PUBLICAE LITTERATORUM DISQUISITIONI SUBMITTIT GEORGIUS LUDOVICUS HUEBER Herbipolensis, AA. LL. & Philosophiae Baccalaureus, Medicinae Candidatus. IN CONSUETO AUDITORIO MEDICO.

Dieser schöne Titel, auch typographisch bedeutend reicher, als es hier zum Ausdruck kommt, dazu ein schöner Titelkupferstich stehen zu Beginn eines Buches, das auf Erden nicht viele Rivalen haben dürfte.

Georg Ludwig Hueber heißt also der Verfasser, dessen medicinische Habilitationsschrift vor uns liegt, sein Lehrer aber Johann Bartholomäus Adam Beringer, ein Mann schwer an Weisheit, Würden und Titeln, Professor, Leibarzt des Fürstbischofs und anderes mehr. Da es damals Sitte war, daß die Promotionsschrift vom Professor abgefaßt wurde, so war Beringer der eigentliche Autor.[19]

Es handelt sich um eine großartige Entdeckung, die er gemacht hatte oder doch gemacht haben wollte. In der Nähe von Würzburg waren Petrefakte gefunden worden, die er auf schönen Kupfertafeln gewissenhaft abbildete. Da gab es Blumen und Frösche, Fische und anderes Getier. Auch eine Spinne mit Netz war versteinert (Taf. X), ferner eine Spinne im Begriff eine Fliege zu fangen, zusammen mit ihrem Opfer, ein reizendes Tierstückchen! Aber auch Stilleben fehlten unter den Versteinerungen nicht, so ein Schmetterling, der an einer Blume saugt (Taf. VI). Noch viel abenteuerlichere Dinge waren vom hochgelahrten Herren zutage gefördert worden: ein versteinerter Stern, ein Halbmond, ein Stern mit Halbmond, ja Figuren so ähnlich aussehend, wie die primitive Kunst Kometen zeichnet (Taf. III). Das und noch vieles andere war auf den schönen Kupfertafeln zu sehen. Besonderes Interesse verdienten Versteinerungen, auf denen in hebräischen Lettern Jehova und ähnliches stand (Taf. VII).

Natürlich war auch für begleitenden Text gesorgt. War doch die Entdeckung so verblüffend, so über alle Maßen großartig, daß ein ausgiebiger Kommentar sich von selbst verstand. So bewies Beringer vor allem, daß es sich hier nicht etwa um Überreste aus heidnischer Zeit handle, auch nicht um Kunstgegenstände jüdischer Herkunft. O nein, es war alles Natur. Es waren Versteinerungen von Tieren und Pflanzen, die vor unvordenklichen Zeiten das Meer ausgespült hatte (vgl. Kap. 4 und 13). Daran ließen sich natürlich die weitgehendsten Schlüsse knüpfen sowie Ausfälle auf Zweifler. Und das tat auch der gelehrte Verfasser.

Aber leider blieb seine große wissenschaftliche Tat nicht vom Neide der Götter verschont. Es stellte sich heraus, daß Schüler und Gegner des Professors aus Ulk Pseudopetrefakte künstlich hergestellt hatten und in dem Steinbruch finden ließen, den der Professor häufig besuchte.

Es dürfte sich hier um eine der größten akademischen Dummheiten handeln, von der die Geschichte der Wissenschaften weiß. Das fühlte auch Beringer, denn er ließ alle erreichbaren Exemplare des Werkes vernichten, so daß es zur großen Seltenheit wurde. Die kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München ist im Besitze eines tadellos erhaltenen Exemplars.[20]

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