Wenden wir uns nun der Medizin zu, in der es den großen Männern um kein Haar besser erging als in den Naturwissenschaften oder der Technik.

Leopold Auenbrugger (1722–1809), Arzt in Wien, erfand die Perkussionsmethode, über deren Unentbehrlichkeit zur physikalischen Untersuchung des Körpers niemand im Zweifel ist. Und zwar fand er nicht durch Zufall diese großartige Erleichterung der Diagnose, sondern durch Nachdenken und Experiment, dabei ganz unvorbereitet und ohne jegliche Andeutung früherer Beobachter. Er veröffentlichte seine hochbedeutende Erfindung im Jahre 1761 in Wien nach siebenjähriger Vorarbeit unter dem Titel Inventum novum ex percussione thoracis humani ut signo abstrusos interni pectoris morbos detegendi.

Es handelt sich hier um einen der ersten und glänzendsten Triumphe der anatomischen Forschung, und der Gedanke liegt nahe, daß das auch die Zeitgenossen erkannt hätten. Wer aber das Verhalten der Zunft und Autoritäten dem Neuen gegenüber kennt, wird es weniger erstaunlich finden, daß nur ein einziger Arzt namens Stoll den Wert der Untersuchungsmethode durch Perkussion, wenn auch nicht ihrem vollen Umfange nach, erkannt und dieselbe geübt hat. Van Swieten und de Haën schenkten Auenbruggers großer Leistung keine Aufmerksamkeit. Von einigen Seiten wurde die Entdeckung lächerlich gemacht, von andern mißverstanden. So schrieb unter andern Vogel in einer Kritik der Auenbruggerschen Schrift (Neue med. Bibliothek 1766, VI, S. 89), daß dieses Inventum mit besserem Recht novum antiquum, als novum hätte benannt werden können, da es nichts anderes als die von Hippokrates geübte Sukkussion sei.

Es ist ja eine beliebte Methode, das Neue zunächst als schlecht abzulehnen. Dann den Nachweis zu erbringen, daß es überhaupt nicht neu ist. Leute, deren Sitzorgane in umgekehrtem Verhältnis zu den Denkorganen entwickelt sind, werden auch stets Anklänge in irgendeinem alten Schmöker finden. Vogel war jedenfalls vorsichtig, als er das hohe Alter einer Erfindung festzustellen versuchte, bevor deren Wert anerkannt worden war. Bezeichnend ist das Urteil des berühmten Haller (Göttingische gelehrte Anzeigen 1762, S. 1013). »Alle dergleichen Vorschläge verdienen zwar nicht auf der Stelle angenommen, aber mit Achtung gehört zu werden.« Nur keine Eile!

Da die wenigen günstigen Urteile keine Beachtung fanden, geriet Auenbruggers Erfindung und Schrift in völlige Vergessenheit, bis der große Pariser Arzt Corvisart ihr den ihr gebührenden Platz in der praktischen Heilkunde sicherte. Im Jahre 1808, also ein Jahr vor des genialen Erfinders Tode, aber 47 Jahre nach ihrer Veröffentlichung, gab er unter dem Titel »Nouvelle methode pour reconnaître les maladies internes de la poitrine par la percussion de cette cavité« eine Übersetzung des Werkes heraus, deren Vorwort bewies, daß er als erster die Bedeutung dieser Erfindung für das Heil der Kranken in ihrem ganzen Umfange vollkommen gewürdigt hatte.[52]

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Ganz ähnlich wie der Perkussion erging es der zur Diagnose nicht minder wichtigen Auskultation. Der selbständige Erfinder der klinischen Auskultation war der bekannte französische Arzt Laënnec (1781 bis 1826). Zwar hatten bereits die alten griechischen Ärzte diese Methode angewandt, sie war aber völlig in Vergessenheit geraten, so daß Laënnecs Erfinderruhm nicht gemindert wird, um so weniger, als er auch das Stethoskop anwandte und sich als Meister in der Determination akustischer Zeichen erwies. Der von ihm in die Auskultation eingeführten Nomenklatur bedienen sich noch die heutigen Ärzte. Sein Werk ist ein vollständiges Handbuch der Diagnostik, zumal in seiner zweiten 1826 erschienenen Auflage. Übrigens gedenkt Laënnec auch der Perkussion, nur daß er die Leistungen dieser Methode für sich allein für eng begrenzt und zweifelhaft hält.

Zunächst fand Laënnec auch bei seinen Landsleuten keine allgemeine Anerkennung. Man eiferte von mancher Seite gegen die »Cylindromanes«. Besonders Broussais (Examen des doctrines médicales ... T. II, Paris 1821) hatte vielfache oft recht kleinliche Bemängelungen und Ausstellungen. Am ersten wurde die neue Methode in England, zuletzt in Deutschland angenommen.[53]

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Franz Anton Mesmer (1733–1815) suchte nachzuweisen, daß die Himmelskörper durch ihre gegenseitigen Anziehungskräfte einen Einfluß auf unser Nervensystem ausüben (de Planetarum influxu 1766). Ferner beschäftigte er sich viel mit Magnetismus, den er für heilkräftig hielt und mit dem er auch Heilungen vollführte. Als er bemerkte, daß auch ohne Anwendung des Magnetes durch bloßes Streichen mit den Händen eigentümliche Wirkungen hervorgebracht wurden, schloß er daraus auf eine von ihm ausströmende, dem Magnetismus verwandte Kraft, die er »tierischen Magnetismus« nannte und in sein Heilsystem aufnahm. (Sendschreiben an einen auswärtigen Arzt über die Magnetkunde, Wien 1775.) Tatsächlich gelang es ihm, Schlaf zu erzeugen, er beobachtete den Somnambulismus und das Hellsehen, ließ mit den Fingerspitzen verschlossene Briefe lesen u. a. m. Andere identifizierten die zugrundeliegende geheimnisvolle Kraft nicht mit dem Magnetismus, sondern, wie Reichenbach mit dem von ihm angenommenen Od, oder wie Kieser, Gmelin, Passavant mit Tellurismus, Siderismus oder Nervenäther.