Doch die Erklärungsversuche der Phänomene haben für uns weniger Interesse, als die Stellung der wissenschaftlichen Welt zu Mesmer. In Wien hatte er wenig Glück. Eine Partei tat das, was dem unbequemen Neuen gegenüber immer das Naheliegendste ist und was deshalb unsere offizielle Wissenschaft auch heute noch den okkulten Phänomenen gegenüber tut: sie leugnete kurzweg alles. Selbst Wiener Augenzeugen (Störck, Barth, Ingenhouß) sprachen sich nicht für die Glaubwürdigkeit seiner magnetischen Kuren aus. Nur wenige Ärzte, die die Vorgänge an Magnetisierten beobachtet hatten, gaben ein, wenn auch nicht absolut günstiges, so doch reserviertes Urteil über die Vorgänge ab. Zwar begründete Mesmer in Wien ein Spital zur Ausübung seiner Heilmethode, mußte die Kaiserstadt aber 1778 verlassen, um sich nach Paris zu begeben. Hier wurde der Magnetismus zur Modesache. Das hinderte aber – und mit Recht – die Gelehrten natürlich nicht, nach wie vor ihm kritisch gegenüberzustehen. Daß die Pariser Akademie der Wissenschaften und die medizinische Fakultät, Instanzen, denen 1784 die Untersuchung übertragen war, und in denen Männer wie Leroy, Bailly, Lavoisier u. a. saßen, die Heilerfolge einfach auf die Macht der Einbildung zurückführten und damit alle Mesmerschen Experimente leugneten, zeugt allerdings nicht von übergroßem Scharfblick. Mesmer sah sich daraufhin gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren.

Daß sich Mystik und Schwärmerei der wunderbaren Entdeckung bemächtigten, liegt nahe, ebenso daß dadurch ernste Männer zu erhöhter Skepsis veranlaßt wurden. Tatsächlich fiel bereits in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts der tierische Magnetismus bei den Ärzten in Mißachtung, nachdem er eine Zeitlang Anhänger gehabt hatte. Mesmer aber galt hinfort als Schwindler.

Wir wollen hier natürlich keine Lanze für den tierischen Magnetismus brechen, noch für Reichenbachs Od oder andere Erklärungsversuche. Wohl aber legen wir Gewicht auf die sich auch hier wiederholende Erscheinung, daß Tatsachen geleugnet werden, weil sie in das gerade herrschende System nicht passen, oder weil Phantasten aus ihnen zu weit gehende Schlüsse ziehen.

Doch Mesmer sollte eine, allerdings sehr späte, Rechtfertigung erfahren. Im Jahre 1841 machte der Arzt James Baid (1795–1860) in Manchester die Entdeckung, daß bei einzelnen Individuen durch jedes beliebige Verfahren, das die Aufmerksamkeit auf einen Punkt lenkt, ein eigentümlicher Schlaf hervorgerufen werden kann und daß dieses Verfahren sich unter Umständen auch als Heilmittel empfehle. In seiner 1843 erschienenen Schrift nannte er diese Erscheinung Neurypnologie (so der Titel des Buches) oder Hypnotismus. Er beobachtete dieselben Erscheinungen wie beim Mesmerismus, verwahrte sich aber – vielleicht durch das Beispiel jenes gewarnt – mit aller Entschiedenheit gegen die Annahme einer besonderen, vom Arzt ausgeübten, Kraft und betonte, daß sie lediglich auf einer eigentümlichen subjektiven Stimmung beruhe, in der das Individuum durch nervöse Erregung, herbeigeführt durch Konzentration des Geistes auf einen Gedanken, versetzt werde oder sich selbst versetze. Erst im Todesjahre Braids 1860 wurde durch Broca und Azam der Braidismus als ein wichtiger Fortschritt erkannt und der Pariser Akademie der Wissenschaften davon Mitteilung gemacht. Trotzdem blieben diese Erscheinungen bis zum Ende der siebziger Jahre ziemlich unbekannt. Erst durch das Auftreten des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs Hansen 1879 angeregt, haben seit 1880 die exakten Untersuchungen von seiten kompetenter Naturforscher die Realität der mit dem Namen Hypnotismus bezeichneten Erscheinungen und die Identität derselben mit den von fremden Zutaten entkleideten Beobachtungen Mesmers außer aller Frage gestellt.[54]

Virchow blieb bekanntlich zeitlebens ein Leugner und Hauptgegner des Hypnotismus.

Bedenkt man nun, daß Suggestion, Hypnotismus, Somnambulismus, Hellseherei und wie diese Erscheinungen alle heißen mögen, seit vielen Jahrtausenden bekannt und geübt sind, daß Mesmer zuerst die Augen des gebildeten Europa mit negativem Erfolg auf seine Experimente richtete und daß nach seinem Tode 70, nach der ersten Veröffentlichung seiner Beobachtungen mehr als 100 Jahre vergingen, dann wird man gegen Negationen von Autoritäten und Akademien nicht minder mißtrauisch werden, als man vorurteilslos an irgendwelche noch so phantastisch erscheinende Behauptungen herantreten wird. Was aber Hypnotismus und Suggestion ihrem Wesen nach sind, weiß man heute ebensowenig, wie in Mesmers Tagen. Man begnügt sich mit Beschreibung der Beobachtungen und Anwendung der gemachten Erfahrungen. Ob das aber prinzipiell den Hypothesen eines Mesmer und Reichenbach gegenüber ein Fortschritt ist, sei dahingestellt. Auch auf diesem Felde wird die Zukunft uns nicht durch, sondern trotz der Autoritäten die Wahrheit entschleiern.

*

Die Dialectical Society in London hielt im Jahre 1869 eine große Anzahl von Sitzungen zur Erforschung der sogenannten okkulten Phänomene ab, an denen unter anderen bedeutenden Männern auch Alfred Russel Wallace teilnahm. Die Resultate über Tischrücken, Klopfen, Bewegung von Gegenständen ohne Kontakt etc. waren so erstaunlich, daß mehrere Mitglieder der Gesellschaft sich weigerten, die Schlüsse anzuerkennen, es sei denn, der Chemiker Crookes hätte sie nachgeprüft. Der berühmte Gelehrte unterzog sich dieser Aufgabe mit dem Erfolge, daß er die erstaunlichsten Beobachtungen der Dialectical Society nicht nur bestätigen, sondern sogar ergänzen konnte. Z. B. gelang es, eine Ziehharmonika ohne Berührung zum Spielen zu bringen, Gewichtsveränderungen von Körpern zu erzielen, Tische und Stühle, ja menschliche Körper ohne Berührung in die Höhe zu heben etc. Hatte früher Crookes Bereiterklärung, sich der Nachprüfung zu unterziehen, das Entzücken aller Kritiker geweckt, schlug die Stimmung ins konträre Gegenteil um, als die Hoffnungen, der Gelehrte werde ein neues Zeugnis zugunsten ihrer Ansichten bringen, sich nicht erfüllten. Die Königliche Gesellschaft in London aber, deren Mitglied Crookes ist, und die seine Beteiligung an den okkulten Forschungen gebilligt hatte, solange sie annehmen konnte, es handle sich um Schwindel, nahm seine Schrift nicht an, als er den Bekennermut bewies, das zu bestätigen, was er gesehen hatte. Professor Stokes, der Sekretär der Gesellschaft, weigerte sich, sich mit diesem Gegenstande zu befassen und auch nur den Titel unter den akademischen Publikationen einzutragen. Es war die genaue Wiederholung dessen, was an der Akademie in Paris im Jahre 1853 den Versuchen des Grafen Gasparin gegenüber geschehen war und was die Londoner Gesellschaft einst Franklins Blitzableiter gegenüber getan hatte.[55]

*

Als Lombroso den Nachweis erbracht hatte, daß das Pelagra, eine in Italien furchtbare Opfer fordernde Krankheit, durch Vergiftung mit verdorbenem Mais entstehe, wurde diese Theorie jahrelang mit wahrer Wut bekämpft, bis sie sich allgemein durchsetzte. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß Lombroso die Ursache des Pelagra richtig erkannte.