Ähnlich ging es ihm mit der Theorie des geborenen Verbrechers, die auch heute noch von vielen abgelehnt wird. Immerhin ist sie ins Strafrecht eingedrungen, z. B. in Ungarn, aber auch in Deutschland, wo man versucht, der Person des Verbrechers Rechnung zu tragen.

Diese einem Aufsatz von Lombrosos langjährigem Freunde A. Pfungst entnommenen Angaben sind auch deshalb interessant, weil der Autor das Eintreten des italienischen Gelehrten für Okkultismus und Spiritismus damit entschuldigt, »daß das Alter seine eminente Beobachtungsgabe, auf die er sich bei den spiritistischen Experimenten blindlings verließ, schon sehr geschwächt hatte« (S. 641). Also auch hier Theorie gegen Beobachtung und Experiment.[56]

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Karl Schleich, der Erfinder der subkutanen Einspritzung zur Erreichung der Anästhesie wurde von den Kollegen heftig bekämpft.

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Lord Lister (geb. 1827), der Vater der modernen Wundbehandlung, der zuerst Desinfektion der Wunde, dann aller mit der Wunde in Berührung kommenden Gegenstände anwandte und empfahl, hatte zwar in Deutschland größeren Erfolg als in seinem Vaterlande, aber auch bei uns wurde seine großartige Entdeckung von einigen bedeutenden Chirurgen skeptisch aufgenommen. Und doch wüteten damals Pyämie (Eiterfieber), Septichämie (Blutvergiftung), Wundrose, Hospitalbrand, Lymphgefäß- und Venenentzündung in entsetzlicher Weise. In Nußbaums Krankenhaus verfielen diesen Infektionskrankheiten alle komplizierten Brüche, fast alle Amputationen. 1872 kam dazu der Hospitalbrand, der sich bis 1874 so vermehrte, daß 80% aller Wunden und Geschwüre von ihm ergriffen, vielfach Knochen abgestoßen, Gefäße angefressen wurden, und zwar in Fällen, die vielleicht wegen eines entzündeten Fingers, einer Schrunde am Kopf oder einer anderen Kleinigkeit ins Spital kamen. »Eine wirklich glatte Heilung hat man vor dem Jahre 1875 auf dieser Klinik nie gesehen.« Wie durch einen Zauber verschwand das alles durch Listers große, von Nußbaum in ihrer Tragweite erkannte Erfindung.[57]

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Der Pfarrer I. F. Esper (1742–1810) hatte in den Gailenreuther Höhlen der Fränkischen Schweiz zwischen den Resten vorweltlicher Tiere auch Menschenknochen entdeckt, und die Fundgeschichte 1774 veröffentlicht. In seinem Werke »Ausführliche Nachricht von neuentdeckten Zoolithen«, das sich durch heute noch vollkommen brauchbare Abbildungen der von ihm entdeckten diluvialen Höhlentiere auszeichnet, hatte er ganz im Sinne der modernen Wissenschaft argumentiert: Der Mensch, dessen Reste mit denen der diluvialen Säugetiere im Höhlenschlamme begraben wurden, muß auch mit diesen Tieren gelebt haben, er war sonach Zeuge der »großen Flut«.

Daß sein Fund falsch gedeutet wurde, war des großen Cuvier (1769–1832) Schuld. Er erkannte zwar die wissenschaftliche Richtigkeit des Esperschen Fundes an, aber für den diluvialen Menschen war in seinem Weltsystem kein Raum. Seine bis vor wenigen Jahrzehnten in der Wissenschaft herrschende Katastrophentheorie nahm gewaltige Erdrevolutionen an, die die organischen Schöpfungen der vorausgehenden geologischen Periode vollkommen vernichteten, so daß durch Neuschöpfung sich nach jeder solchen Revolution die Erde neu bevölkern mußte. Da sei es undenkbar, daß der Mensch, der Periode des Alluviums angehörig, die Katastrophe, die vor 5–10000 Jahren das Diluvium mit Mammut, Elefant, Nashorn etc. vernichtete, überdauert hätte.