Cuviers Autorität wurde noch gestützt durch die der Bibel, deren Sintflutsage er eine gewisse wissenschaftliche Stütze gewährte. Deshalb wurde dieser Katastrophentheorie besonders in England, »wo theologische Vorurteile von jeher die geologischen Anschauungen beeinflußten«, gehuldigt. Sie erschwerte Darwin und Lyell den Sieg der Evolutionstheorie, die uns heute beherrscht.

Ohne Cuvier würde man ohne Zweifel den Homo diluvii testis, den Diluvialmenschen, weiter gesucht haben, wie Scheuchzer (1672–1733) ihn ja bereits gefunden zu haben glaubte. Allerdings erkannte Cuvier in der Versteinerung, die Scheuchzer in einem vortrefflichen Kupfer publizierte und mit dem schönen Vers:

»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,

Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«

zierte, statt eines Kindes, einen 1 m langen Wassermolch.[58]

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Im Jahre 1856 wurde im Devonkalk des Neandertales bei Düsseldorf ein Skelett gefunden, das nach den geologischen Umständen des Ortes zweifellos in außerordentlich hohe Vorzeit hinauf reicht. Heute weiß man, zumal inzwischen in Spy, Krapina, Brünn, La Naulette und anderwärts ähnliche Reste gefunden wurden, daß es sich hier um Überbleibsel einer tiefstehenden fossilen Menschenrasse handelt. Das hatte bereits Dr. Fuhlrott, dem die betreffenden Skelettteile zuerst übermittelt wurden, festgestellt. Daß er damals mit seiner Ansicht vom europäischen Urmenschen nicht durchdrang, lag an den Autoritäten. Professor Mayer in Bonn meinte, die Gebeine rührten von einem 1814 gestorbenen Kosaken her, Professor Rudolf Wagner in Göttingen erkannte in ihnen einen alten Holländer wieder, Dr. Pruner-Bey in Paris aber einen Kelten. Maßgebend blieb die Ansicht Virchows, der größten damaligen Autorität, der die Reste mit einem gichtbrüchigen Greis identifizierte. Ihm war es zuzuschreiben, daß lange Zeit die Anthropologen von der richtigen Deutung abgehalten wurden.[59]

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Abraham Gottlob Werner (1750–1817), hervorragender Mineraloge und Vater der Geognosie, stellte die »neptunische Lehre« auf, d. h. die Hypothese, daß der Ozean der Quell aller Bildungen der Erde sei und jede neue Gestaltung im Mineralreich sich aus dem Wasser bilde. Sein Schüler Voigt bestritt das, besonders mit Rücksicht auf den Basalt, erlitt aber durch Werners Autorität eine Niederlage. Erst nach seinem Tode konnte Buchs und Humboldts Vulkantheorie Boden fassen.[60]

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