Der verstorbene Bischof Paul Haffner (Frankfurter zeitgemäße Broschüren II, 9 [1880]) stellt fest:

»Es ist bezeichnend für unsere heutige Bildung, daß von Goethes Schriften diejenigen am meisten gelesen werden, welche an obszönen Stellen am reichsten sind.«[74]

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Heinrich Heine hatte im Jahre 1910, außer dem in den Herzen des Volkes errichteten, noch kein Denkmal in Deutschland. Oder wollen wir das literarische, das der Heinetöter Adolf Bartels Heine und sich errichtet, dafür gelten lassen?[75] Das einzige ihm von der Kaiserin Elisabeth in Korfu geweihte wurde entfernt, nachdem das Achilleion in den Besitz Kaiser Wilhelms II. übergegangen war.

Vierter Abschnitt
Die „Dilettanten“ und Outsider

Die immer fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaften, deren Umfang in gleicher Proportion zunimmt, wie der Gesichtskreis ihrer Vertreter sich verengert, hat nicht nur zu einer kaum je dagewesenen Unterschätzung des gesunden Menschenverstandes, ja des Genialen geführt, sie geht auch mit einer übermäßigen Hochschätzung der technischen, handwerksmäßigen Routine einher. Nur was der Spezialist leistet, vermag sich heute durchzusetzen. Unter diesen Umständen scheint es nicht zwecklos, den Beweis zu erbringen, daß auf allen Gebieten nicht dem Fachmann, sondern dem »Dilettanten«, dem Outsider die größten Entdeckungen und Erfindungen zu danken sind. Daß eine Reihe der Größten Autodidakten waren, ist nicht ohne Interesse.

Während sich um den Fachmann, der immer mehr zum Handwerker wird, die hohen Mauern seiner Spezialdisziplin im immer enger werdenden Kreise schließen, ist es das verächtlich »Dilettant« genannte Genie oder doch Talent mit weitem Horizont, das allein die Flugkraft besitzt, sie zu überwinden. Gleicht letzteres dem Entdecker neuer Länder, so ist es der

Zünftler, der dort Käfern und Läusen nachjagt, um sie in dicken Folianten zu edieren.