Noch amerikanischer als der Sonnenkoloß mutet uns der Plan des Stasikrates, eines Schülers des Lysippos an. Er wollte – wie Plinius, Plutarch und Strabo übereinstimmend bezeugen – den felsigen Athosberg in eine Kolossalbildsäule Alexanders des Großen verwandeln. Diese größte aller existierenden Statuen sollte in der linken Hand eine Stadt halten, groß genug, 10000 Einwohner zu fassen, und in der Rechten eine Urne, aus der sich ein Strom ins Meer ergösse.
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Streiks sind uns auch aus der Antike überliefert. Im Jahre 311 v. Chr. fühlte sich die ehrenwerte Zunft der Musikanten (tibicines) schwer beleidigt, weil der ihnen von alters her zustehende festliche Freischmaus, den sie jährlich einmal auf dem Kapitol in aede Jovis auf Staatskosten abhalten durften, gestrichen worden war. Sie verließen alle Rom und begaben sich nach Tibur. Das war aber für die Behörden höchst peinlich, denn ohne Musik konnten die Opfer nicht abgehalten werden. Man holte sie durch eine List zurück, indem man sie einzeln betrunken machte und voll des süßen Weines auf Leiterwagen nach Rom schaffte. Übrigens gaben die Zensoren nach und billigten den feuchtfröhlichen Musikern ihre alte Gerechtsame wieder zu (Livius IX, 30, Ovid. fast. VI, 665 ff.).
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Nichts wäre irriger als die Anschauung, in prähistorischen Zeiten sei man aller ärztlichen Kenntnisse bar gewesen. Im Gegenteil haben wir es hier mit hervorragenden Chirurgen zu tun. In dem altbajuwarischen Reihengräberfeld bei Allach in Oberbayern fand man z. B. einen Schädel, an dem einst ein taubeneigroßes Stück abgeschlagen, später aber vorzüglich und fast genau an derselben Stelle zum Anwachsen gebracht worden war. Dieser Schädel befindet sich in der prähistorischen Sammlung zu München. Ferner verstand man es, Arm- und Beinbrüche vortrefflich zu heilen. So lieferte das alemannische Reihengräberfeld bei Memmingen ein Beispiel eines Flötenschnabelbruches. In diesem auch für heutige Begriffe sehr schwierigen Falle kann nur ein ausgebildeter Arzt tätig gewesen sein. Ebenso fand man im merowingischen Reihengräberfeld von Wies-Oppenheim einen befriedigend verheilten Schulterknochen. Die Trepanation der Schädeldecke war bereits in der älteren Bronzezeit geübt, wie ein Fund aus Giebichenstein bei Halle lehrt. Das Loch besaß die Größe eines Markstückes und ist in der späteren Lebenszeit der Person durch reichliche Knochenneubildung wieder ganz gefüllt worden.[6]
Daß schon im Altertum eine Ärztin ihre Kunst zu allgemeiner Anerkennung ausübte, lehrt ein Fund, den die österreichische Expedition des Jahres 1892 auf dem Trümmerfeld der alten lykischen Stadt Tlos im südlichen Kleinasien machte. Man fand eine Statuenbasis mit der griechischen Inschrift: »Antiochis, die Tochter des Diodotes aus Tlos, deren ärztliche Empirie von Rat und Gemeinde der Stadt Tlos beglaubigt ist, hat sich das ihr zuerkannte Standbild auf eigene Kosten errichten lassen.« Also auch die weibliche Eitelkeit läßt sich so weit zurückverfolgen!
Mag der amerikanische Zahnarzt auch ein Produkt der Neuzeit sein, seine Leistungen sind es nicht so sehr. So wurde ein antikes künstliches Gebiß in der uralten Etruskerstadt Tarquinii gefunden. Es wird jetzt im Museo Municipale in Corneto, drittes Zimmer, gezeigt.
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Auch Nahrungsmittelfälscher gab es im Altertum, und zwar wurde Brot mit Gips versetzt. Besonders häufig waren Weinpantschereien, wie nach zahlreichen Klagen alter Autoren feststeht. Man setzte dem Gepansch eine Art von Fuchsin zu.
Wer meinen sollte, die berühmte Worcestershire-Sauce sei ohne Vorläufer, wird sich wundern, daß die Römer im Garum (Garon), einer sehr kostbaren, aus Fischen bereiteten Sauce, etwas Ähnliches besaßen. Sogar koschere (garum castimoniale), aus schuppenlosen Fischen bereitete gab es. In Pompeji wurde ein irdenes Gefäß damit gefunden. Plinius (nat. his. XXXI, 93–95) beschreibt die Verfertigung dieser Würze.[7] Apicius (de re coquinaria I, 32) kennt eine Reihe von Speisen, denen er Garum zugesetzt wissen will, z. B. ein Oenogarum, eine Weinbrühe mit Trüffel.