Am erstaunlichsten sind aber die theoretischen Anschauungen: Man hatte den Begriff der Atome, der Einheit der Materie, deren Unzerstörbarkeit und Unerschaffbarkeit und kannte die Identität von Materie und Energie. D. h. man hatte eine physikalische Weltanschauung, wie wir sie erst seit relativ sehr kurzer Zeit besitzen.[2]
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Daß bereits um 400 v. Chr. mit Gas geheizt wurde, dürfte nicht vielen bekannt sein. Ktesias berichtet, daß in Karamanien das dort entweichende Erdgas als Heizmaterial für den Hausgebrauch Verwendung fand.[3]
Vor achtzig Jahren erhielt der Ingenieur Neilson ein Patent auf ein Heißluftgebläse für Hochöfen. Bei den Ausgrabungen in Tel el Hesey in Südpalästina sind Funde gemacht worden, die es so gut wie sicher erscheinen lassen, daß schon um 1400 v. Chr. die alten Orientalen dieses Verfahren kannten. Man fand einen Hochofen für Eisenbereitung, der eine Vorrichtung besaß, welche bezweckte, die Außenluft vor ihrer Einführung in den Ofen zu erwärmen.[4]
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Daß der Gedanke des Seeweges nach Ostindien und der Entdeckung Amerikas der Antike keineswegs fremd war, ist eine gewiß erstaunliche Tatsache. Krates verlegte – im Gegensatz zu Aristarch – die Wanderfahrten des Odysseus in den Atlantischen Ozean (Gellius 14, 6. 3). Und zwar ließ er den Menelaos von Gadeira (Cadix) aus, Afrika umschiffend, Indien erreichen und nach siebenjähriger Fahrt zurückkehren (Strabo I, 31). Bekanntlich war Vasko de Gama der erste, der im Jahre 1498 auf diesem Wege das Wunderland erreichte. Einen noch kühneren Gedanken sprach fünfzig Jahre später der große Poseidonius mit der Behauptung aus, daß Indien von Spanien aus bei günstigen Ostwinden in kurzer Zeit zu erreichen sei (Strabo II, 6 und Seneca nat. I, prol. 13). Strabo aber wurde bereits im Jahre 1470 von Guarino ins Lateinische übersetzt und war nachweislich dem Kolumbus durch Toscanelli bekannt geworden. Es ist also höchst wahrscheinlich, daß Kolumbus, als er auf dem angegebenen Wege 1492 Amerika entdeckte, nur einen Gedanken zur Ausführung brachte, der ihm aus dem Altertum übermittelt worden war.[5]
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Beim Wort »Amerika« denken wir gern an »unbegrenzte Möglichkeiten«, an Wolkenkratzer und gigantische Projekte. Auch sie sind keineswegs neuen Datums, selbst wenn wir nicht auf die Pyramiden oder die gewaltigen altägyptischen Tempelanlagen blicken. Der berühmten Neu-Yorker Freiheitsstatue ist wohl vergleichbar der Koloß von Rhodos. Dieser war 70 Ellen oder 105 römische Fuß (32 m) hoch und stand in der Nähe des Hafeneinganges. Nur wenige konnten den Daumen der Figur umfassen und jeder seiner Finger war größer wie die meisten Statuen. Nachdem er nur 66 Jahre gestanden hatte, zerbrach er infolge eines Erdbebens 227 v. Chr. Fast 900 Jahre lag er auf der Erde, bis ein arabischer General die Reste im Jahre 672 an einen Juden verkaufte, der 900 Kamele mit dem Erz belud (Plinius 34, 41).
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