Als der gelehrte Muratori eine Schrift zur Widerlegung eines häretischen Buches schrieb, entschuldigte er sich in der Einleitung: »Spät gelangte dieses Buch in meine Hände... und ich konnte es nicht über mich bringen, es zu lesen. Denn zu welchem Zwecke anders, als um selbst der Torheit zu verfallen sollte ich die Schriften der Neuerer lesen? Ich suche und liebe solche, die mich in der Religion bestärken, nicht solche, die mich von ihr abwendig machen.«
Der Hl. Franz von Sales dankt in seinen Schriften mit rührender Einfallt Gott dem Herrn, daß er ihn bei der Lesung derartiger Bücher vor dem Verlust seines Glaubens bewahrt habe.
Der gelehrte spanische Philosoph Balmes sagte einst seinen Freunden: »Ihr wißt, daß der Glaube tief in meinem Herzen wurzelt. Und dennoch kann ich kein verbotenes Buch lesen, ohne das Bedürfnis zu fühlen, mich wieder durch das Lesen der Hl. Schrift, der Nachfolge Christi und des gottseligen Ludwig von Granada in die rechte Stimmung zu versetzen.«
Während es überall für verdienstvoll um nicht zu sagen anständig gilt, sich durch Gründe überzeugen zu lassen, während der vorwärtsstrebende Mensch begierig alles in sich aufnimmt, was ihm hilft, alte Irrtümer gegen neue Wahrheiten einzutauschen, wird also heute noch in der Kirche der am höchsten angesehen, der sich gewaltsam Scheuklappen vorbindet und der Wahrheit aus dem Wege geht.[139]
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Bekanntlich herrscht an unseren Universitäten nicht nur Lern-, sondern auch Lehrfreiheit. Autoritäten, ein jurare in verba magistri existiert de jure nicht mehr. Wohl aber de facto. Oder wie läßt sich die Tatsache, daß weder Atheisten, noch Sozialdemokraten, noch an protestantischen Universitäten, z. B. Halle, Katholiken – und zwar auch für Lehrfächer, die mit der Kirche weder direkt noch indirekt etwas zu tun haben – zugelassen werden? Es ist dieselbe Sache in anderer Form: Aufrechterhaltung des Status quo um jeden Preis und Bekämpfung des Geistes mit materiellen statt mit geistigen Waffen.
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Werfen wir noch einen flüchtigen Blick auf den Unterricht des Volkes.
In der Zirkularverordnung über die Garnisonschulen vom 31. August 1799 entwickelt Friedrich Wilhelm von Preußen u. a. folgende Gedanken: »... Ein mit diesen Eigenschaften ausgerüsteter Soldat wird auf seinem Platze gewiß ein brauchbarer Diener des Staates, und zugleich ein glücklicher Mensch sein, wenn niemand das Bestreben nach höheren Dingen in ihm zu erwecken sucht. Der Keim zur Unzufriedenheit mit seinem Stande wird sich aber in eben dem Grade entwickeln, in welchem man seinen wissenschaftlichen Unterricht weiter ausdehnt. Nur wenige Menschen der unteren Volksklasse sind von der Natur so sehr verwahrloset, daß sie nicht die Fähigkeit haben sollten, etwas mehr zu leisten, als ihr Stand von ihnen erfordert, und sich dadurch auf irgendeinem Wege über denselben zu erheben. Ein zu weit gedehnter Unterricht wird das Gefühl solcher Fähigkeiten in ihnen rege machen, durch deren Anwendungen sie sich leicht ein günstigeres Schicksal, als das eines gemeinen Soldaten ist, würden verschaffen können...«[140] Die Antwort war – Jena!