Der preußische Kultusminister hat das »Lesebuch für höhere Mädchenschulen« von Karl Hessel, das bereits in 6. Auflage vorliegt, für die paritätische höhere Mädchenschule in Kreuznach verboten wegen konfessioneller und moralischer Bedenken. Ausdrücklich sind zwei Bedenken ersterer Art angeführt: erstens heißt es in Peter Roseggers humoristischer Erzählung »Der Gansräuber«, daß die Staudenbäuerin bei der Nachricht von der Ermordung ihrer Martinsgans entrüstet ausgerufen habe: »Das ist ja eine Todsünde gegen den heiligen Martinus!« Es ist ohne weiteres klar, daß eine solche mangelhafte Beschlagenheit der Staudenbäuerin in der Dogmatik mit Rücksicht auf die verhängnisvollen Wirkungen auf die Seelen der höheren Töchter nicht geduldet werden kann.

Dann hat auch Freiligrath in seinem berühmten Gedicht »Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt’ an Blüte«, in dem er die Völker und Länder mit Blüten vergleicht, in höchst sträflicher Weise auf den paritätischen Charakter der Schule nicht Rücksicht genommen.

Er spricht nämlich den Gedanken, mit Luthers Auftreten sei eine Blütezeit angebrochen, als Zukunftsaussicht des Reformators aus. Vor katholischen Ohren! Man denke! Wie könnten da die Seelen der armen Schäflein in Anfechtungen fallen!

Die schrecklichen Verse lauten:

»Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen!

Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah,

Frisch, wie sie Hermann auf den Weserwiesen,

Frisch, wie sie Luther vor der Wartburg sah!«

Nicht minder gefahrdrohend wie für das Glaubensleben der Kinder ist das genannte Buch für ihre Moral. In dem Märchen vom Schlaraffenland heißt es nach Bechsteins Erzählung, dort flögen gebratene Tauben den Leuten ins Maul, auch müsse man sich durch einen Reisbrei durchfressen, um ins Land zu kommen. Solche Ausdrücke, sagt der Minister – übrigens mit Recht –, dürften Mädchen nicht in den Mund nehmen. Aber einen solch gesegneten Appetit, daß man sich durch einen Reisberg durch»essen« kann, hat doch nicht jeder!

In Hebels Gedicht »Der Schneider in Pensa« wird erzählt, wie ein wohlhabender deutscher Schneider 1812 badische Soldaten zu Pensa in Rußland bewirtet habe. Es heißt da, der Schneider habe sich schon vorher auf solche Einquartierung gefreut; er liebte sie, sagt Hebel, schon zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon liebt und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.