Robert von Arbrissel (Albresec in der Bretagne), der Stifter des Ordens von Fontaevraud hatte eine sonderbare Probe seiner Keuschheit ersonnen. Er ging nicht nur in Bordelle und bewog durch seine Predigt die Prostituierten, fromm zu werden – und zwar so viele, daß er für sie drei Klöster errichten mußte, von denen deshalb das eine de la Magdelaine benannt wurde, er schlief auch öfter zwischen zwei Nonnen – nackt natürlich, gemäß der damaligen Sitte –, bloß um die Kraft des Willens über das Fleisch zu erproben.

Der Abt Gottfried von Vendome tadelte ihn wegen der unklugen Erfindung dieses neuen Martyriums; Marbod, Bischof von Rennes, aber ermahnte ihn, sich solchen Verführungen nicht auszusetzen, die den guten Ruf, wenn auch nicht die Seele verwundeten. Er tadelte ihn auch, daß er in haarigem Fell und zerrissenen Kleidern, mit halbnackten Hüften, langem Bart, abgeschnittenem Haupthaar und bloßen Füßen gehe.[168]

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Das Mittelalter in seinem Kinderglauben suchte Befreiung von Sünden, weniger durch innere Einkehr, als dadurch, daß es durch weite Reisen, nach Rom, Jerusalem oder an andere geheiligte Orte, räumlich der Gnadenquelle nahte. Jeglicher Schmerz, jede Form irdischer Qual, selbst jedes Verbrechen konnte sich hoffend nach Rom wenden, um zu den Füßen des Papstes Erlösung zu empfangen. Aber neben wahrhaft Reuigen, die in hellen Haufen jahrhundertelang den Weg über die Alpen einschlugen, befand sich auch manch räudiges Schaf. Ja, die damaligen Anschauungen trieben entsittlichte Menschen, fluchwürdige Verbrecher, die heute in Gefängnissen sorgfältig vom Kontakt mit der Mitwelt ferngehalten werden, zu solchen Pilgerfahrten, trugen sie ihnen doch neben der Hochachtung vor freiwilliger Buße auch noch sicheren Unterhalt ein.

Der Schuldige ward in die Welt geschickt, versehen mit einem Schein seines Bischofs, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen bezeichnete, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, und ihn zugleich mit einer Legitimation, entsprechend unseren Pässen, versah. Er zeigte seine Legitimation allen Äbten und Bischöfen der Orte vor, durch welche er kam. Diesem Verdammungs- und gleichzeitigen Empfehlungsbrief verdankte er überall gastliche Aufnahme. Deshalb hüllten sich nicht selten Gauner, die gar kein schweres Verbrechen begangen hatten, in die Maske der scheußlichsten Untat. So hatten sie Gelegenheit zu sorgenfreier Reise und Aussicht auf betrügerischen Gewinn. In Ketten, mit schweren Eisenringen um Hals und Arme, halbnackt zogen sie mit ihren falschen Pässen durch die Länder, stellten sich auch vielfach besessen, warfen sich vor den Heiligenbildern der Kirchen und Klöster nieder und erlangten, indem sie durch deren Anblick plötzlich zur Besinnung gekommen zu sein vortäuschten, von den beglückten Mönchen Geschenke.

Bezeichnend für die Sitten, die in solchen Pilgergesellschaften herrschten, ist, daß schon 744 der Erzbischof Bonifazius von Mailand an Cutbert von Canterbury schrieb, die Synode möge den Frauen und Nonnen solche Reisen untersagen, »weil viele von ihnen zugrunde gehen, wenige aber unberührt heimkehren. Denn es gibt in der Lombardei nur sehr wenige Städte, desgleichen in Franzien oder Gallien, in denen sich nicht eine Ehebrecherin oder Prostituierte aus englischem Stamme befindet.«

Viele erlagen also den Versuchungen der Pilgerfahrten. Deshalb verbot auch die Synode von Friaul 791 bereits den Nonnen, nach Rom zu pilgern.[169]

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Wahre Frömmigkeit römischer Observanz, überall zu finden, wo die kasuistische Pseudomoral der Kirche herrscht, lehrt uns ein niedliches Geschichtchen kennen, das ebensogut heute passiert sein könnte, wie im Jahre 1580 und überaus bezeichnend ist für die Denkweise weitester Kreise unter dem segenspendenden Krummstab.