Am harmlosesten erscheint uns das Streben, ein »Bild« der Demut und Milde abzugeben. Kein Abschied ohne Tränenfluten, keine Verzeihung, ohne daß die Umstehenden mit dem am Boden sich Windenden nicht mitgeweint hätten. Die Kunst, nach Belieben zu weinen – wir reden despektierlich in solchen Fällen von Krokodilstränen –, die gratia lacrimarum galt als eine jener Himmelsgaben, die nur dem Erwählten zuteil werden. Kaiser Otto III. und der hl. Bernward weinten beim Abschied so heftig, daß sie sich schämten, unter die Leute zu gehen, Alfkerus weinte, wenn er die hl. Messe las, so ausgiebig, daß der größte Teil seines Körpers naß wurde; Eid von Meißen hatte vom vielen Weinen immer entzündete Augen. Eine Gelegenheit, in Tränen zu zerfließen, durfte, wer nur einigermaßen auf Heiligkeit oder Heiligmäßigkeit Anspruch erheben wollte, niemals ungenutzt vorübergehen lassen. Ob es sich um Reue, Erbitten einer Gnade, Beichte, Messe oder Gebet handelte, wer nur irgend konnte, weinte. Die Tränenfröhlichkeit besonders des 10. Jahrhunderts kann kühn mit der der Wertherzeit in Konkurrenz treten. So tadelt Adam von Bremen an den Dänen, daß sie Tränen und Wehklagen aus Reue oder sogar für Tote verabscheuten. (Mon. germ. SS. VII, p. 336.)

Ernster schon waren die Kasteiungen durch Geißelung, Entzug des Schlafes, Hunger und Durst, besonders wirksam aber die Handlungen, die dem Bestreben, der Niedrigste von allen zu sein, ihr Dasein verdankten. Adalbert von Bremen bittet seinen Feind, der ihn mißhandelt, um Verzeihung.[159] Johann von Gorze hat über jeden heiteren Augenblick nachträglich die schwersten Gewissensbisse. Er putzt (wie auch der hl. Adalbert) seinen Mitbrüdern oder gar dem Gesinde die Stiefel, sogar gegen deren Willen, buttert, bis ihm der Schweiß kommt und flickt in den nächtlichen Mußestunden Netze, ja, er reinigt oft die Latrinen! Ganz ähnlich handelt Angilram.[160] Die Königin Mathilde begibt sich nur scheinbar zur Ruhe, verläßt vielmehr ihr Lager, sobald alles schläft und tut die Nacht durch Gutes, um dann morgens, von niemand bemerkt, wieder ihr Lager aufzusuchen. Sie dringt auch heimlich in die Zellen, um beim Baden der Armen behilflich zu sein, während sie sich selbst Bäder versagt.[161] Der stolze Adalbert von Bremen wusch vor dem Schlafengehen 30 und mehr Bettlern die Füße. Ähnliches hatte schon die Tochter König Chilperichs von Burgund, Chrotechilde, getan, wie Fredegar erzählt. Brun von Köln, der Bruder Ottos des Großen, sitzt im Schafpelz unter Königen.[162] Fast keiner aber gönnt sich den damals so beliebten Genuß eines Bades, und doch berichten die Biographen von der Schönheit ihrer Helden!

Diese Kasteiungen müssen für sehr harmlos gelten im Vergleich zur Sitte der ersten Christen, sich zu entmannen. Justinus erzählt von dem Gesuche eines Christen in Alexandrien an den Präfekten Felix: er möchte einem Arzt gestatten, ihn zu entmannen. Denn ohne diese Genehmigung durften die Ärzte die Operation nicht vornehmen. Origenes entmannte sich selbst und das Konzil zu Nicäa von 325 sah sich genötigt, Stellung zu nehmen zu der Frage dieser Verstümmelung.[163]

Rühmend erzählt der Biograph vom hl. Ulrich, daß er sich zwar das Gesicht wusch, aber nicht badete, außer an drei Festtagen im Jahre. Dafür wusch er aber eigenhändig 12 Armen die Füße. Der Königssohn Brun war nicht weniger wasserscheu wie Johann von Gorze, der auch Medikamente verschmähte. Angilram badete auch nicht.[164] Waren die frommen Männer so auch zu Lebzeiten keine Nasenweide der frommen Gemeinde, so holten sie das doch im Tode nach. Denn dann entströmten – das müssen wir wohl oder übel den Chronisten glauben – den Särgen der frommen Männer liebliche Düfte. Von Eid, Ansfrid, Evergerius von Köln und Udalrich wird es wenigstens ausdrücklich erzählt.[165]

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Das Weinen gehörte auch noch zur Zeit der Kreuzzüge selbst beim Militär zur Frömmigkeit. Der Chronist erzählt: »Es war Sitte im Heere, daß in jeder Nacht, ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, ein dazu bestimmter Mann mit lauter Stimme inmitten des Heeres den gewöhnlichen Spruch rief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ In diesen Ruf stimmten alle ein, wiederholten ihn, streckten mit reichlichen Tränen die Hände zum Himmel empor und erflehten Gottes Barmherzigkeit und Hilfe. Dann hub der Herold selbst wieder an, indem er wie vorher ausrief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ Und alle wiederholten es; und als er gleichfalls zum dritten Male rief, so taten es ihm alle nach mit großer Herzenszerknirschung und unter Tränen. Wer würde dies in solcher Lage nicht tun? da doch schon diese Tatsache zu berichten Tränen den Hörern entlocken kann. Durch diese Anrufung schien das Heer sich gar sehr gestärkt zu fühlen.[166]«

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Die durch Schönheit, Klugheit, Sittenstrenge und Frömmigkeit ausgezeichnete Athenerin Irene wurde durch den Tod ihres Gemahles, des Kaisers Leo IV., im Jahre 780 für ihren zehnjährigen Sohn Regentin des byzantinischen Reiches. Als der Sohn regierungsfähig geworden war, ließ sie die Truppen auf die noch nie dagewesene Formel »Solange du lebst, werden wir uns deinen Sohn als Kaiser nicht gefallen lassen« schwören. Doch der Staatsstreich mißlang, Irene wurde von der Regierung entfernt, und Konstantin VI., der zuerst sieben Jahre mit Karls des Großen Tochter Rothrude verlobt gewesen war, kam endlich zur Herrschaft. Aus Gutmütigkeit verzieh er schon nach einem Jahre seiner Mutter und setzte sie wieder in ihre bevorzugte Stellung ein. Nach fünfjähriger Wühlarbeit gegen den tapferen Sohn machte sie ihn unpopulär. Dann riet sie ihm, seine Gemahlin zu verstoßen und die schöne Hofdame Theodote zu heiraten (795). Jetzt war der Kaiser verloren. Die Kirche trat wegen des ungesetzlichen Schrittes gegen ihn auf, Irene nahm ihn gefangen und ließ ihm in demselben Purpurgemache des Kaiserpalastes, in dem sie ihm das Leben gegeben hatte, durch den Henker die Augen ausstechen! Wiewohl die Verstümmelung mit besonderer Grausamkeit ausgeführt war und in der Absicht, seinen Tod zu veranlassen, ohne der Mutter das Odium der Mörderin aufzuladen, lebte der Kaiser noch einige Jahre. Irene aber nahm mit Ignorierung ihres Geschlechtscharakters den Titel »Kaiser« an. Doch schon 802 fiel sie, deren Ehrgeiz eine Ehe mit Karl dem Großen im Bereiche der Möglichkeit gehalten hatte, als Opfer einer Revolution. Sie starb einsam und verlassen 803 auf Lesbos.

Die byzantinischen Schriftsteller finden für diese Kaiserin kaum ein Wort des Tadels. War sie doch die Wiederherstellerin der Bilderverehrung. Als Heilige gehört sie dem Himmel der griechisch-katholischen Kirche an.[167]

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