Auf dem Gebiete der Prophylaxe können die Medizinalbehörden und die Ärzte viel leisten, und daß beide besonders in Deutschland auf der Höhe der Zeit sind, ist allgemein anerkannt. Kommt es aber trotzdem zum Ausbruch einer Seuche, so hängt deren Verlauf und Verbreitung mehr noch als von ihrer Tüchtigkeit von der Sorgfalt und dem Verständnis ab, mit denen die Bevölkerung ihren Vorschriften nachkommt.
Besonderer Teil.
Vorbemerkung.
Der Absicht und dem Umfang dieses kleinen Werkes würde eine eingehende Besprechung aller bisher bekannten bakteriellen Infektionskrankheiten nicht entsprechen. Doch schien es geboten, nicht nur einige, sondern eine größere Anzahl von Beispielen aus dem Gesamtgebiete vorzuführen. Eine Anordnung in Gruppen schien der Übersichtlichkeit halber wünschenswert; andererseits war die strenge Durchführung eines bestimmten Ordnungsprinzips schwierig; und so sind denn einigermaßen willkürlich – aus verschiedenen Gesichtspunkten – die einzelnen Gruppen von Krankheiten gebildet worden, die je in einem Kapitel zusammengefaßt worden sind.
In dem ersten Kapitel des speziellen Teils (Kap. V) sollen – wesentlich aus historischen Gründen – zwei seltene und untereinander ganz verschiedene bakterielle Infektionskrankheiten des Menschen behandelt werden: das Rückfallfieber als diejenige menschliche übertragbare Krankheit, deren Erreger zuerst entdeckt, d. h. gesehen wurde, und die Milzbrandkrankheit, jene selten den Menschen befallende Tierseuche, deren vollständige ätiologische Aufklärung durch Robert Koch den ersten großen Erfolg der modernen Bakteriologie bedeutete (vgl. Einleitung).
In einem weiteren Kapitel (VI.) sind Pest und Cholera, die beiden gefährlichsten exotischen Seuchen, die gelegentlich auch unsere europäischen Kulturländer bedrohen, behandelt. Es folgen als Beispiele inländischer epidemisch auftretender Krankheiten, die durch Stäbchenbakterien hervorgerufen werden, in dem folgenden (VII.) Kapitel: Diphtherie, Tetanus, Influenza, Keuchhusten, Unterleibstyphus. – Das folgende Kapitel (IX.) ist den wichtigsten krankheiterregenden Kugelbakterien (Mikrokokken) eingeräumt, den sogenannten »Eitererregern« im engeren Sinne (Streptokokken und Staphylokokken), ferner den Erregern der Gonorrhoe (Gonokokken), den Meningokokken und der epidemischen Genickstarre, und endlich den Pneumokokken, die als Ursache mannigfaltiger Entzündungen, besonders der Lungenentzündung, gefürchtet sind. – Ein besonderes (X.) Kapitel ist einer kurzen Besprechung der chronischen Infektionskrankheiten, der Tuberkulose, unserer schlimmsten Volksseuche, der Syphilis und der Lepra gewidmet.
Man wird in dieser kurzen Übersicht die Namen einer Anzahl zweifellos ansteckender Krankheiten vermissen. Das liegt nicht an einer ungeschickten Auswahl der Beispiele, sondern an der Lückenhaftigkeit unseres Wissens: eine Anzahl teilweise gerade ganz besonders infektiöser Krankheiten ist bisher ätiologisch noch nicht aufgeklärt; die bekanntesten unter ihnen mögen hier kurz erwähnt werden. Freilich sei darauf verwiesen, daß es durchaus nicht sicher ist, daß sie durch Bakterien verursacht werden. Es ist ebensogut möglich, daß niederste tierische Lebewesen (Protozoen) ihnen zugrunde liegen, ebenso wie bekanntlich die verbreitetste Infektionskrankheit überhaupt, die Malaria (das Sumpffieber) durch Protozoen verursacht wird, wie ferner auch die neuerdings viel besprochene Schlafkrankheit Afrikas eine Protozoenkrankheit ist. In erster Linie sind der akute Gelenkrheumatismus und die gefürchteten Kinderkrankheiten Scharlach und Masern zu erwähnen, deren belebte Ursache bisher trotz allen möglichen Versuchen noch unbekannt ist, weiterhin die Wutkrankheit (Lyssa). Ferner gehören hierher die Erreger der Blattern oder echten Pocken, die nach jüngst eingelaufenen Nachrichten freilich möglicherweise inzwischen bereits entlarvt sind. Vor den Blattern ist die Kulturmenschheit ja seit Jenners Entdeckung der Schutzpockenimpfung geschützt; auch gegen die Folgen der Bisse wutkranker Tiere haben wir in der Pasteurschen Wutschutzimpfung ein wirksames Mittel in der Hand. Auch läßt sich durch das naheliegende Mittel des »Maulkorbzwanges« nachweislich viel gegen die Verbreitung der Lyssa tun. Scharlach und Masern aber setzen vorläufig allen unseren Bestrebungen einen fast unüberwindlichen Widerstand entgegen; wir sind ihnen gegenüber ausschließlich auf die Maßnahmen der Isolierung angewiesen. – Daß verschiedene zweifellos infektiöse Krankheiten heißer Länder ätiologisch noch nicht aufgeklärt sind, mag wenigstens erwähnt werden.