Eine außerordentlich ansteckende Krankheit der Augen soll endlich noch genannt werden, es ist die sogenannte ägyptische Augenkrankheit, das »Trachom«, ein Leiden, das mit Entzündung der Augenbindehäute beginnt, der Behandlung große Schwierigkeiten macht und oft mit dem Verlust des Sehvermögens auf einem oder gar beiden Augen endigt. Nach Deutschland wird diese Krankheit hauptsächlich von unseren östlichen und südöstlichen Nachbarländern aus durch Arbeiter eingeschleppt, und nur den unausgesetzten Bemühungen unserer Medizinalbehörden ist es zu danken, daß sie nicht nur keine Fortschritte gemacht hat, sondern allmählich zurückgedrängt wird. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Ansteckung durch Übertragung keimhaltigen Sekrets von Person zu Person verbreitet wird, und daß die wirksamste Bekämpfung einerseits in der persönlichen Reinlichkeit aller derer besteht, die mit Trachomkranken in Berührung kommen, anderseits in der möglichst frühzeitigen und energischen Behandlung der Erkrankten. Der Erreger dieses Leidens scheint in letzter Zeit durch v. Provaczek entdeckt worden zu sein, doch steht die Entscheidung darüber, ob es sich um ein Bakterium handelt oder um ein niederstes tierisches Lebewesen, vorläufig noch aus. Kulturen des Mikroorganismus sind bisher noch nicht gewonnen worden.


Kapitel V.

Milzbrand. – Rückfallfieber.

Wie wir in der Einleitung erfahren haben, brachte die einwandfreie Aufklärung der bakteriellen Ätiologie der Milzbrandkrankheit des Rindes durch Robert Koch den entscheidenden Sieg der für die moderne Bakteriologie grundlegenden Anschauungen mit sich. Deshalb mag es angezeigt erscheinen, gerade diese Infektionskrankheit, die dem Menschen vergleichsweise nur selten gefährlich wird, an schädlicher Bedeutung also weit hinter anderen zurückbleibt, hier an erster Stelle zu besprechen. – Der Milzbrand ist aber nicht die erste dem Menschen drohende ansteckende Krankheit, deren Erreger von einem menschlichen Forscherauge erblickt und als solcher erkannt worden ist, das ist vielmehr das heute in unserem Klima seltene Rückfallfieber, dessen belebte Ursache schon im Jahre 1873 von Obermeier aufgefunden wurde. Es soll an zweiter Stelle behandelt werden.

Milzbrand.

Der Milzbrand gehört zu einer kleinen Anzahl ansteckender Krankheiten, die für gewöhnlich bestimmte Tierarten heimsuchen, aber auch dem Menschen gefährlich werden können und auf ihn übertragbar sind. Eigentliche Milzbrandseuchen kamen besonders früher bei Schafen und Rindern in großer Ausdehnung vor und verursachten enormen wirtschaftlichen Schaden. Auch heute sind sie zwar erheblich eingedämmt, aber noch keineswegs verschwunden. Der Milzbrand kann außerdem auch Pferde, Schweine, Ziegen und verschiedene Arten wilder Tiere und endlich auch den Menschen befallen. – Bei den Tieren verläuft die Erkrankung unter den schwersten Allgemeinerscheinungen gewöhnlich als Darmmilzbrand, der sehr rasch zum Tode zu führen pflegt. Mit den dünnen, blutigen Darmentleerungen werden große Massen von Bazillen ausgeschieden, die dann im Freien nicht selten Gelegenheit finden, Sporen zu bilden. Diese Sporen können verschleppt werden und können bei ihrer großen Haltbarkeit noch nach langer Zeit zu neuen Infektionen und damit unter Umständen auch zum Ausbruch einer neuen Milzbrandseuche führen.

Beim Menschen tritt die Milzbrandinfektion in der überwiegenden Zahl der Fälle in der Gestalt eines Milzbrandkarbunkels der Haut zuerst in Erscheinung. Dieser bildet sich in der Umgebung kleiner, mit Milzbrandbazillen oder Sporen infizierter Wunden und stellt im wesentlichen eine oft recht umfangreiche eitrige Pustel der Haut dar, in deren Umgebung sich gewöhnlich eine sehr starke ödematöse Durchtränkung und Schwellung des Unterhautgewebes ausbildet. Die Infektion erfolgt entweder direkt beim Umgang mit erkranktem Vieh, besonders beim Schlachten, beim Abhäuten und Verscharren, oder – seltener – durch Sporen, die in letzter Linie wieder von irgendeinem Milzbrandfall herstammen. Es ist nicht immer ganz aufzuklären, auf welchem Wege im einzelnen Falle die infektiösen Keime an den Menschen herangelangt sind, aber es zeigt sich, wenn man die Berufsarten der an Milzbrand Verstorbenen beachtet, daß es sich fast immer um Menschen handelt, die mit Tierfellen oder Tierhaaren zu tun haben, also um Arbeiter in Gerbereien, Roßhaarspinnereien, Bürsten- und Pinselfabriken. Eine besonders gefährliche Form des menschlichen Milzbrandes ist der durch Einatmung von Sporen entstehende Lungenmilzbrand (die »Hadernkrankheit«), die am häufigsten Arbeiter befällt, die in Papierfabriken mit dem Sortieren von Lumpen beschäftigt sind. Dieser »Lungenmilzbrand« verläuft in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle tödlich.

Abb. 16.
Milzbrandbazillen mit Sporen.