Das Krankheitsbild der asiatischen Cholera ist je nach der Schwere der Erkrankung wechselnd. Im Vordergrunde der Erscheinungen stehen Durchfall und Erbrechen, häufig sind Wadenschmerzen. Die Stimme wird heiser, hoch, klanglos, die Haut blaß, kühl. Die Körpertemperatur sinkt – im Gegensatz zu den meisten anderen Infektionskrankheiten, die mit Temperatursteigerungen zu verlaufen pflegen –, der Tod kann in wenigen Stunden eintreten. Er tritt in schweren Fällen regelmäßig innerhalb zwei Tagen ein. Eine schreckliche Eigentümlichkeit der Krankheit ist es, daß das Bewußtsein bis in das letzte Stadium hinein erhalten zu bleiben pflegt. In leichteren Fällen sind alle diese Erscheinungen nur in geringerem Grade vorhanden, und es tritt Genesung ein.
Im Jahre 1883 ging Robert Koch als Führer einer vom Deutschen Reiche ausgerüsteten Expedition nach Ägypten, um an der dort herrschenden Epidemie womöglich die Ursache der Krankheit aufzuklären. Der Erfolg der Expedition war glänzend: Koch wies in dem Choleravibrio oder Kommabazillus den Erreger der furchtbaren Seuche nach. Es handelt sich um ein kleines, leicht gekrümmtes, lebhaft bewegliches Bakterium, das seiner Form nach zu der Klasse der Vibrionen gehört, und das sich in enormen Mengen im Darm Cholerakranker findet. Die Reinkulturen dieses kleinen Lebewesens sind von denen ungefährlicher ähnlicher Arten mit Sicherheit zu unterscheiden.
Die Verbreitung der Keime erfolgt, wie sich nach dem Gesagten schon ergibt, ganz wesentlich durch Vermittlung der diarrhöischen Darmentleerungen der Erkrankten. Gelangen diese ohne besondere Vorsichtsmaßregeln in Flußläufe, so können darin die Choleravibrionen einige Zeit am Leben bleiben und unter ungenügenden hygienischen Bedingungen, besonders also in unkultivierten Ländern, wieder zu neuen Infektionen führen, vor allem dann, wenn das infizierte Wasser ohne Vorsichtsmaßnahmen als Trinkwasser verwendet wird. – In zivilisierten Ländern wird man zunächst jeden Cholerakranken zu isolieren trachten, sodann vor allem für die Vernichtung aller (mit den Darmentleerungen und dem Erbrochenen) ausgeschiedenen Keime durch Desinfektion der Entleerungen und der Wäsche der Kranken sorgen.
Abb. 23.
Cholera-Vibrio, Reinkultur, Abstrichpräparat. »Kommaförmige« Bakterien.
In der jüngsten Zeit hat sich herausgestellt, daß auch bei der Cholera asiatica, ähnlich wie beim Typhus, die Gefahr der Ausbreitung dadurch erhöht wird, daß in seltenen Fällen Individuen, die keine Cholerasymptome zeigen oder gezeigt haben, Choleravibrionen in ihrem Darminhalt beherbergen und mit demselben ausscheiden können. Es ist einleuchtend, daß ein solcher »Cholerabazillenträger« besonders gefährlich für die Verschleppung der Seuche sein kann, weil man nur durch umständliche Untersuchungsverfahren, die sich unmöglich auf eine größere Zahl von Menschen ausdehnen lassen, die Bazillenträger feststellen kann. Auch bei einer sorgfältigen Kontrolle des Eisenbahn- und Flußverkehrs wird man beispielsweise immer nur die wirklich Kranken an der Überschreitung der Grenze und Verschleppung der Seuche hindern können. »Bazillenträger« sollen übrigens nach den amtlichen Berichten bei der zurzeit (1909) in Petersburg herrschenden Epidemie ungemein häufig angetroffen worden sein und sollen wesentlich dazu beigetragen haben, daß die Unterdrückung der Seuche nicht gelingen will.
Ein wirksames Heilserum gegen die asiatische Cholera besitzen wir vorläufig nicht, dagegen haben Versuche, den Menschen durch Impfung mit abgetöteten oder auch avirulenten lebenden Reinkulturen vor der Infektionsgefahr zu schützen, ermutigende Erfolge gehabt. Sie kommen natürlich ausschließlich für Cholerazeiten in Betracht und werden besonders große Bedeutung z. B. für den Schutz größerer Truppenabteilungen in verseuchten Ländern besitzen, unter Umständen also, unter denen die Maßnahmen der Hygiene nicht durchführbar sind. Immerhin kann das Schutzimpfungsverfahren auch für weitere Kreise praktische Bedeutung gewinnen, wenn wider Erwarten trotz aller Schutzmaßnahmen unserer Behörden die Seuche auch bei uns noch einmal einfallen sollte.
Weitaus am einfachsten und nach unseren Erfahrungen durchaus sicher ist diejenige Schutzmaßnahme, die jeder Einzelne in Zeiten einer Choleraepidemie zu treffen hat, um der Krankheit zu entgehen: Er hat sorgfältig zu vermeiden, daß Choleravibrionen in seinen Mund und von da aus in den Darmkanal geraten; abgesehen von allgemeiner großer Reinlichkeit wird man dazu in solchen Zeiten ausschließlich nötig haben, alle irgendwie verdächtigen Speisen zu vermeiden. Am zweckmäßigsten wird man also in Cholerazeiten den Genuß von rohem Obst und ungekochtem Wasser ganz unterlassen und überhaupt ausschließlich gekochte oder gründlich gebratene Speisen zu sich nehmen. Daß diese einfachen und naheliegenden Mittel sehr wirksamen Schutz gewähren, beweist die schon erwähnte Tatsache, daß die Ärzte, die während der Hamburger Epidemie der Infektion ständig ausgesetzt waren, allein durch ihre Anwendung von der Seuche so gut wie verschont geblieben sind.