Kapitel VII.
Beispiele von Infektionskrankheiten unseres Klimas, die durch Stäbchenbakterien hervorgerufen werden: Diphtherie. – Tetanus. – Influenza. – Keuchhusten. – Unterleibstyphus. (Mit einer Anmerkung über Nahrungsmittelvergiftungen durch Bakterien.)
Diphtherie.
Die Diphtherie war nach der Unterdrückung der Pocken in unserem Lande wohl mit Recht eine der am meisten gefürchteten Krankheiten des kindlichen Alters, bis sie dank dem Diphtherie-Heilserum viel von ihrem Schrecken verlor. Die Krankheit beginnt nach einer gewöhnlich nur 2–5 Tage dauernden Inkubationszeit mit Fieber, Kopf- und Halsschmerzen und Schluckbeschwerden. Diese letzteren beruhen auf der wichtigsten krankhaften Veränderung, die der Diphtheriebazillus verursacht, nämlich auf der Bildung von eigentümlichen bräunlichgrauen Auflagerungen (Pseudomembranen) auf den entzündeten Schleimhäuten des Rachens und der oberen Luftwege, der Mandeln, des Kehlkopfes, seltener der Nase. Diese Pseudomembranen können, wenn sie sehr umfangreich werden, selbst die Atmung erschweren, ja vollständig unterdrücken und dadurch zu Erstickungsgefahr führen, der der Arzt in besonders schweren Fällen nur durch einen Luftröhrenschnitt begegnen kann. Aber auch nach dem Überstehen der ersten lokalen Krankheitserscheinungen können später noch nach Wochen von diesen ganz verschiedene und zuweilen sehr ernste Komplikationen sich einstellen, die in Lähmungen bestimmter Nerven bestehen.
Abb. 24.
Reinkultur von Diphtheriebazillen. Abstrichpräparat.
Die Ursache der schlimmen Krankheit wurde im Jahre 1887 von Loeffler, einem Schüler Kochs, entdeckt:
Der Erreger der Diphtherie ist ein kleines unbewegliches Stäbchenbakterium, das eine eigentümliche Form und in größeren Verbänden eine charakteristische Anordnung zeigt ([Abb. 24]) und das sich in den erwähnten Pseudomembranen in sehr großen Mengen vorfindet. Die einzelnen Bazillen sind sehr schlank, häufig ein wenig gekrümmt, und besitzen leichte kolbige oder knopfförmige Anschwellungen an einem oder an beiden Enden, die sich schon bei der Färbung mit den gebräuchlichen Anilinfarben, besonders aber bei Anwendung besonderer Methoden, intensiver färben als die Mitte. Dieses Stäbchen vermag hochwirksame Toxine abzusondern, die sowohl für die lokalen Erscheinungen als auch für die späteren, schon erwähnten sogenannten postdiphtherischen Lähmungen die Ursache abgeben.
Die Ansteckung erfolgt in der Regel durch direkte Übertragung vom Kranken auf den Gesunden; doch wird auch in diesem Falle die Sachlage dadurch kompliziert, daß Diphtherie-Rekonvaleszenten noch wochen-, ja monatelang nach der Überstehung der Krankheit lebende und infektionstüchtige Diphtheriebazillen in ihrem Rachen beherbergen und dadurch zur Verbreitung der Krankheit beitragen können. Bei systematischen Untersuchungen, z. B. bei der Untersuchung sämtlicher eine Schule besuchenden Kinder, hat man mehrfach echte Diphtheriebazillen auch im Rachen von Kindern nachgewiesen, die an der Krankheit weder im Augenblick litten, noch nachweislich gelitten hatten. Diese Freistellungen lassen den Versuch, durch allgemeine prophylaktische Maßnahmen die Verbreitung der Krankheit zu unterdrücken, als ungemein schwierig erscheinen; trotzdem lehrt die Erfahrung, daß diesen Vorbeugungsmaßregeln, wie z. B. rechtzeitigem Schluß der Schulen bei Ausbruch von Epidemien, eine große Bedeutung zukommt, wenn sie in sachgemäßer Weise gehandhabt werden.