Den Höhepunkt erreichte die methodische Schule in dem berühmtesten Frauenarzt des Altertums, Soranos aus Ephesos; ihre Nachwirkungen lassen sich durch das Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit verfolgen.

Die Medizin bei den römischen Enzyklopädisten.

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(Celsus, Plinius.)


Auch nach den Triumphen der griechischen Medizin verwehrte es die nationale Tradition den vornehmen Römern, den ärztlichen Beruf zu ergreifen und mit fremden Abenteurern, Freigelassenen oder Sklaven in den Wettkampf zu treten; den wenigen, welche das Vorurteil überwanden, haftete der Makel des Volksverrats an.

Die Geringschätzung des Heilgewerbes war aber keineswegs identisch mit einer Mißachtung der Heilkunde an sich. Im Gegenteil, das Interesse für diese stieg stetig an, wegen der (für die römische Denkweise ausschlaggebenden) praktischen Nützlichkeit, und wie sehr sich die Wißbegierde gerade der erleuchtetsten Geister auch auf medizinische Fragen erstreckte, beweisen zahlreiche Stellen in den Werken Ciceros und Senecas, die überraschenden hygienischen Bemerkungen des genialen Architekten der augusteischen Epoche, Vitruvius Pollio, die interessante Notizensammlung des Aulus Gellius.

Von römischen Familien, aus denen Aerzte hervorgingen, werden namentlich die Quintier, Cassier, Calpetaner, Rubrier, Arruntier erwähnt. — Bei Cicero kommen der Briefwechsel mit Atticus und die Schriften De natura deorum (cap. 54-57), de senectute in Betracht. Der Philosoph L. Annaeus Seneca, welcher zeitlebens kränkelte, verfaßte eine leider verloren gegangene Schrift de immatura morte und bespricht in seinen Briefen mit großer Selbständigkeit die Entstehung von Krankheiten durch Luxus und Schwelgerei, die Nachteile des übertriebenen Badens, Schwitzens und Medizinierens, den lebensverlängernden Einfluß der Mäßigkeit und der Landluft. Wiederholt geißelt er in bitteren Worten das standesunwürdige Treiben der Scharlatane seiner Zeit, anderseits erhebt er sich in der schönen Abhandlung de beneficiis (lib. VI) zum höchsten Lob des treuen, wachsamen Arztes, für dessen unschätzbare Freundesdienste man auch nach Zahlung des Honorars Schuldner bleibe: pretium operae solvitur, animi debetur. — In dem berühmten Werke de architectura des Vitruvius kommt die Rede auch auf die hygienischen Erfordernisse, und als günstig wird es bezeichnet, wenn ein Ort hoch liegt, weder den Winden noch dem Nebel, weder zu großer Kälte noch Hitze ausgesetzt ist und fern von Sümpfen liegt, deren giftige Dünste auf den Menschen verderblich wirken. Als ungünstiges Zeichen der sanitären Beschaffenheit einer Oertlichkeit sei es anzusehen, wenn man bei den Schlachttieren die Leber häufig grüngelb verfärbt vorfindet. Der Zutritt des Tageslichtes zu den einzelnen Zimmern des Hauses ist je nach dem Zwecke derselben zu regeln. Bei Besprechung der Wasserleitungen hebt Vitruvius den Nachteil der bleiernen Röhren hervor und gedenkt der Krankheiten der Bleiarbeiter. Die Entstehung der Kröpfe leitet er vom Trinkwasser mancher Gegenden ab. — Gellius (geb. um 130 n. Chr.) erklärte ein gewisses Mindestmaß von medizinischen Kenntnissen auch für den Laien unentbehrlich und brachte unter seinen Lesefrüchten aus allen Wissensgebieten auch Notizen über die Lebensfähigkeit von Siebenmonatskindern, über Fünflinge, Fehlgeburten, über die ominöse Bedeutung des 63. Lebensjahres, über die Pflicht des Stillens u. a.

Zu nicht geringem Teil wurzelte übrigens die dilettantische Beschäftigung mit der Medizin auch in der Absicht, von den halb angestaunten, halb gehaßten Fremdlingen unabhängig zu werden, die erworbenen Kenntnisse an sich selbst, bei Verwandten und Freunden oder in den, für die Familia rustica bestimmten Valetudinarien praktisch anzuwenden. Wie es längst Schriften gab, welche dem gebildeten Römer in den Lauten der Muttersprache die Geheimnisse der Rhetorik und Philosophie, der Staatswissenschaft, des Kriegswesens und der Landwirtschaft vermittelten, so erwuchs auch das Bedürfnis nach einer gleichwertigen medizinischen Literatur, umsomehr, als das alte Werk des Cato dem fortgeschrittenen Zeitgeist nicht mehr standhielt. Die Schwierigkeiten, die es hier zu überwinden galt, waren allerdings weit größer als sonstwo, da das Bücherstudium allein, ohne praktische Erfahrung, für die kritische Bearbeitung der Vorlagen nicht ausreichte und sogar die bloße Kompilation bei der Uebertragung ins Lateinische wegen der noch mangelnden Kunstausdrücke mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Doch, was der eiserne römische Wille vermochte, das bewies die bewundernswerte Leistung des streng nationalgesinnten Polyhistors Marcus Terentius Varro (117-26 v. Chr.), welcher seine gelehrten Forschungen auf alle Wissensgebiete ausdehnte und sowohl in seiner großen Enzyklopädie (Disciplinarum libri IX), als auch in seiner noch erhaltenen Abhandlung über den Landbau (Rer. rusticar. libri III) die Medizin in den Kreis der Betrachtung zog.

Außerdem beschäftigten sich höchstwahrscheinlich auch Varros „Imagines“ (Biographien und Porträts) mit der Geschichte der Aerzte, die Schrift „Catus sive de liberis educandis“ mit ärztlichen Dingen. In de re rustica (zugleich mit Catos de agricultura herausgegeben von H. Keil, Leipzig 1895) gibt Varro hygienische Vorschriften für den Bau von Landhäusern, berichtet, wie er bei einer verheerenden Seuche auf Corcyra (Korfu) durch Ventilation, Isolierung der Kranken, Erneuerung der Wohnungen Hilfe brachte, und von höchstem Interesse ist es, daß er (ibidem l. I, 12, 2) die Malaria mit genialer Antizipation von unsichtbaren Lebewesen herleitet: „Animadvertendum etiam, si qua erunt loca palustria ...... quod crescunt animalia quaedam minuta, quae non possunt oculis consequi, et per aëra intus in corpus per os ac nares perveniunt atque efficiunt difficiles morbos.“