Dem Vorbilde nachstrebend, trug A. Cornelius Celsus wahrscheinlich zwischen 25 und 35 n. Chr. das Wissen seiner Zeit in einer groß angelegten Enzyklopädie zusammen, welche den Titel „Artes“ trug und außer der Rhetorik, Philosophie und Jurisprudenz auch das Kriegswesen, die Landwirtschaft und die Medizin behandelte. Mit Ausnahme von spärlichen Fragmenten der Rhetorik ist davon nur der medizinische Teil De medicina libri octo auf uns gekommen, ein Werk, das neben dem Corpus Hippocraticum und den Schriften Galens das hochragendste Denkmal der antiken Medizin darstellt (Hippocrates latinus).
Die Medizin des Celsus, durch Frische und Prägnanz der Darstellung, wie ein modernes Kompendium anmutend, auch hinsichtlich der sprachlichen Eleganz eine Zierde der römischen Literatur, steht auf der Höhe ihrer Zeit, ist aber im wesentlichen aus den Werken des Hippokrates, der Alexandriner und der Schule des Asklepiades geschöpft; jedoch erhebt die Selbständigkeit, mit welcher Celsus entscheidende Urteile fällt, oft aus eigenen Erfahrungen seine Schlüsse zieht, seine Kompilation zum Rang eines Originals. Ja, sie ersetzt uns die verloren gegangene Literatur der Alexandriner. Wiewohl kein Berufsarzt, ist es ein geistvoller ärztlicher Denker, ein mustergültiger Praktiker, der darin das Wort führt, und geleitet von edelster Auffassung der Heilkunst die Früchte hippokratischen Geistes in der edlen Schale der römischen Mundart darreicht.
Die oft aufgeworfene Frage, ob Celsus „Arzt“ im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen, löst sich von selbst in negativem Sinne bei Berücksichtigung seiner Abstammung und der nationalen Vorurteile der Patrizier gegen die gewerbsmäßige Ausübung der Medizin, ferner im Hinblick auf die umfassenden Schriften, von denen gewiß jede einzelne den „Fachmann“ eines bestimmten Wissensgebietes widerspiegelte. (Nennt doch z. B. der spätere landwirtschaftliche Schriftsteller Columella den Celsus universae naturae prudentem virum.) Ebenso ist es nur unter dieser Voraussetzung verständlich, daß Celsus in der ärztlichen Literatur des Altertums nirgends zitiert wird. (Bloß Plinius gedenkt seiner, aber nicht als medicus, sondern als auctor.) Aber auch die Prüfung des Werkes selbst spricht gegen die Annahme, daß Celsus Berufsarzt war, denn unverhohlen äußert er wiederholt seine skeptische Grundanschauung über den Wert der Medizin. („Ut alimenta sanis corporibus agricultura, sic sanitatem aegris medicina promittit.“ — „Ideoque multiplex ista medicina .... vix aliquos ex nobis ad senectutis principia perducit“ u. a.) und an mehreren Stellen rühmt er beinahe die Volksmedizin gegenüber der wissenschaftlichen (z. B. bei Besprechung der Augen- und Zahnmittel). Damit steht aber keineswegs im Widerspruch, daß Celsus außer dem Bücherstudium die Heilkunde aus Liebhaberei auch praktisch (namentlich im Valetudinarium) betrieb und aus eigener Anschauung (im Verkehr mit Aerzten) kennen lernte. Dies geht aus seiner meisterhaften Darstellung im ganzen hervor (worin er niemals wieder von einem „Laien“ erreicht wurde), namentlich aber aus den Stellen, wo er chirurgische Eingriffe beschreibt oder von eigenen Erfahrungen redet.
Im Mittelalter war die Schrift des Celsus fast verschollen, jedenfalls ohne Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde. Die erste, jetzt nicht mehr bekannte Handschrift, aus welcher alle folgenden hervorgegangen sind (denn überall findet sich, neben kleineren, dieselbe große Lücke im 27. Kap. des IV. Buches), soll von dem späteren Papste Nikolaus V. (Thomas Perentocelli de Sarzana) im 15. Jahrhundert entdeckt worden sein. Die außerordentliche Anerkennung, welche man dem Celsus in der Renaissancezeit mit Recht zollte, ist daraus zu ersehen, daß sein Werk (noch früher als galenische oder hippokratische Schriften) als eines der ersten unter den medizinischen im Druck erschien: Editio princeps, Florenz 1478. Seither wurden zahlreiche Ausgaben veranstaltet; die letzte kritische rührt von Daremberg her; A. Cornelii Celsi de Medicina libri octo, Leipzig 1859 (Teubner). Der Text derselben ist benützt in der sehr empfehlenswerten Ausgabe von A. Vedrenes, Paris 1876. Celsus wurde auch in verschiedene Sprachen übersetzt, unter den neueren deutschen Uebertragungen ist diejenige von Ed. Scheller (A. Cornelius Celsus, über die Arzneiwissenschaft, Braunschweig 1846) die beste.
In der formell, wie inhaltlich meisterhaften Einleitung (Prooemium) schildert Celsus den historischen Werdegang der Heilkunde bis Asklepiades und Themison, zeigt, wie sich allmählich die Therapie in die pharmakologische, diätetische, chirurgische scheidet und urteilt mit Würde ohne Voreingenommenheit und Leidenschaft als unparteiischer Richter über den Wert der dogmatischen, empirischen und methodischen Schule. Besonders der Abschnitt, worin er die Denkfehler der Methodiker nachweist, gehört zu dem Besten, was die wenig gepflegte medizinische Erkenntnistheorie aufzuweisen hat.
Was wir über die Forschungsweise der Alexandriner und über die Denkmethodik der einzelnen Schulen wissen, verdanken wir zum großen Teile der lichtvollen Darlegung des Celsus; dies gilt namentlich für die Empiriker. Mit großer Klarheit weist er auch nach, wie die Methodiker mehr als die übrigen doktrinär, „dogmatisch“ verfuhren und dabei an Tiefe der Forschung, an Weite des Blickfeldes zurückstanden. Dabei sei nur ihre Einseitigkeit neu, denn längst vorher habe Hippokrates empfohlen, das Gemeinsame der Krankheiten zu beachten, ohne aber dabei stehen zu bleiben. In der Praxis verwickelten sich die Methodiker in Widersprüche; denn sie müßten dabei doch z. B. verschiedene Formen der Erschlaffung, also verschiedene Krankheitstypen berücksichtigen und trotz ihrer Ablehnung der Aetiologie auf den Einfluß des Klimas, der Jahreszeiten u. s. w. achten. Die Art von Praxis, die sie pflegen, sei unter den barbarischen Völkern und in der Tierheilkunde üblich, auch besonders bei denen beliebt, welche die Massenbehandlung in den Valetudinarien versehen.
Der Standpunkt, den Celsus selbst einnimmt, ist ein gemäßigter. Theorie und Erfahrung einander ergänzend und kontrollierend, bilden vereint die Grundlage der wahren Heilkunst. Es sei zwar nicht die naturwissenschaftliche Bildung (besonders Anatomie und Physiologie) allein, welche an sich den Arzt machte, doch bewirke sie, daß er Besseres in seinem Fache leistet. „Verumque est, ad ipsam curandi rationem nihil pius conferre, quam experientiam. Quamquam igitur multa sind ad ipsas artes proprie non pertinentia, tamen eas adjuvant, excitando artificis ingenium. Verique simile est, et Hippocratem et Erasistratum et quicumque alii, non contenti febres et ulcera agitare, rerum quoque naturam ex aliqua parte scrutati sunt, non ideo quidem medicos fuisse, verum ideo quoque majores medicos extitisse.“ Nur müsse beherzigt werden, daß die Medizin eine Konjekturalwissenschaft sei, in welcher scheinbar sicher gestellte Voraussetzungen im Spezialfalle nicht immer zutreffen, und die Spekulation dürfe zwar im Denken, nicht aber im ärztlichen Handeln eine leitende Stelle einnehmen: „est enim haec ars conjecturalis; neque respondet ei plerumque non solum conjectura, sed etiam experientia“ ..... rationalem quidem puto medicinam esse debere: instrui vero ab evidentibus causis; obscuris omnibus, non a cogitatione artificis, sed ab ipsa arte rejectis. Die Vivisektion am Menschen sei verwerflich, die Leichensektion hingegen nötig. Incidere autem vivorum corpora, et crudele, et supervacuum est; mortuorum, discentibus necessarium.... Celsus ist ein Verehrer der großen Vorgänger, und hütet ihre Verdienste mit Pietät, ohne darum den Neuern ungerecht zu werden. „Oportet autem neque recentiores viros in iis fraudare, quae vel reperunt, vel recte secuti sunt; et tamen ea, quae apud antiquiores aliquos posita sunt, auctoribus suis reddere“ (lib. II, cap. 14). Aber diese Verehrung für die Autoritäten wird nicht zum blinden Autoritätsglauben, so tritt er wiederholt nicht bloß dem Asklepiades, sondern sogar dem Hippokrates (z. B. hinsichtlich des Glaubens an die kritischen Tage) entgegen.
Der gewaltige Stoff ist folgendermaßen über die acht Bücher verteilt. Buch I: Diätetik für Gesunde; Buch II: Allgemeine Pathologie, Semiotik, Prognostik, therapeutische Indikationen; Buch III und IV: Spezielle Pathologie, mit der Einteilung in allgemeine und Lokalaffektionen. Bücher V-VIII sind chirurgischen Inhalts (besonders wertvoll ist die Beschreibung des Steinschnitts und der plastischen Operationen) mit Einschluß der Augenheilkunde und Geburtshilfe.
Anatomie und Physiologie sind bei Celsus nur soweit berücksichtigt, als praktisch-medizinische Zwecke in Betracht kommen. Die Knochenlehre ist verhältnismäßig gut dargestellt (VIII, 1), insbesondere beruht die Beschreibung des Schädels auf sorgfältiger Untersuchung. Die einzelnen Muskeln finden dagegen keine Darstellung, caro bedeutet Weichteile im allgemeinen. Mit venae bezeichnet er oft Gefäße überhaupt, unterscheidet aber an anderen Stellen luftführende arteriae und blutführende venae. Der Terminus nervi bedeutet bald Nerv, bald Muskel und Sehne. Von den übrigen Eingeweiden viscera trennt Celsus den Darm, dessen wohl unterschiedene Abschnitte er insgesamt intestina benennt. Ihre grobe Schilderung (Lageverhältnisse) findet sich lib. IV, cap. 1. Mangelhaft und unbestimmt ist die Beschreibung der Sinnesorgane, auch des Auges, obzwar letztere sogar sehr ausführlich gehalten ist (VII, cap. 7 § 13). Die Physiologie steht auf der Höhe des Corpus Hippocraticum. — Der Diät und Hygiene im gesunden und kranken Zustand ist das I. Buch gewidmet, wobei teils hippokratische, teils methodische Anschauungen zu grunde liegen, aber auch des Autors Originalität und die Anpassung an römisches Leben hervortritt. Hier geht Celsus stark in Einzelheiten und gibt unter Berücksichtigung der einzelnen Krankheitszustände sorgfältige Vorschriften für die Ernährung und für die Lebensweise in Bezug auf den Aufenthalt (Stadt, Land, Fuß- und Seereisen), Temperatureinflüsse, Bäder, Tätigkeit (lautes Lesen, Fechten, Ballspiel, Laufen, Spazierengehen, Bergsteigen etc.), Geschlechtsgenuß u. s. w. Auch das Verhalten zur Zeit von Epidemien wird berücksichtigt. Die zweite Hälfte des II. Buches behandelt den Nährwert der verschiedensten animalischen sowie vegetabilischen Stoffe in genauester Uebersicht, und gruppiert dieselben, je nachdem sie „guten“ oder „schlechten Nahrungssaft“ enthalten, mild oder scharf, schleimverdünnend oder schleimerzeugend, zuträglich oder unzuträglich sind, bezw. blähend, erwärmend, kühlend, gärungserregend, abführend, stopfend, erhärtend, erweichend, harntreibend, narkotisch wirken. — Die Lehre von den Heilmitteln und von der Zubereitung der zusammengesetzten Arzneien füllt nebst der Toxologie den größten Teil des V. Buches. Hierbei kommen je nach ihrer Wirkung zuerst die Simplicia, sodann die verschiedenen Formen der Arzneien, Umschläge, Pflaster, Pastillen, Streupulver, flüssige Einreibungsmittel, Mutterzäpfchen, Pillen (Catapotia) zur Sprache. Die Kapitel 23 und 27 betreffen die Vergiftung durch den Biß oder Stich von Tieren, durch Speisen und Getränke. Bemerkenswert ist die Schilderung der Lyssa und manche zweckmäßige Vorschrift zur Behandlung; so wird angeraten, das Gift aus der Wunde durch Schröpfköpfe, Ausbrennen, Aussaugen (letzteres sei ungefährlich, wenn Lippen, Zahnfleisch, Gaumen der aussaugenden Person unverletzt sind) möglichst rasch zu entfernen, bei inneren Vergiftungen harntreibende Mittel, bezw. Oel und Brechmittel oder Milch anzuwenden. Unter den Universalgegengiften wird die Zusammensetzung der Ambrosia des Zopyros und des Mithridates (es werden 37 Bestandteile aufgezählt) mitgeteilt.
Die allgemeine Aetiologie, Semiotik und Prognostik stellt den Inhalt der ersten acht Kapitel des II. Buches dar und ist vorwiegend aus Hippokrates geschöpft, wie Celsus selbst einleitend bemerkt: „non dubitabo auctoritate antiquorum virorum uti, maximeque Hippocratis; quum recentiores medici, quamvis quaedam in curationibus mutarint, tamen haec illum optime praesagisse fateantur.“ Wie dieser schildert er den Einfluß der Jahreszeiten, der Witterung, des Alters, der Konstitution auf die Entstehung von Krankheiten und bringt eine Fülle von unvergänglich wahren Bemerkungen über die prognostischen Kennzeichen. Von höchstem Interesse ist das 2. Kapitel, welches die Zeichen bevorstehenden Erkrankens und das 6. Kapitel, welches die Zeichen des bevorstehenden Todes (darunter die Facies Hippocratica) angibt, ferner die (im 7. u. 8. Kapitel) angeführten prognostisch wichtigen Symptome bestimmter Affektionen, z. B. der Schwindsucht, der Wassersucht, eines Unterleibsabszesses, des Leberabszesses, der Nieren- und Blasenaffektionen. Besonders fesseln die Schilderung der Abnormitäten des Harns, der Symptome des Blasensteins, der Vorboten der Raserei, der letzten Stadien des Phthisikers u. a. — alles von Meisterhand entworfen und noch heute lesenswert! Die folgenden Kapitel dieses Buches enthalten die allgemeine Therapie, wobei Celsus mit feiner Kritik sowohl die Hippokratiker wie die Schule des Asklepiades zur Geltung kommen läßt. Demgemäß weist er bei der Indikationsstellung zum Aderlaß eine ganze Reihe von Bedenken der älteren Aerzte (z. B. Alter, Schwangerschaft) zurück und findet nur in zu großer Körperschwäche eine Gegenanzeige; vortrefflich sind die Anweisungen über die Ausführung der Venäsektion und die Warnungen vor Kunstfehlern, die hierbei vorkommen. Weiterhin bespricht er das Schröpfen (blutiges und trockenes, mit Schröpfköpfen aus Horn oder Kupfer), die Abführmittel (event. zu ersetzen durch laxierend wirkende Speisen, Wasser-, Schleim-, Salz-, Oelklistiere) und Brechmittel (bezüglich welcher er mit Asklepiades nicht ganz übereinstimmt), endlich die Lieblingsmethoden der damaligen Medizin: die Massage (frictio), die aktive und passive Bewegung (gestatio), das Fasten und Schwitzen (durch Wasserbäder, Sandbäder, Dampfbäder, warme Luftbäder, letztere z. B. in Bajä, Sonnenbäder). Mit größter Sorgfalt werden in diesen Abschnitten sowohl die Indikationen als die Technik der genannten Prozeduren besprochen. — Die spezielle Pathologie und Therapie ist im III. und IV. Buche niedergelegt. Celsus wendet sich gegen die damals übliche Einteilung in akute und chronische Affektionen, er unterscheidet prinzipiell allgemeine und lokale Krankheiten, welch letztere a capite ad calcem vorgeführt werden. Unter den allgemeinen schildert er zunächst, frei von jedem dogmatischen Standpunkt, die verschiedenen Fieberarten und ihre vorzugsweise diätetische Behandlung; wichtig ist es, daß er die Theorie von den kritischen Tagen verwirft und, ungleich den Methodikern, streng individualisiert; namentlich das Verhalten des Pulses gibt ihm einen Maßstab für den Kräftezustand und die Richtschnur für das therapeutische Eingreifen, jedoch weist er auf die Fehler hin, die bei der Pulsuntersuchung unterlaufen können. Auch für die einzelnen Symptome des Fiebers, wie Kopfschmerz und Entzündung (falsch sei die Meinung des Erasistratos, daß jedes Fieber auf Entzündung beruhe), werden hygienisch-diätetische Behandlungsweisen angeraten. (Lib. III cap. 10 steht die berühmte symptomatologische Definition der Entzündung: „Notae vero inflammationis sunt quatuor, rubor et tumor, cum calore et dolore.“) Glänzend und von aktuellster Bedeutung ist das 18. Kapitel des III. Buches, in welchem die Therapie der Geistesstörungen abgehandelt wird und Celsus nicht nur für die üblichen Methoden (Diät, Aderlässe, Abführmittel, kühlende Umschläge, Uebergüsse, Massage, Einfluß des Lichts und der Dunkelheit, Zwangsmittel etc.), je nach den individuellen Verhältnissen, Indikationen angibt, sondern auf die psychische Behandlung das Schwergewicht legt. Hierher zählen freundliches Zureden, fromme List, Scheltworte oder Drohungen, Erregung der Aufmerksamkeit durch Gespräche, Vorlesen, Musik; eventuell muß der Patient selbst zu geistiger Tätigkeit z. B. zum Rezitieren angehalten werden: Cogendus est et attendere et ediscere aliquid et meminisse. In den folgenden Kapiteln des III. Buches bespricht Celsus die Pathologie und Therapie des „Morbus cardiacus“, wobei die Ernährung durch Klysmen erwähnt wird, des Lethargus, des „Hydrops“ (der Auftreibung des Abdomens, drei Arten: Tympanitis, Leukophlegmasia und Ascites), der Tabes (Auszehrung), von welcher die Spezies Atrophie, Kachexie und Lungenphthise unterschieden werden, ferner Epilepsie (Morbus comitialis), Icterus (Morb. arquatus sive regius), Lepra (Elephantiasis), Bewußtlosigkeit (durch Blitzschlag oder Schlaganfall), Lähmung (Resolutio nervorum), Tremor. Erwähnenswert ist die Behandlung der Neuralgien durch Auflegen von Schläuchen mit heißem Wasser, der Epilepsie auch durch Diät (Vermeidung von Wein und Coitus; hier wird auch das Volksmittel, Trinken von Menschenblut, angeführt: miserum auxilium tolerabile miserius malum fecit). In der Therapie der Phthise, die gleich im Beginne behandelt werden müßte, sind hervorgehoben: Milchgenuß, Diät, Enthaltung von Berufstätigkeit, warme Bäder, Saft des Wegerichs, Terpentin und Honig, Stillung der Diarrhöen und Hämoptoë, vorsichtige Massage und Bewegung, Seereisen, Klimaveränderung (Aegypten), in schweren Fällen Anwendung des Glüheisens. Das IV. Buch ist eine Abhandlung über die einzelnen Organleiden. Darunter sind ganz besonders eingehend die mannigfachen Formen des Kopfschmerzes und die Magendarmkrankheiten besprochen; unter den Kopfkrankheiten wird Hydrocephalus, unter den Nackenaffektionen Tetanus erwähnt, unter den Leberleiden schildert Celsus den Leberabszeß und die Cirrhose mit konsekutivem Hydrops, bei Milzleiden wird neben sauren und scharfen Speisen, Diureticis (Petersilie, Thymian), auch der Genuß von Rindermilz (Organtherapie!) empfohlen; für Nierenleiden sind warme Bäder, Klistiere und Diät vorgeschrieben, bei Ileus werden Oelklistiere gerühmt, gegen Bandwürmer werden nach einer Vorkur mit Knoblauch Granatwurzelrinde, gegen Ascariden und Oxyuren Oelklistiere und Pfefferminzwasser ordiniert, Gichtischen wird auch der Genuß von Eselsmilch geraten etc. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Pflege der Rekonvaleszenten. Nur allmählich dürfen dieselben zu einer ungeregelten Lebensweise zurückkehren. — Die meisterhafte Darstellung der Chirurgie nimmt das VII. und VIII. Buch zur vollen Gänze ein, außerdem sind aber auch in den übrigen Büchern chirurgische Bemerkungen eingestreut, die Kapitel 26, 27, 28 des V. Buches enthalten die allgemeine Chirurgie der Wunden, Verbrennungen, Geschwüre und Geschwülste. Im wesentlichen folgt Celsus dem Hippokrates, doch bildet sein Werk, da es die eminenten Fortschritte des folgenden mehr als vierhundertjährigen Zeitraums überall heranzieht, eine unschätzbare Quelle für die chirurgischen Leistungen besonders der alexandrinischen Schule; leider sind einige Abschnitte weniger ausführlich gehalten, als es zu wünschen wäre, und manches, wie z. B. die angeborenen Luxationen, die Verkrümmung der Wirbelsäule, die Verletzungen des Halses, die Operation des Hydrothorax, ist ganz unerwähnt geblieben. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die spezielle Chirurgie bis in die technischen Einzelheiten zu verfolgen, nur einige besonders markante Momente seien hier angedeutet. Celsus bespricht die Verletzungen und deren charakteristischen Symptome (z. B. bei Gehirnverletzungen: blutiger Ausfluß aus Nase oder Ohr, Erbrechen, Nystagmus, Delirien, Zuckungen), die Lagerung des verletzten Gliedes, die verschiedene Beschaffenheit des Wundsekretes, die Blutstillung und Wundbehandlung, die Therapie der Frakturen, Luxationen, Caries und Nekrose der Knochen, die Fisteln, Fissuren, Geschwüre und Geschwülste, die Hernien, Hodenaffektionen, Varicen, Mißbildungen u. s. w. Mehr oder minder genaue Darstellung finden die Trepanation, die Resektionen, die Amputation, die Punctio abdominis (Einschnitt, sodann Einführung einer kupfernen oder bleiernen Röhre), die Radikaloperation des Nabelbruches, die Phimosenoperation, Infibulation, Urethrotomie, Kastration, der Katheterismus u. s. w. Blutstillung erfolgt durch Tamponade und Kompression (bei parenchymatöser Blutung), Gefäßligatur (bei Verletzung größerer Gefäße) oder Massenligatur, selten durch Kauterisation. Die (in den hippokratischen Schriften nicht erwähnte) Ligatur wird folgendermaßen vorgeschrieben: venae quae sanguinem fundunt, apprehendendae, circaque id quod ictum est, duobus locis deligandae (Lib. V cap. 26 § 21). Als Wundverband diente ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm, über welchen eine Leinwandbinde befestigt wurde. Die Wundvereinigung wurde auch durch die Naht erzielt (l. c. § 23). Bei penetrierenden Bauchwunden und Darmverletzungen legt Celsus die Darmnaht an, und empfiehlt bei der Bauchnaht stets das Peritoneum mitzufassen. Einer besonderen Betrachtung werden die durch Geschosse (Pfeile, Schleuderblei, Stein) entstandenen Wunden gewürdigt, namentlich mit Rücksicht auf die Extraktion — Kapitel, die in den hippokratischen Schriften nicht vertreten sind. Ein weiterer Fortschritt gegenüber der Vergangenheit ist in der Beschreibung der Fisteln und deren operativer Behandlung zu erblicken. Hinsichtlich der Geschwürsbehandlung ist das Abtragen der kallösen Ränder und die Anwendung des Glüheisens bemerkenswert. Was die Neubildungen anlangt, so beschreibt Celsus die sehr zweckmäßige Methode der Entfernung der Atherome und kennt die, selbst nach Entfernung mit dem Messer, vorkommenden Rezidiven des Karzinoms. — Ebensowenig wie bei Hippokrates ist die Brucheinklemmung deutlich geschildert, die Radikaloperation der Brüche ist undeutlich beschrieben, hingegen erwähnt der römische Autor bereits Bruchbandagen und das Durchscheinen des Lichtes als Symptom der Hydrokele. Die Amputation wird nur bei Gangrän und zwar an der Demarkationslinie des Brandigen vorgenommen. — Glanzstellen des Werkes bilden die Abhandlung über den Seiten-Steinschnitt (Lib. VII cap. 26 § 2) — eine Abhandlung, die zu vielen Kontroversen Anlaß gegeben hat — und die Beschreibung der plastischen Operationen (zum ersten Male systematisch erörtert, Chirurgia „curtorum“; Deckung des Defektes mittels Verziehung der benachbarten Haut, Entspannungsschnitte), empfohlen für Defekte des Ohres (Lib. VII cap. 9), der Nase und Lippen, ferner für den Ersatz eines fehlenden Praeputiums. — Auch die Mund-, Nasen-, Ohrleiden werden gemäß dem Standpunkt des damaligen Wissens sorgfältig beschrieben. Auf diesem Gebiete ist namentlich die Schilderung der aphthösen Geschwüre und kruppartigen Zustände, der operativen Behandlung des Lippenkrebses, der hypertrophischen Tonsillen und der Nasenpolypen anzuerkennen und der Tatsache zu gedenken, daß Celsus die Ozaena treffend charakterisiert, eine vorsichtige Therapie der Affektionen des äußeren Ohres empfiehlt und das Uebergreifen entzündlicher Ohraffektionen auf das Gehirn genügend betont. In der Technik der Ohrbehandlung spielten Einträufelungen, Einspritzungen mit dem „Clyster oricularis“ eine große Rolle; Fremdkörper wurden durch eine mit Wolle umwickelte und mit Terpentin getränkte Sonde, Ausspritzen und Niesemittel entfernt.