Solchem Beispiel folgend und im direkten Anschluß an die Stoa, welche bei den Römern von allen Systemen am meisten angesehen war, suchte im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine Minderzahl wissenschaftlich strebender Aerzte eine neue Entwicklung der medizinischen Theorie herbeizuführen, indem man den Grundgedanken der stoischen Philosophie, die Pneumalehre, in die Physiologie und Pathologie hineintrug, zugleich aber auch die früheren gegensätzlichen Richtungen unter dem neu gewonnenen Gesichtspunkt vereinigte. Gründer der Schule war Athenaios von Attaleia (Pamphylien). Verdiente die Schule zur Zeit ihrer Stiftung den Namen der pneumatischen (πνευματικοί), weil sie vornehmlich auf die Ableitung aller organischen Erscheinungen von der Funktion und Beschaffenheit der Lebensluft den Nachdruck legte, so verwandelte sie sich doch schon sehr bald in dem Maße, als die Therapie bestimmenden Einfluß auf den Ideengang erlangte, in die Schule der Eklektiker (ἐπισυνθετικοί), auch hierin ein Gegenstück zum Stoizismus, welcher schon von Anfang an synkretistischen Tendenzen huldigte. Mag die antike Medizin oftmals ihr Licht von der Philosophie erborgt haben, stärker treten doch niemals die historischen Zusammenhänge zwischen beiden und der Zusammenklang in der nachfolgenden Entwicklung hervor. Anderseits freilich, wenn man den Werdegang der medizinischen Theorie, losgelöst von äußeren Einflüssen, betrachtet, ist es nicht zu übersehen, daß die pneumatische Schule im Wesen jene uralten Ideen von der Bedeutung der „Lebensluft“ zur Vollreife brachte, welche, abgesehen von der orientalisch-ägyptischen, in der Medizin der Naturphilosophen und Hippokratiker (vergl. Diogenes von Apollonia, Herakleitos, die hipp. Bücher περὶ φυσῶν, περὶ φύσιος ἀνθρώπου, Anonym. Londin. cap. 5), ja selbst des Erasistratos und Asklepiades (λεπτομερές) lagen, aber wenig beachtet wurden.
Das stoische Lehrsystem, begründet von Zenon aus Kition (im letzten Dezennium des 4. Jahrhunderts v. Chr.), literarisch hauptsächlich vertreten durch Chrysippos aus Soli in Kilikien, stellte als Kompromiß zwischen den verschiedenen vorausgegangenen Systemen (besonders Heraklit, Plato, Aristoteles) die typische Philosophie des Hellenismus dar und erreichte wegen des eklektischen Grundzuges, wegen der praktischen Tendenzen und last not least wegen des kosmopolitischen Standpunkts im Römerreiche die höchste Entfaltung, allerdings in Form einer moralisierenden Popularphilosophie. Die Metaphysik des Stoizismus ist dynamisch-materialistisch mit stärkster Betonung der Teleologie. Unter Anlehnung besonders an Herakleitos und an die aristotelische Dualität eines tätigen und eines leidenden Prinzips nehmen die Stoiker eine einheitliche Weltkraft (= Gott) an, die einerseits als Weltvernunft aufgefaßt wird, anderseits mit dem Urstoff, dem Feuer = Lebenshauch = Pneuma identifiziert wird. Das Pneuma ist der Urkörper, aus dem die Einzeldinge hervorgegangen sind und zugleich die alles durchdringende, alles beherrschende und erzeugende Weltvernunft (λόγος σπερματικός). Da das Pneuma, als Körper, mit Naturnotwendigkeit, als Geist aber, zweckmäßig wirkt, so kann der Naturprozeß nur zu vollkommenen und zweckmäßigen Bildungen führen. Entsprechend der Identifikation der Urkraft mit dem Urstoff wird auch bei jedem Einzelding trotz logischer Unterscheidung eines tätigen und eines leidenden Prinzips die bewegende Kraft mit dem bewegten Stoff gleichgestellt, ausklingend in den Satz: Nur das Körperliche ist wirklich. Der aus gröberen Elementen zweckmäßig zusammengefügte menschliche Leib ist in seiner ganzen Ausdehnung durchsetzt von dem warmen Lebenshauch, welcher als Ausfluß der Weltseele die Vernunft ausmacht, die Sprache, das Vorstellen, das Begehren hervorbringt, als einheitliche Lebenskraft, die physiologischen Funktionen unterhält und den Hauptsitz in der Brust hat.
Wie die stoische Weltauffassung auf biologischer Betrachtungsweise beruht (Welt = ein organisiertes, beseeltes, vernünftiges, schaffendes, zeugendes Lebewesen), wie sich die Stoiker auch gerne mit physiologisch-medizinischen Fragen beschäftigten und mit kleinlicher Teleologie vom anthropomorphen Standpunkt die Naturforschung betrieben, so war anderseits gerade ihre Lehre, wie geschaffen, auf die medizinische Theorie bestimmend einzuwirken. Dies erfolgte aber erst, als der epikureische Atomismus mit Asklepiades hinabgesunken war und der vergröberte Methodismus theoretisch nicht mehr befriedigte. Nicht allein durch die Pneumalehre und Teleologie, sondern auch in formaler Hinsicht durch die subtile Ausgestaltung der Logik und Dialektik (namentlich die feine Differenzierung im kausalen Denken) wurden die Stoiker maßgebend für die pneumatische Schule und damit für die ganze weitere Entwicklung der Medizin.
Im Gegensatz zum System der Methodiker erhebt sich das Lehrgebäude der Pneumatiker auf dem Fundament einer sorgfältig durchdachten Physiologie, in welcher neben dem Pneuma die vier Elementarqualitäten der älteren Dogmatiker, sowie die Lehre von der Lungen- und Hautatmung (vergl. hierzu besonders die sizilische Schule und Diokles) die Hauptrolle spielen.
Grundbestandteile des Körpers (wie bei den älteren Dogmatikern) sind das Warme, Kalte, Trockene und Feuchte, welche, als Stoffe gedacht, die Gewebe und Organe aufbauen, als Kräfte aufgefaßt, die Lebensvorgänge bedingen; hiervon gelten das Warme und Kalte als die wirkenden (ποιητικὰ αἴτια), das Trockene und Feuchte als die leidenden (ὑλικά) Potenzen. Die oberste Regulation der physiologischen Erscheinungen wird durch das Lebensprinzip (πνεῦμα ζωτικόν) bewirkt, das dem Menschen von Natur innewohnt (daher π. σύμφυτον), durch seine mannigfache Bewegung die innere Wärme (ἔμφυτον θερμόν) erzeugt und in dreifacher Abstufung 1. den Körper zusammenhält (ἒξις), 2. als Bildungskraft, Wachstum und Zeugung vermittelt (φύσις), endlich (als ψυχή) Denken, Empfinden, Begehren hervorbringt; der herrschende Teil der Seele ist das ἡγεμονικὸν, mit dem Sitz im Herzen (vergl. die sizilische Schule). Der Atmungsprozeß hat den Zweck, das Pneuma durch die eindringende Luft zu ersetzen und die innere Wärme zu mäßigen. (Die vom Herzen mit eingepflanzter Wärme versehene Lunge, verlangt nämlich zur Abkühlung nach kalter Luft und führt diese sodann dem Herzen wieder zu.) Bei der Zusammenziehung des Thorax wird Luft aufgenommen, bei der Ausdehnung wird die unrein gewordene nach außen abgegeben. Ergänzend wirkt die Perspiration (διαπνοή), d. h. die pulsatorische Tätigkeit der Arterien, durch deren feinste in der Haut befindlichen Endungen einerseits die Zuführung der Luft für den Körper (bei der Systole) stattfindet, anderseits die Aussonderung der unrein gewordenen Luft (bei der Diastole) vor sich geht (vergl. Empedokles, sizil. Schule, Diokles). Das Blut wird aus den brauchbaren Nahrungsstoffen (nach Vollendung des Verdauungsprozesses im Magendarmtrakt) in der Leber vermöge der eingepflanzten Wärme gebildet und von dieser dem Herzen zugeführt; die Milz dient als Reinigungsorgan (Aussonderung der unreinen Stoffe des schwarzen Blutes). Die vom Herzen entspringenden Arterien führen, ebenso wie die aus der Leber hervorgehenden Venen, sowohl Blut, als auch Pneuma (vergl. Praxagoras-Herophilos), nur mit dem Unterschied, daß die ersteren mehr Pneuma, die letzteren mehr Blut enthalten.
Stimme und Sinnestätigkeit erklären sich aus der Funktion des Pneuma; jedes der Sinnesorgane besitzt ein besonders geartetes Pneuma, z. B. das Auge ein sehr feines, das Ohr ein trockenes, die Nase ein feuchtes und dampfartiges. Die Zeugung setzt ein tätiges und ein leidendes Prinzip voraus, d. h. den männlichen Samen (mit seiner bewegenden und bildenden Kraft) und den weiblichen Zeugungsstoff (Material für den Aufbau des Embryos). Die Eierstöcke liefern keinen wirklichen Samen und sind, ebenso wie die Brustdrüsen des Mannes, nur der Analogie wegen vorhanden, aber ohne ἐνέργεια. Die Knaben stammen aus der rechten (wärmeren) Seite des Uterus, die Mädchen aus der linken. Die Bildung des Embryos erfolgt nach 40 Tagen, am 9. Tage zeigen sich einige blutige Streifen, am 18. fleischige Klümpchen und Fasern, nach 27 Tagen erscheinen schwache Spuren des Rückgrats und Kopfes. — Wie ein Rückblick ergibt, stützt sich die Physiologie der Pneumatiker auf den Stoizismus und teils indirekt, teils direkt auf Empedokles, die sizilische Schule, die Hippokratiker, Diokles, Aristoteles u. a.
Ganz, wie bei den älteren Dogmatikern wurde die Verschiedenheit der Geschlechter, Lebensalter, Jahreszeiten auf die verschiedenen Qualitätenverbindungen zurückgeführt und ein Korrespondenzsystem aufgestellt, gemäß welchem der Qualität nach, das Knabenalter dem Frühling, das Jünglingsalter dem Sommer, das Mannesalter dem Herbste, das Greisenalter dem Winter entsprach (doch herrschte bei den einzelnen Autoren keine volle Uebereinstimmung).
Gesundheit beruht auf der normalen Beschaffenheit des Pneuma und namentlich wird sie durch die Spannung (τὀνος) desselben gefördert. (Der Tonos ist durch den Puls zu erkennen.) Krankheit ist Verderbnis des Pneuma, hervorgerufen durch Dyskrasien der Elementarqualitäten, deren es im ganzen acht gibt, je nachdem nur je eine oder je zwei Elementarqualitäten abnorm vorwalten (z. B. Kälte und Feuchtigkeit). Vom Grade der Verderbnis des Pneuma, also der Dyskrasien, hängt die Schwere der Krankheit, ihre Sonderart ab. In der speziellen Pathologie der Pneumatiker wird von den Dyskrasien ausgiebig Gebrauch gemacht, zudem aber noch auf den entsprechenden Krankheitsstoff, d. h. einen der vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), das Hauptgewicht gelegt.
Am deutlichsten ist dies in der pneumatischen Fieberlehre zu verfolgen: das Quotidianfieber beruht auf Kälte und Feuchtigkeit, wird demnach durch die kaltfeuchte Körperflüssigkeit, d. h. durch den übermäßigen Schleim gebildet; das Tertianfieber beruht auf Wärme und Trockenheit, sein Krankheitsstoff ist die gelbe Galle; das Quartanfieber hat entsprechend der Kälte und Trockenheit die schwarze Galle zum Krankheitsstoff. (Trotz der praktischen Konformität mit den Humoralpathologen ist zu beachten, daß die Pneumatiker den Schleim, die gelbe und schwarze Galle nicht als letzte Krankheitsursache, sondern nur sekundär als Krankheitsstoff ansahen.) Unter den einzelnen Autoren herrschte übrigens betreffs der Krankheitsklassifikation nach Qualitäten keine volle Harmonie. Aus dem Korrespondenzsystem der Qualitäten leitete man die besonderen Eigentümlichkeiten der einzelnen Krankheitsformen in Bezug auf ihr Vorkommen ab. So kommt z. B. das kaltfeuchte Quotidianfieber (seiner Qualität entsprechend) am häufigsten im Winter, bei kalter und feuchter Luftbeschaffenheit, in kalten und feuchten Gegenden und im Greisenalter vor; die Tertiana (Wärme — Trockenheit) bei jugendlichen Personen, zur Sommerszeit, in heißen und trockenen Gegenden; die Quartana (Kälte — Trockenheit) im Herbste etc.
Fieber entsteht durch Fäulnis der Kardinalsäfte (σῆψις τῶν χυμῶν) — eine schon von den älteren Dogmatikern vertretene Lehre, die von nun an lange in der Medizin herrschend blieb. (Asklepiades und die Methodiker hatten die Annahme einer Fäulnis, ebenso wie einen eigentlichen Verdauungsprozeß verworfen, für sie gab es nur Verstopfung der Porengänge, bezw. Zerlegung in Atome.) In der Krankheitslehre sind nicht nur die offenbaren Ursachen (φαινόμενα), sondern auch die verborgenen, unsichtbaren (ἄδηλα) zu erforschen. Nach dem Muster der stoischen Doktrin unterschieden die Pneumatiker mit subtilster Haarspalterei in der Aetiologie eine ganze Reihe von Ursachen verschiedenen Grades, von denen die wichtigsten Arten folgende waren. Αἴτια προκαταρκτικά, das sind die äußeren Gelegenheitsursachen (z. B. übermäßige Nahrungsaufnahme). Von diesen erst werden die αἴτια προηγούμενα hervorgerufen (z. B. die durch übermäßigen Genuß von Speisen entstandene Ueberfüllung der Gefäße mit Blut — Plethora). Unter den αἴτια συνεκτικα verstand man die eigentlichen fortwirkenden Ursachen, von deren Vorhandensein, Zunahme, Abnahme, Verschwinden die entsprechenden Stadien der Krankheit abhängen (z. B. Stein in der Harnblase). Man sonderte ferner im Krankheitsprozeß begrifflich: αἴτία (die wirkende Ursache), διάθεσις (alles das, was zum Krankheitszustand gehört), νόσος (die Dyskrasie), πάθος (Funktionsstörung) und σύμπτωμα (Folgen der verletzten Funktion).