Es sind die Schriften: περὶ ὀνομασιας τῶν τοῦ ἀνθρώπου μοριων = über die Benennung der Körperteile, ἰατρικἀ ἐρωτήματα = ärztliche Fragen, Krankenexamen, eine ausgezeichnete Diagnostik, σύνοψις περὶ σφυγμῶν = Uebersicht der Lehre vom Pulse (vielleicht unecht), περὶ ποδάγρας = über Gicht, nur in barbarischer lateinischer Uebersetzung vorhanden, περὶ τῶν ὲν νεφροῖς καὶ κύστει παθῶν = Nieren- und Blasenleiden; περὶ σατυριασμοῦ καὶ γονορροίας = von der Satyriasis und dem Samenfluß; περὶ φαρμάκων καθαρτικίν = über Abführmittel. Die Abhandlung περὶ ὀστῶν, sowie die Schrift über die Anatomie der inneren Teile des Menschen, περὶ ἀνατομῆς τῶν τοῦ ἀνθρώπου μορίων, welche dem Rhuphos zugeschrieben wurden, gehören einem Ungenannten an. Ausgabe von Daremberg-Ruelle, mit französischer Uebersetzung (Paris 1879). Erste deutsche Uebersetzung von R. v. Töply „Anatomische Werke des Rhuphos und Galenos“, Wiesbaden 1904. Außerdem schrieb Rhuphos über Geschichte der Medizin, akute und chronische Krankheiten, Gelbsucht, Diätetik (auch bei Meerfahrten), über Wein, Milch, Honig, Feigen, Hausarzneimittel, pflanzliche Arzneimittel, über Chirurgie, Gynäkologie, Augenheilkunde — wie angeführte Büchertitel und Fragmente beweisen.
Rhuphos hat uns eine für Anfänger bestimmte anatomische Schrift hinterlassen: „Ueber die Benennung der Körperteile“, welche für die Geschichte der anatomischen Nomenklatur großen Wert hat, seine Kenntnisse hat er nach eigener Angabe durch die Sektion an Affen erworben und er klagt darüber, daß man zu seiner Zeit nur auf Tierzergliederung beschränkt sei, höchstens die Körperoberfläche am lebenden Sklaven demonstrieren dürfe, früher dagegen hätte man zu Unterrichtszwecken menschliche Leichen zergliedert. Er beschrieb zuerst das Chiasma, kannte die Linsenkapsel, und ahnte den Unterschied zwischen Empfindungs- und Bewegungsnerven; auch schrieb er dem Nervensystem nicht bloß die Vermittlung der Empfindung und Bewegung, sondern die Leitung aller Funktionen zu. Das Buch „Aerztliche Fragen“ zeigt, mit welcher Feinheit die Aerzte bei ihrer Diagnose verfuhren. Die nicht für echt gehaltene „Pulslehre“ stützt sich im wesentlichen auf Herophilos, erörtert die Lage und Bewegung des Herzens, die Verschiedenheit des Pulses, je nach dem Lebensalter und in Krankheiten und unterscheidet mannigfache Pulsarten, je nach der Schnelligkeit, Stärke, Häufigkeit und nach Beschaffenheit der Arterie; als charakteristische Formen werden beschrieben z. B. der unterbrochene (παρεμπίπτων), der ameisenartige, formicans (μυρμηκίζων), der dikrote, der wurmförmige, vermicularis (σκωληκίζων) u. a. — In Betreff der Erkrankungen der Harnorgane, die Rhuphos in einer eigenen Schrift darstellte, wäre hervorzuheben, daß er bei Nierenentzündungen im Anfang keine Diuretika, sondern warme Klistiere anwandte, daß er bei Blasenentzündung der Männer den Gebrauch des Katheters widerriet, hingegen eine warme und milde Behandlung (Umschläge, Bäder, Klistiere, Suppositorien, Druck auf die Blasengegend) empfahl; außerdem schildert er die Blasenblutungen, Blasenlähmung, den Blasenstein (bimanuelle Untersuchung), den Prostataabszeß (als Geschwülste) und gibt zumeist eine sehr zweckmäßige Therapie für diese Zustände an. Er gehört zu den ältesten Schriftstellern über Bubonenpest, Aussatz und Kondylome, beschreibt das traumatische Erysipel, Epithelialkarzinome, Sehnengeschwülste (Zerdrücken der Ganglien) und führte die Verbreitung des Guineawurms auf schlechtes Trinkwasser zurück. Von seiner chirurgischen Tätigkeit spricht die eingehende Beschreibung der verbesserten hippokratischen Streckbank und die Angabe über die Blutstillungsverfahren (Fingerdruck, Kompressivverband, Kälte, Adstringentine, Torsion, Ligatur, Durchschneidung der angeschnittenen Gefäße), sowie die Erwähnung traumatischer Aneurysmen; auch der Gynäkologie (Dysmenorrhöe, Schwangerschaftsdiagnose und Hygiene der Schwangeren) widmete er seine Aufmerksamkeit. Endlich verbesserte Rhuphos auch die Hygiene durch zahlreiche höchst rationelle und vielseitige Vorschriften, förderte die Psychiatrie und erfand eine ganze Reihe von Arzneikompositionen, unter denen seine Hiera (koloquinthenhaltiges Abführmittel) besondere Berühmtheit erlangte.
Rhuphos erklärte das Fieber für ein großes Heilmittel, von dem zu wünschen wäre, daß man es künstlich erzeugen könnte und berichtet, daß manche afrikanische Völker in dieser Absicht Bocksharn verwenden.
Bezüglich der ἱερά sei daran erinnert, daß mehrere Aerzte des Altertums solche Mischungen dieses Namens komponierten, so Andromachos (ἱερὰ πικρά), Archigenes (ἱερὰ διὰ κολοκυνθιδος oder δι'ὰλόης).
Das Emporstreben der Pneumatiker und Eklektiker vermochte die methodische Schule keineswegs zu unterdrücken, im Gegenteile, dieselbe blühte als mächtigste weiter, und gerade in der Epoche des Trajan und Hadrian war ihr ein bedeutsamer Aufschwung beschieden durch einen der berühmtesten und bis tief ins Mittelalter gefeierten Aerzte: Soranos aus Ephesos, den „methodicorum princeps“, den Verfasser „vieler herrlicher Werke“. Aber, mochte dieser große Arzt auch fest im Erdreich des Methodismus wurzeln, die umfassende Ausbildung, welche er vorwiegend in Alexandreia empfing, trug doch gewiß das ihrige dazu bei, daß er, frei von beschränkter Einseitigkeit, auch jene Erkenntnisquellen nicht ungenützt ließ, welche die angestammte Schule mied, daß er, nur auf anderem Wege, aber mit gleichem Ziele, den besten der damaligen ärztlichen Forscher, und dies waren durchwegs eklektische Denker, entgegenkam. Scharfe Beobachtungsgabe, sicheres, selbstgeprägtes Urteil, vorurteilslose Sinnesart kennzeichneten in ganz besonderem Grade sein Wesen. Was er — der bedeutendste Geburtshelfer des Altertums — in der Frauen- und Kinderheilkunde geschaffen, liegt glücklicherweise direkt vor unseren Blicken, die trefflichen sonstigen Leistungen und Gedanken dieses Meisters, der das Gesamtgebiet der Medizin erfolgreich beherrschte, sehen wir nur durch das mehr oder minder trübe Medium der Uebersetzer und Kompilatoren; denn von Soranos selbst besitzen wir außer Fragmenten nur die beiden wertvollen gynäkologischen Bücher περὶ γυναικείων (παθῶν) nahezu vollständig.
Soranos, der Sohn des Menandros und der Phoibe, studierte in Alexandreia und wirkte als Arzt in Rom. Sein berühmtes Werk „Ueber die Krankheiten der Frauen“ (im Jahre 1838 von F. R. Dietz wieder aufgefunden) liegt uns, abgesehen von den Ausgaben von Zach. Ermerins (Utrecht 1869) und Val. Rose (Leipzig 1882) in einer deutschen Uebersetzung vor („Die Gynäkologie des Soranos“, übersetzt von Lüneburg-Huber, München 1894); nebstdem gibt es davon eine noch erhaltene populäre Ueberarbeitung aus späterer Zeit in Form des Hebammenbuches des Moschion. Caelius Aurelianus verfaßte ebenfalls eine lateinische Bearbeitung der Gynäkologie (unter dem Titel „Genetia“, wovon jedoch nur ein Fragment übrig geblieben ist) und folgte in seinem Werke De morbis acutis et chronicis so sklavisch dem gleichbetitelten, verloren gegangenen Werke des Soranos περὶ ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν, daß man fast von einer Uebersetzung sprechen kann, jedenfalls ein deutliches Bild von den Lehrmeinungen und der Praxis des Soranos daraus gewinnt. Nebstdem schrieb der Ephesier — es sollen im ganzen 30 Schriften gewesen sein — über die Seele, Biographien der Aerzte und Geschichte der Sekten, eine anatomisch-physiologische Nomenklatur, über Aetiologie, die Kommunitätenlehre, über Fieber, Heilmittel und Heilmethoden, über den Samen, über das Gebären lebendiger Jungen, über Knochenbrüche, Verbandlehre, ferner Kommentare zu Hippokrates, über das Auge, über hygienische Lebensregeln u. a. Vorhanden ist ein, dem gynäkologischen Werke entlehntes Fragment (περὶ μήτρας); ferner das Fragment über die Kennzeichen der Knochenbrüche (περὶ σημείων καταγμάτων, beide abgedruckt in Idelers Physici et medici graeci minores I.), in lateinischer Sprache De medicamentis und de digestionibus = de salutaribus praeceptis. Unterschoben sind mehrere unter dem Namen des Soranos laufende Schriften: de pulsibus, quaestiones medicinales, in artem medendi isagoge u. a.
Diese Werke übten direkt und indirekt, in den Ueberarbeitungen oder Auszügen, jahrhundertelang Einfluß auf die Medizin aus, und Soranos erfreute sich bei Anhängern wie Gegnern der methodischen Schule des höchsten Ansehens. Selbst Tertullian und der heilige Augustinus erwähnen ihn stets mit Auszeichnung.
Entsprechend der Sitte, daß Aerzte in der Regel nur bei schwierigen Geburtsfällen zugezogen wurden, wendet sich die „Gynäkologie“ des Ephesiers zwar an die Hebammen, enthält aber, tatsächlich über den Rahmen weit hinausgehend, den gesamten Erfahrungsschatz der antiken Geburtshilfe, Gynäkologie und auch Kinderheilkunde. Die Kenntnisse der Alexandriner — Herophilos, Demetrios — scheinen nicht nur übertroffen zu sein, sondern es machen sich bei Soranos noch einige Züge angenehm bemerkbar, welche sicher für die praktische Handhabung von weittragender Bedeutung gewesen sind, nämlich die Abneigung gegen die abergläubischen Prozeduren, woran gerade die Frauen- und Kinderheilkunde allezeit überreich war (Amulette, Magnete etc. werden nur ausnahmsweise zu bewußt suggestiven Zwecken zugelassen) und die Verwerfung der älteren rohen, geburtshilflichen Methoden, die noch aus der knidischen Schule herstammten (unvorsichtige Anwendung von Fruchtabtreibungsmitteln, Schütteln des Körpers, Sukkussion mit der Leiter, Treppensteigen etc. zur Beförderung der Geburt, verschiedene rohe mechanische Verfahren, um die Placenta herauszuziehen). Im Geiste eines überlegten Konservatismus bestimmt Soranos überall die Indikationen für therapeutische Eingriffe aufs genaueste.
In der Lehre von den Dystokien steht er auf dem gleichen Standpunkt, wie die Vorgänger; als Ursachen der erschwerten Geburt gelten das Allgemeinverhalten der Mutter (vorgerücktes Alter, besonders Erstgebärender), Abnormitäten der Geschlechtsteile (z. B. Verlegung der Scheide durch Geschwülste, schmale Hüften = Verengerung des Beckens), Absterben des Kindes, endlich abnorme Lagen desselben, von denen er eine beträchtliche Zahl kennt; normal ist, nach Ansicht des Soranos, eigentlich nur die Kopflage, demnächst die Fußlage; bedenklich sind die Doppellagen. Die Untersuchung erfolgt mittels des Spekulums (δίοπτρα). Zur Vorbereitung für die Geburt eignen sich Einreibungen von Fett, häufiges Einführen des beölten Fingers der Hebamme in den Muttermund. Bei der normalen Geburt kommt der (mit halbmondförmigem Ausschnitt, Rücken- und Armlehne versehene) Geburtsstuhl zur Anwendung, wobei die Hebamme gegenüber sitzt, während zwei Frauen, zu beiden Seiten stehend und eine dritte, von rückwärts, die Gebärende unterstützen, bezw. das Beugen nach vorn verhindern. Der Damm wird mit einem linnenen Tuche unterstützt, die Geburt durch Druck auf den Unterleib oder Zug an dem Kinde befördert; die Lösung der Placenta ist durch die in den Uterus eingeführte Hand auszuführen. In den abnormen Fällen wird die Frau auf das Geburtsbett gelagert; eines der wichtigsten Hilfsmittel, insbesondere bei buckligen und fetten Frauen ist die Knieellenbogenlage; wo es nötig, muß die Blase durch den Katheter entleert und die Sprengung der Eihäute vorgenommen werden. Zur Beseitigung der abnormen Lagen, d. h. um sie in die gerade Richtung zu bringen, in die Kopf- oder Fußlage zu verwandeln, hat man die Wendung auszuführen. Vorliegende Gliedmaßen sind zurückzubringen, ein vorliegender Arm im Notfall zu exartikulieren; die Embryotomie und Embryulkie, bei welcher der ἐμβρυοσφάκτης (Instrument, welches aus Dilatatorium, einem scharfen Ring und einem stumpfen Haken bestand) in Funktion trat, sollte nur unter den zwingendsten Umständen zur Anwendung kommen. Es ist aber hierbei zu beachten, daß Soranos die Eingriffe, wenn es das Leben der Mutter erheischte, auch am lebenden Kinde vornahm. Die Frauenkrankheiten (Amenorrhöe, Metrorrhagie, Hysterie, Fluor albus, Dislokation, Pneumatose, Oedem des Uterus, Metritis, Scirrhus, „Sklerom“ des Uterus, Nymphomanie, Atresie der Scheide u. a.) beschreibt Soranos sehr eingehend und zumeist mit Angabe einer ganz rationellen Therapie (lokal kommen dabei auch Injektionen mit dem Mutterrohr — μητρεγγὑτης in Betracht). — Die Ausführungen über die Diät der Schwangern, über Säuglingspflege und erste Erziehung der Kinder bieten eine Fülle von vortrefflichen Ratschlägen, lassen tief in die römischen Kulturverhältnisse blicken und muten oft ganz modern an.
Die Anatomie des weiblichen Genitalsystems, welche Soranos in einem der ersten Kapitel bringt, ist mangelhaft und oft unklar. Bemerkenswert ist es immerhin, daß er die Wanderungen des Uterus und seine animalische Natur, die Lageveränderungen durch Kontraktion der Bänder und die Existenz der Kotyledonen bestreitet, ferner, daß er weiß, daß sich der Muttermund beim Coitus und bei der Menstruation öffnet. Hingegen kennt er keinen Hymen, was ein merkwürdiges Licht auf die Verhältnisse in Rom wirft. — Was die Embryologie anlangt, so läßt Soranos die Ernährung des Fötus nur durch die Nabelgefäße zu stande kommen. Die Möglichkeit, das Geschlecht des Kindes durch die Beobachtung der Lage vorauszuerkennen leugnet er. — Zur Verhinderung der Konzeption empfiehlt er (unter Verwerfung der vielen damals gebräuchlichen Mittel) Verschließung des Muttermundes durch Baumwolle, Salben, fettes Oel, Genuß des Uterus von Mauleselinnen (Antipathie); fruchttötende Mittel dürfen nur bei kräftigen Frauen und auch bei diesen nur während des 3. Monats angewendet werden; die Einleitung des Abortus durch den Eistich verbietet er wegen der Gefahr. — In den pädiatrischen Abschnitten kommen folgende Fragen zur eingehenden Verhandlung: Kennzeichen der Reife des Kindes; Nabeldurchtrennung (mit dem Messer, ohne Kauterisation; bei noch ungelöster Placenta doppelte Unterbindung); Beseitigung der Vernix caseosa (durch Bestreuen mit Salz oder Natron), Waschung, Reinigung der Augen (mit Oel) und des Mundes, Entfernung des Meconiums (Einführung des kleinen Fingers in den After); Verfahren beim Wickeln der Kinder (Einwicklung des ganzen Kindes mit wollenen Binden); Nahrung (in den ersten zwei Tagen gar keine, höchstens gekochten Honig, Stillen soll am dritten Tage beginnen, aber in den ersten 20 Tagen nicht durch die Mutter, sondern durch eine Amme; in Ermangelung dieser, Ernährung mit Honig und Ziegenmilch), Auswahl der Amme, Prüfung der Brustwarzen und der Ammenmilch (günstigstes Alter zwischen 20 und 40 Jahren, Multipara; gute Milch mischt sich mit Wasser allmählich, gleichmäßig, ohne Gerinnsel), Diätetik der Amme (Abstinenz von Wein, regelmäßige Leibesöffnung, mäßige körperliche Bewegung), Vorschriften über das Anlegen an die Brust (verschiedene Bedeutung des Kindergeschreies), Baden, Massieren, Salben, die Gehübungen (in mit Rädern versehenen Körben), die Entwöhnung (erst nach 1½-2 Jahren), Nahrung in den ersten Kinderjahren. — Im weiteren werden die Kinderkrankheiten (schweres Zahnen, wobei das Einschneiden des Zahnfleisches verworfen wird, Mandelentzündung, Soor, Geschwüre, Hautausschläge, Katarrh, fieberhafte Affektionen mit cerebralen Symptomen, Durchfall) und ihre Behandlung sorgfältig besprochen.